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300.000 für sonne Möhre! Quo vadis Techno Classica?

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Written by hansbahnhof

Die Techno Classica 2016 ist fast vorbei und ich habe sie zwei Tage volle Dröhnung mitgenommen. Jetzt, wo meine malträtierten Füße verbotenerweise auf dem Esstisch liegen (Frau nicht da) habe ich Zeit, das Gesehene und das Gefühlte aufzuschreiben.

Ohne Zweifel: Die Techno Classica ist riesig und wird immer professioneller. Sie ist und bleibt zu Recht das Schwergewicht unter den internationalen Oldtimerveranstaltungen ihrer Art. Wer sich auf der Welt für alte Autos interessiert, kommt an Essen nicht vorbei. Egal ob er in Düsseldorf, Amsterdam oder New York lebt.

So weit, so gut.

Dass man sich im Wust der Hallen immer schlechter zurecht findet, ist in Teilen systembedingt. Die Messe Essen ist organisch gewachsen, was zu einer gewissen grundlegenden Unübersichtlichkeit führt.

Dass die SIHA als Veranstalter versucht, angesichts des Andrangs nun auch die letzten Ecken zu Ausstellungsflächen umzufunktionieren, ist löblich und  entschärft die Enge ein wenig. Gleichzeitig sorgen die zusätzlichen Ausstellungsflächen für noch mehr Verwirrung beim Besucher. Hilflos umherirrende Menschen findet man auf der Techno Classica daher nicht nur unter Zugereisten und Erstbesuchern. Auch ich verlaufe mich nach Jahren und als Essener mit schöner Regelmäßigkeit zwischen den Hallen.

Das nimmt dann etwas abstruse Züge an, wenn man im Anschluss an die eh schon kaum auffindbare Halle 1a eine zur Ausstellungshöhlehalle umfunktionierte Tiefgarage entdeckt, in der sich unter anderem ein früher Elfer mit einem „300.000 EUR“-Schild findet.

Das Aussterben der Schrauber und Clubs

Ernsthaft Sorge macht mir bei aller Freude über die positive Entwicklung der Messe in meiner Heimatstadt das zunehmende Verschwinden der richtigen Schrauber und Clubs. Sie werden mehr und mehr durch noch mehr Hochpreishändler mit entsprechenden Hochpreisangeboten ersetzt. Oder ist das nur mein subjektiver Eindruck?

So gab es auf der Techno Classica 2016 noch mehr Hochglanzstände mit noch mehr Hochglanzrestaurationen der „1+-Kategorie“. Und es gab noch mehr  Bodenspiegel zur Betrachtung der geleckt gereinigten Motorräume von unten (!). Fährt eigentlich noch jemand mit solcherart polierten Kisten?

Hinzu kommen verheißungsvoll lächelnde Grid-Girls, die sich lasziv vor Oldtimern räkeln. Die gab es früher nicht. Und ich empfinde die Mädels auf so einer Veranstaltung auch nicht als Bereicherung.

Video-Impression

Für alle, die noch nie da waren, habe ich hier mal die Kamera draufgehalten: 1:26 Minuten vorbei an einigen Clubs und Schraubern auf der Techno Classica 2016. Damit man einen Eindruck bekommt…. (ich würde das nicht „Film“ nennen).

1989

Meine erste Techno Classica habe ich 1989 besucht. Damals war ich Student und pleite und pilotierte einen rostigen 40 PS Polo. 1989 gab es rostige Rückspiegel statt Motorraumspiegel und es gab Typen in Blaumännern statt Grid-Girls. Ich fühlte mich damals wohl zwischen all der Bodenständigkeit und den nach Öl duftenden Kisten.

Natürlich gab es auch damals schon Hochglanz-Oldtimer. Auch deswegen ging man hin. Doch sie standen nicht im Mittelpunkt des Veranstaltung. Und die Investoren? Die saßen ´89 in Banktürmen und verkauften Aktien an Leute mit zu viel Kohle.

Nun wäre es selbstverständlich zu simpel und unrealistisch, sich diese Zeiten zurückzuwünschen. Die Oldtimerszene hat sich halt gewandelt, vergrößert und internationalisiert.

Der Verlust der Bodenhaftung

Doch sehe ich die Gefahr, dass meine Lieblingsmesse die Bodenhaftung verliert. Die Techno Classica stand von jeher für einen Querschnitt durch die ganze bunte Welt der Oldtimerei. In Essen erwarte ich Mercedes SSK UND Vespa-Club. Ich lächele über den Investor und lache beim Pläuschchen mit Otte Cervinski, dem Manta-Spezialisten. Ich freue mich darüber, dass sich Horch und Honda Monkey auf Augenhöhe begegnen.

Eine Techno Classica, die Schrauber und Clubs zum Beiwerk degradiert, passt nicht in eine Gegend wie den Pott. Diese Erkenntnis dürfte spätestens dann an Bedeutung gewinnen, wenn Investoren und Garagengoldkäufer sich umorientieren. Schließlich kann niemand garantieren, dass die aktuelle Oldtimereuphorie bis Ultimo anhält.

Schade, wenn dann irgendwann Typen fehlen, wie der Mitsechziger, der mit entgleistem Gesicht vor dem 300.000 EUR Porsche in der Tiefgaragenhalle stand. Sein Kommentar: „300.000 für sonne Möhre! Die haben doch einen anne Waffel!“

Stimmt. Und es wäre schön, wenn Essen auch in Zukunft angemessenen Raum für Experten dieses Kalibers, ihre Analysen und ihre kleinen Träume hätte. Dafür verzichte ich auf die meisten Grid-Girls und auf alle Motorraumspiegel. Danke!

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

5 Comments

  • Passender und schöner hätte ich das auch nicht formulieren können. So erging es mir auch, nachdem ich mit Parkplatzsuche und Shuttlebus Richtung Gelsenkirchen dann nach bald 2 Stunden ins Getümmel einsteigen konnte …

  • Hallo Hansbahnhof
    Wie recht du hast! Aber du und ich und viele meiner Freunde des UCS (Urelfer-Club Schweiz) geben nicht auf, genau das Andere zu tun und zu leben: wir FAHREN unsere 911er! Wir lieben sie, wie wenns unsere Kinder wären und wir umsorgen sie mit manchmal ängstlichen und meist liebevollen Gesten. Zum Glück weiss nur ich, dass mein gelegentlicher Gang zur Garage mitten in der Nacht nur dem Zweck dient, zu schauen, wie es meinem ‚Sorgenkind‘ geht, und ob alles ok ist…!
    Grüessli aus der Schweiz Walti

  • Hallo Hansbahnhof,
    auch ich kann es nicht besser betrauern.
    Die Retro-Classic in Stuttgart im März und auch die Classic Days auf Schloß Dyck im vergangenen August gaben genau diesen Eindruck wieder.
    Viel zu wenig Rost, Öl und Hemdsärmeligkeit, dafür viel zu viel Overdresste/innen und Overchromte.

    Aaaber: Bad Harzburg, Rennbahn, 3. und 4. Oktober 2015, voll super!

    Ich hoffe noch auf Bockhorn im Juni.

    Claudia

  • Moin Hans,

    ich bin der Typ mit der „ollen Möhre“ und zum Glück hatten wir alle genug Humor und Getränke in unserer TG! Ziel war der Verkauf der anderen drei amerikanischen Pretiosen auf meinem Stand. Aber bei dieser ‚Top-Lage‘ war das natürlich unmöglich. Viel Arbeit für nichts und wieder nichts!

    Ich war übrigens selbst erstaunt, was die anderen 5 Softies auf der Messe so bringen sollten. Ich habe mein Preisschild lediglich als verkaufsfördernde Maßnahme für die Ami’s angebracht aber mitbekommen, dass ein grüner aus Halle 1A für 250K tatsächlich den Besitzer gewechselt hat.

    Na ja, war mein erstes mal in Essen und ich komme so schnell bestimmt nicht wieder. Und mal ganz ehrlich, wenn man so ein Teil, was an der B-Säule kollabiert war, selbst auseinander- und wieder zusammengesetzt hat, dann trennt man sich davon auch nicht mehr: „je oller umso doller“.

    Wir sind übrigens mit beiden Autos auf eigener Achse hin- und wieder zurückgefahren. Mit der C1 aus 1959 die ca. 350km von Hamburg nach Essen sogar offen in strömendem Regen. (interner Sprachgebrauch eAo = eigene Achse offen). Humor ist, wenn man trotzdem lacht ;-))

    Mit luftgekühlten Grüße von
    Frank

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