Automobilia Off-Topic

50 Jahre Carrera Autorennbahn – ein persönlicher Rückblick

Written by hansbahnhof

Carrera wird 50! Also nicht der Porsche, sondern die Autorennbahn. Ich werde nicht der einzige sein, dessen Autobegeisterung in den sechziger und siebziger Jahren von den rasanten Plastikrennern beflügelt wurde. Ein persönlicher Rückblick.

Es gibt eine Tonbandaufnahme von mir. Irgendwann Ende der Sechziger hat mein Vater sie mit seinem brandneuen Uher Tonbandgerät gemacht. Darauf ist zu hören, wie sich der kleine hansbahnhof mit Papa über potentielle Weihnachtsgeschenke unterhält. Vater und Sohn blättern in einem „Vedes“ Spielzeugkatalog. Dem ultimativen Informationsmedium der Drei- bis Zwölfjährigen in den sechziger und siebziger Jahren.

Ich bin außer mir vor Aufregung, als ich die Carrerabahn entdecke und äußere den Wunsch, zu Weihnachten eine möglichst große zu bekommen. Doch mein Vater hat gerade das sündteure Uher gekauft und Prinzipien. Bis zur eigenen 124er dauert es noch bis Mitte der Siebziger. Da bin ich schon zehn und im richtigen Carrera-Alter.

Papparazzi – oder ein NSA-Mitarbeiter – man weiß es nicht. Dahinter Carrera-6 Porsches “mint boxed” – Carrera 124 war die größte Carrerabahn und hatte Edelstahlschienen für den Betrieb im Garten

Papparazzi – oder ein NSA-Mitarbeiter – man weiß es nicht. Dahinter Carrera-6 Porsches “mint boxed” – Carrera 124 war die größte Carrerabahn und hatte Edelstahlschienen für den Betrieb im Garten

Mein Bruder und ich steigen groß ein. Die Bahn wird im geräumigen Kinderzimmer aufgebaut und sofort um zahlreiche dringend notwendige Schienen erweitert. Bei Versorgungsengpässen lassen wir unsere Beziehungen spielen. Denn meine Mutter hilft zu der Zeit bei Spielwaren Deppe in Wanne-Eickel aus. Schon der Geruch beim Öffnen der Ladentür verheißt das Paradies. Bei Deppe gibt es stapelweise Carrera sämtlicher Größen und irgendeine wichtige Schiene fehlt immer.

Irgendwann werden die Kinderzimmer zu klein. Wir ziehen in den Garten um. Das geht schon deswegen super, weil Carrera 124 Stromleiter aus Edelstahl hat. Außerdem sind Autos und Schienen ziemlich robust. Wir kippen Sand auf die Schienen, um mit den Autos durchzufahren. Carrera 124-Autos nehmen das stoisch hin.

Wurst! Auch für das leibliche Wohl der Zuschauer war bei Carrera gesorgt.

Wurst! Auch für das leibliche Wohl der Zuschauer war bei Carrera gesorgt.

Einzige Schwachstelle sind die Leitplanken. Sie sind aus Gummi und werden mit roten Hartplastik-Clipsen an den Schienen befestigt. Die Klipse sind eine Fehlkonstruktion und brechen regelmäßig beim Montieren ab. Egal. Als Ersatz kaufen wir Fahrbahnverbreiterungen, die auch den Fahrzeugen in Außenkurven Powerslides ermöglichen. Das macht viel mehr Spaß als Leitplanken, weil es fahrerisches Können erfordert – und davon haben wir ausreichend.

Wir investieren in noch mehr Autos. Und spätestens zu dieser Zeit entwickelt sich mein Pawlowscher Reflex, wenn ich etwas mit Rädern sehe. Mein Lieblingsauto ist der weiße „Wrangler-Turbo Porsche“, dem ich eine grünblaue Gulf-Lackierung verpasse. Dann steigen mein Bruder und ich in die damals höchste Liga des Carreraauto-Universums auf. Wir erwerben die ersten und damals sündhaft teuren Bausätze. Mein Eigenbau-Lotus in metallic-grün kostet 80 Mark und keiner ist schneller. Zu Weihnachten 1978 plündern unsere Eltern die Konten und wir bekommen jeder einen der über hundert Mark teuren McLaren mit leichter goldener (!) Lexan-Karosserie und leistungsstärkerem Motor.

Der teuerste Carrerabausatz im Maßstab 1:24, den es in den Siebzigern zu kaufen gab: McLaren in gold. hansbahnhof 1978 (Weihnachten) beim inspizieren der Pneus

Der teuerste Carrerabausatz im Maßstab 1:24, den es in den Siebzigern zu kaufen gab: McLaren in gold. hansbahnhof 1978 (Weihnachten) beim Inspizieren der Pneus

Dass die Carrera McLarens eine Fehlkonstruktion sind und ihre enorme Kraft nur widerwillig auf den schwarzen Plastikasphalt bringen, ist Nebensache.  Die Reifen werden mit Schleifpapier aufgerauht, um den Grip zu erhöhen. Oder man investiert in „Moosgummireifen“. Die sind grünbeige und häßlich. Aber man muss sie nicht aufrauhen. Dafür sind sie nach zwei drei Wochen abgefahren. Carrerabahnschicksal.

Heute denke ich wehmütig über die Bahn nach, die viel zu selten und zu Weihnachten noch mal aufgebaut wird. Sie macht immer noch Spaß. Und ich ziehe sie jederzeit einem Computerrennspiel vor – schon wegen der Haptik. Doch meine Carrera-Karriere ist nur kurz unterbrochen. Ich weiß, dass ich irgendwann mal einen passenden großen Garten haben werde, der mir den nie erfüllten Traum der vierspurigen 124er ermöglicht. Den grünen Lotus habe ich noch – ich habe ihn immer gut gepflegt und er muss nur mal ordentlich gesäubert werden. Carrerabahnträume enden nie. Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag!

 

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

2 Comments

  • Lieber Hans,
    eine unglaubliche Dublizität der Ereignisse. Sowohl damals (Vedes Katalog und 70er Carrera Racing) als auch heute (die große vierspurige 124er Bahn muss ganz dringend Ihren festen Platz finden). Und morgen finden alle Teile samt Randstreifen (innen und außen!!!) Ihren Weg zum Weihnachtsbasar der Matthias-Claudius-Schule als gepflegtes Alternativprogramm für alle, die statt Lebkuchen und Tannenduft lieber heißgelaufenene Bühlermotoren und zu warm gewordene Regler riechen.

    Gruß C.

    P.S.: Während ich schreibe, schaue ich hoch auf mein Regal zum goldenen McLaren mit der Lexankarrosserie und weiß genau, das Teil ist unfahrbar.

    • Hast Du den goldenen McLaren echt auch gehabt? Wir müssen echt mal eine kleine Strecke (Garten!) aufbauen – ich öle meinen alten Lotus und bringe unsere ganz große Kurve mit…. – das waren Zeiten – aber genetisch scheinen wir ja wirklich irgendwie die gleiche verstrahlte Erbmasse abbekommen zu haben oder? Schon irgendwie abstrus… – viel Erfolg mit dem Zahnriemen und bis bald!

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