Werkstatt

Achtung freie Porsche-Werkstatt? Teil 1: Könner, Quatschköpfe und Kriminelle

Written by hansbahnhof

Dies ist eine kleine Artikelserie für alle, die sich gerade einen Porsche Oldtimer zugelegt haben. Ob Porsche 911 oder 356 ist hier ausnahmsweise mal egal, denn in die Werkstatt müssen klassische Porsches häufig gerade direkt nach dem Kauf fast immer. Doch welche Werkstatt ist die Richtige, wenn das Porsche Zentrum zu weit oder zu teuer ist?

„Achtung freie Porsche-Werkstatt“ baut auf eigenen Erfahrungen sowie den Erfahrungen von Freunden und Bekannten aus der Szene auf. Außerdem habe ich mir Unterstützung aus dem Porsche-Forum „elferteam.de“ geholt und dort nach Werkstatterfahrungen gefragt. Die Kommentare der elferteam.de Mitglieder sind als Zitate (anonym) in die Serie eingeflossen.

Scheißkarre – total verrostet alles!

Wir schreiben das Jahr 1989.  Ein längst nicht mehr existentes VW-Autohaus in Bochum erhält von mir den Auftrag, die Spur an meinem Studentenfahrzeug einzustellen. Als ich den Polo L (40 PS, Bj. 1980, silber, Alpine Stereo-Anlage mit HECO-Boxen) abholen will, steht der Wagen noch auf der Bühne. Unter derselben schwitzt eine muskulöse Fachkraft – nennen wir ihn Arnold – im Blaumann. Arnold versucht mit Schraubenschlüssel und Ein-Meter-Rohrverlängerung die Schraubverbindungen der Polo-Spurstange zu lösen. Jedesmal, wenn er sich gegen die Rohrverlängerung wirft, springt der Polo auf der Bühne einen halben Meter nach vorn.

„Hallo“, sage ich kleinlaut und Arnold glotzt schwitzend in meine Richtung:  „SCHEISS KARRE – TOTAL VERROSTET ALLES!!!“. Hier im Ruhrgebiet ist man direkt in der verbalen Einschätzung mechanischer Unzulänglichkeiten. Ich bin eingeschüchtert von soviel Fachkenntnis und nehme die total verrostete Scheißkarre unrepariert wieder mit.

Keine Servo, keine PS, aber Platz für bis zu vier Studenten und bis zu drei Surfbretter. Mein Polo, Baujahr 1980 irgendwann in den Achtzigern

Keine Servo, keine PS, aber Platz für bis zu vier Studenten und bis zu drei Surfbretter. Mein Polo, Baujahr 1980 irgendwann in den Achtzigern

Zu Hause schiebe ich mein Auto auf die heimische Grube. Mit  einer homoöpathischen Dosis Caramba eingesprüht lässt sich die Verschraubung der Spurstange mit zwei Fingern lösen. Was Arnolds benzinbenebelter Intellekt offensichtlich nicht realisiert hatte: Es gibt ein Links- und ein Rechtsgewinde am fraglichen Bauteil. Damit man die Spur einstellen kann. Arnold hatte die Verschraubung nicht gelöst. Er hatte sie per Rohrverlängerung fester angezogen.

Ich bin ein bißchen stolz auf mich und schenke mir zum Examen im Leuteverklagen einen 1/4-Zoll Hazetknarrenkasten.

Verwunderte Verhältnisse

Auch wenn ich mich momentan werkstattseitig in guten Händen weiß (Hallo Rainer!): Mein verwundertes Verhältnis zu den Arnolds dieser Welt hat sich seit diesem denkwürdigen Ereignis nicht wesentlich geändert. Seinen Höhepunkt erreichte es mit dem Erwerb meines ersten Porsche 911 2.4l Gebrauchtwagens und ersten Werkstatterlebnissen.

Kennengelernt bei www.marryabeautifulmechanic.com - die Frau weiß, was eine Knarre ist.

Kennengelernt bei www.marryamechanic.com – die Frau an der Knarre erspart die Werkstatt und ist vollwertiger Routenplaner, Beifahrer, Wachhalter und Film-Outtake-Spezialist. Hört Ihr das Rauschen?

Irgendwann begann ich konsquenterweise selber am Porsche zu schrauben. Jedenfalls, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich und mein Knarrenkasten das schon hinbekommen. Ich begann außerdem einen ausführlichen Bericht über meine Werkstatterlebnisse für Teil der Maschine zu schreiben. Das Schreiben hatte einen kathartischen Effekt auf mich und mündete in einem entsprechend umfangreichen Berichterstattung zum Thema „Freie Porsche Werkstätten und Porsche-Sattler“.

Unveröffentlicht

Nach längerem Nachdenken habe ich das kritische Mammutwerk zum Thema freie Porsche-Werkstätten eingemottet. Das hatte nicht nur rechtliche Gründe. Mir war einfach klar, dass meine Betrachtungen (natürlich) tendenziell ungerecht gegenüber den ausführenden Porsche-Schraubern gewesen wären. Denn (natürlich) habe ich als Kunde einer Porsche Werkstatt (fast) immer weniger Ahnung, als der Experte. Und natürlich habe ich eine subjektive Sicht auf die Dinge.

Selbst ist der Mann. Hier erste Schraubversuche am Porsche 911 S 2.4.

Selbst ist der Mann. Hier erste Schraubversuche am Porsche 911 S 2.4.

Doch so ganz für mich behalten, wollte ich meine Geschichten und die Geschichten anderer dann doch nicht. Denn die Frage „Hast Du eine gute Werkstatt?“, ist eine der häufigsten Fragen, die ich gestellt bekomme, wenn ich Porsche F-Modell Eigentümer neu kennenlerne. Häufig – zu häufig – sind die Erfahrungen durchwachsen. Gerade Frischlinge in der Szene berichten von Situationen, in denen sie über  ein Ohr gehauen oder übervorteilt wurden. Und um die geht es mir. Schließlich geht es bei Teil der Maschine unter Anderem darum, andere vor Anfängerfehlern zu bewahren. Und dazu gehört auch die Wahl der richtigen Werkstatt beziehungsweise die Vermeidung der falschen Werkstatt. Werde ich das schaffen? Nein. Denn es gibt natürlich keine Patentrezepte für die Wahl des richtigen Dienstleisters. Aber es gibt Erfahrungswerte. Und die kann ich versprechen.

Das Positive: Fast alle nett

Fangen wir mit dem Positiven an – es geht hier schließlich nicht darum, eine ganze Branche abzuwatschen. Es gibt sie nämlich, die netten, kompetenten und guten Porscheschrauber.

Als Eigner eines klassischen Porsche 911 oder 356 wird man eigentlich überall nett empfangen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die szenebekannten Grantler und die schlimm Unmotivierten gibt es natürlich auch. Sie sind häufig schon lange im Beruf. Manche kommen gut mit ihnen zurecht. Ich eher nicht. Denn wenn ich eine Menge Geld bei einem Dienstleister lasse, erwarte ich einfach ein gewisses Maß an Chemie zwischen den Beteiligten. Oder zumindest professionelle Höflichkeit. Oder Kinderstube. Das ist nicht in jeder freien Werkstatt gegeben. Aber das ist ja kein porsche-spezifisches Problem, sondern eher ein spezifisch deutsches.

Nett UND kompetent: Der Mann in rot bei unserer ersten und einzigen Panne mit dem 911 S vor einigen Jahren. Vier Wochen darauf war ich um ein neues Getriebe reicher und um ein paar tausend Euro ärmer.

Nett UND kompetent: Der Mann in Rot bei unserer ersten und einzigen Panne mit dem 911 S vor einigen Jahren. Vier Wochen darauf war ich um ein neues Getriebe reicher und um ein paar tausend Euro ärmer.

Kostenloser Rat und kostenlose Hilfe

Kostenlosen Rat bekommt man in guten Werkstätten auch ohne Anmeldung oft schnell und unbürokratisch zwischen Tür und Angel. Dass das nicht immer geht, gerade wenn die Hütte voll steht, ist klar. Doch Werkstätten, die sich schon hier unwillig zeigen oder unwirsch auf die freundliche Frage eines potentiellen Kunden antworten,  werden auch später keinen guten Porsche-Service machen. Das ist Fakt – also weiter zur nächsten freien Werkstatt und noch einmal freundlich fragen. Motto: „Wie man in den Wald hineinruft …“ – Ihr kennt das noch von Oma.

Na, welches Fabrikat betreut der hier ansässige Schrauber? Genau. Die Ölklappe bei Marc de Siebenthal an einem Samstag vor ein paar Jahren. Gute Arbeit, an einem Samstag und für mich als deutschen Touristen auch noch "mal eben so".

Na, welches Fabrikat betreut der hier ansässige Schrauber? Genau. Die Ölklappe bei Marc de Siebenthal in der Schweiz vor ein paar Jahren. Gute Arbeit, an einem Samstag, unangemeldet und für mich als deutschen Touristen auch noch „mal eben so“. 10 von 10 Punkten für Service.

Positive Erlebnisse, die sogar noch über die kostenlose Beratung hinausgehen, gibt es natürlich auch: So haben die Frau und ich vor einigen Jahren mit einer gebrochenen Fahrersitzschraube am Genfer See gestanden. Die Lehne war nicht mehr arretierbar und es war Samstag. Ausgerechnet Szenegröße Marc de Siebenthal (http://www.mecacomponents.com), sonst eher für komplexe Rennmotoren und Komplettrestauration klassischer Porsche bekannt, legte damals seinen Schraubenschlüssel zur Seite und drehte uns am Samstagmorgen eine neue Schraube.  Er entließ uns mit wohlwollendem Lächeln und einem „Schönen Urlaub“ in Richtung Tour de Grandes Alpes. Für die Kaffeekasse wollte er auch nichts. 10 von 10 Punkten für 1a Service.

Teil 2 am kommenden Sonntag:

In Teil 2: Achtung freie Porsche-Werkstatt? Keine Zeit, Chaos und keine Ahnung“. gibt es am Sonntag Überlegungen zu „Keine Zeit“, Kostenvoranschlägen, Kaoten und andere Killerkriterien. Im K-Rausch habe ich gerade noch überlegt ob ich das fantastische Wörtchen „Kakerlaken“ noch irgendwie unterbringen kann. Das würde aber zu weit führen.

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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