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Achtung freie Porsche-Werkstatt? Teil 2: Keine Zeit, Chaos und keine Ahnung

Written by hansbahnhof

Weshalb haben manche freie Porsche-Werkstätten Wartelisten wie Top-Schönheitschirurgen? Ist das ein Qualitätskriterium und wer ist eigentlich Porsche-Experte? Disqualifizieren sich Messie-Werkstätten von vornherein? Antwortversuche in Teil 2 der Serie über freie Werkstätten.

In Teil 1 von „Achtung freie Porsche-Werkstatt?“ hatte ich ausgeführt, wie es zu dieser Artikelserie kam. In Teil 2 möchte ich einige Themen aufgreifen, die zu Reibungsverlusten in der Zusammenarbeit mit Werkstätten führen können. Oder zur Trennung von einem Porsche-Schrauber.

Meine eigenen Erfahrungen habe ich durch Kommentare von Porsche 911-Eignern aus dem Porsche-Forum „Elferteam“ (www.elferteam.de) ergänzt, die anonymisiert als Zitate in den Text eingeflossen sind.

Ziehen Sie eine Nummer. Wartelisten in der Porsche-Werkstatt

Freie Porsche-Werkstätten haben oft Wartelisten wie ein Top-Schönheitschirurg. Das hat aus meiner Sicht zwei Gründe. Erstens Personalmangel: Es gibt nicht genug gute Leute, die sich anno 2014 noch die Pfoten schmutzig machen möchten. Angesichts weiter explodierender Arbeitslosenzahlen frage ich mich aber ernsthaft, weshalb offensichtlich kein junger arbeitsloser Mensch auf die Idee kommt, KFZ-Mechaniker (oder heißt das  „Mechatroniker“?) zu werden und sich auf den boomenden Sektor „Oldtimer“ zu stürzen. Die einschlägigen Magazine jedenfalls sind voll von Fachwerkstätten, die händeringend nach ebensolchen Fachkräften suchen.

Grund zwei für lange Wartezeiten: Die Anzahl der in Deutschland zugelassenen alten Porsche dürfte sich in den letzten Jahren vervielfacht haben. Darunter sind viele heruntergerittene Elfer aus den USA, die zumindest einer intensiven Überholung, wenn nicht sogar einer Komplettrestauration bedürfen. Es gibt also viel zu tun. Und nicht genug Leute dafür.

Porsche 911 aus den USA: Amerikanische Porsche Oldtimer sind in den vergangenen Jahren zu tausenden zurück nach Deutschland gekommen.

Porsche 911 aus den USA: Amerikanische Porsche Oldtimer sind in den vergangenen Jahren zu tausenden zurück nach Deutschland gekommen.

Ist die Werkstatt mit langer Warteliste damit raus aus der engeren Wahl zur Werkstatt des Vertrauens? Eher nicht. Denn wer so ehrlich ist, zuzugeben, dass es im Moment nicht passt und wer als Verantwortlicher in einer Werkstatt den Nerv hat, einzuräumen, dass ein Auftrag erst in zwei drei Monaten abzuarbeiten wäre, hat  (1) seinen Laden im Griff und ist (2) ganz offensichtlich gut im Geschäft.

Wer hier sofort weiterwandert, verpasst womöglich einen guten Dienstleister. Er versäumt es auf jeden Fall, einen Dienstleister zu beauftragen, der seine Resourcen sauber plant und sich nicht an zu vielen Aufträgen vreschlucken möchte.

Antizyklisch in die Werkstatt

Wartelisten sind übrigens dann am wahrscheinlichsten, wenn alle gleichzeitig in die Werkstatt wollen. Wer glaubt, er könne „mal eben“ im Frühjahr mit dem Porsche F-Modell in der Werkstatt auflaufen und drei kompetente Mechaniker würden nur auf ihn warten, irrt. Denn das wollen gerade zu Saisonbeginn natürlich alle.

Besser also im Herbst oder den Wintermonaten die Werkstatt aufsuchen Da ist Sauregurkenzeit und man hat ausreichend Zeit für Dein Auto. Zeit – so jedenfalls die Theorie – hat einen weiteren positiven Effekt. Man kümmert sich tendenziell ohne Druck und damit fachlich sauberer um knifflige Probleme. „Notlösungen“ aus Zeitdruck werden so – in der Theorie – unwahrscheinlicher.

Firma B… in A….  Bin dort seit 8 Jahren top zufrieden. Einzig die Terminvereinbarung im Frühjahr kann sich schon mal schwierig gestalten, da die Jungs selbst Rennen fahren und zu Saisonbeginn viele Einstellfahrten durchführen.

M…, elferteam.de

 

Keine Ahnung

Freie Porsche-Werkstätten haben Ahnung von Porsches. Sonst wären es ja keine freien Porsche-Werkstätten – oder? Relativieren wir das mal. Denn es ist genauso schwer, Ahnung von alten Porsche 911 zu haben, wie zuzugeben, dass man keine hat. (An dieser Stelle nachdenken …).

Porsche hat in den Jahren 1964 bis 1973 seinen Elfer in zahlreichen Varianten gebaut. Das gilt für die Technik und es gilt für Ausstattungsmerkmale. Es gibt kaum ein Modelljahr, in dem Porsche nicht optimiert und geändert hätte. Dabei sind markante Details wie die Ölklappe des Modelljahres 1972 natürlich selbst Anfängern in der Szene bekannt. Details sind aber häufig unbekannt und werden selbst in der Literatur oft falsch beschrieben.

Porsche 911 Innenausstattung in beige mit Hahnentrittmuster (Houndstooth). Nicht das Produkt eines phantasievollen Sattlers sondern eine echte Innenausstattung aus dem "Sonderwunschprogramm" von Porsche. Seit 1986 heißt das "Porsche Exclusive".

Porsche 911 2.4 Innenausstattung in beige mit Hahnentrittmuster (Houndstooth). Nicht das Produkt eines phantasievollen Sattlers sondern eine echte Innenausstattung aus dem „Sonderwunschprogramm“ von Porsche. Seit 1986 heißt das „Porsche Exclusive“.

Das hat zwei Gründe: Erstens waren Details bzw. das Thema „Originalzustand“ in der Vergangenheit völlig unwichtig. Ein Porsche wurde eben ständig optimiert und auf den aktuellsten Stand gebracht. Technisch und optisch. Der 2.7er Motor wurde durch einen 3.0 Liter ersetzt. Der Recaro S-Sitz wegen zu hohen Gewichtes weggeschmissen und durch einen modernen leichten Schalensitz ersetzt.

Diese und andere „Optimierungen“ sind der Grund dafür, das heute  kaum noch ein klassischer Porsche der frühen Baujahre zu finden ist, der sich noch vollständig im Originalzustand befindet.

Aus welchem Modelljahr stammt dieser Porsche 911 Softwindow Targa? Wer hier richtig auf 1968 tippt, kann sich bereits "Experte" schimpfen...

Aus welchem Modelljahr stammt dieser Porsche 912 Softwindow Targa? Wer hier richtig auf 1968 tippt, kann sich bereits „Experte“ schimpfen…

Zweitens wurde bei Porsche in der Produktion ständig optimiert und eher selten Buch darüber geführt.
Und so dilettieren auch vermeintliche Experten ganz häufig en Gros und en Detail. Selbst aufwändig restaurierte Exemplare verfügen häufig über krass falsche Details, die heute den Wert eines Wagens mindern können. Gegebenenfalls sogar drastisch.

Gerade, wenn auf der anderen Seite ein Neuling sitzt, fällt nicht auf, wenn der Experte im Detail patzt.   „Keine Ahnung“ wird dann natürlich richtig teuer, wenn es um Reparaturen geht, die falsch durchgeführt werden oder sogar zu Schäden führen. Dazu mehr in Teil 3 dieser Serie.

Platznot und Sensibilität

„Wie sieht denn der Wagen aus?“ Der 65er ist mit einer klebrigen Schmutzschicht überzogen. Offensichtlich hatte er in drei Wochen Werkstattaufenthalt mehrere Tage (und Nächte?) im regnerischen Freien verbracht. Unter einem Baum, der klebrige Flüssigkeiten absonderte. Ich bin entsetzt. Das Auto ist weit weg von einer Top-Restauration. Aber es ist superselten und kommt gerade frisch aus den USA. Poröse Dichtungen und eine nicht abschließbare Fahrertür inklusive.

Je nachdem wo die Werkstatt den Elfer parkt, stellt sich die Frage, von wem der Wagen womöglich abgeschleppt wird...

Je nachdem wo die Werkstatt den Elfer zwischenparkt, stellt sich die Frage, von wem er womöglich abgeschleppt wird…

Der Ansturm auf die Werkstätten führt häufig dazu, dass selbst seltene Autos aus Platzgründen mal eben neben der Halle geparkt werden. Das ist kein Problem, wenn das zeitweise und tagsüber passiert. Es ist aber dann ein Problem, wenn der zu Hause sicher garagierte Wagen plötzlich auf einem mehr oder weniger frei zugänglichen Gelände parkt.

Denn wer trägt eigentlich die Haftung für das Auto und vor Allem – in welchem Umfang? Der 65er zum Beispiel hatte zum Zeitpunkt seines Werkstattaufenthaltes keine Versicherung, kein Wertgutachten und war nicht angemeldet. Wie hoch wäre die Versicherungssumme der Werkstatt gewesen, wenn ein Schaden am Wagen entstanden wäre? Wäre er unabgeschlossen überhaupt versichert gewesen?

In der Werkstatt ist Sensibilität gefragt: Hier neue Reifen bei meinem Lieblingsreifenservice.

In der Werkstatt ist Sensibilität gefragt: Hier neue Reifen bei meinem Lieblingsreifenservice.

Mein Eindruck: An manchen Werkstätten ist die Wertentwicklung der Autos, um die sie sich kümmern, völlig vorbeigegangen. Doch die Zeiten, in denen alte Porsches spleenige Gebrauchtwagen waren, die „in Schuss gehalten“ werden mussten, sind halt vorbei. Ein klassischer Porsche 911 ist heute schnell einen sechsstelligen Betrag wert und sollte so behandelt werden. Ein Grund mehr, bei der Auswahl der Werkstatt genau hinzugucken. Erste Frage sollte immer sein: Wissen die überhaupt, was sie da in der Halle stehen haben oder haben sie nur schon mal an sowas Ähnlichem herumgeschraubt?

Einen Mechaniker der in der Szene nicht aktiv ist, würde ich tendenziell meiden. (…)
Dann macht die eine Werkstatt beispielsweise alle Luftis (sogar alle Porsche), aber der Mann hinter dem Laden ist ein 356 Freak. Zu dem würde ich nicht meinen 964 bringen, auch wenn er es machen würde und anbietet.
Der andere ist halt eher der 964/993 Experte, aber alles vor G nicht sein Steckenpferd. Zu dem würde ich nicht mit dem Urelfer gehen (auch wenn er durchaus viele zufriedene Ur-Kunden hat).
M…, elferteam.de

An dieser Stelle sei noch ein Hinweis auf die in der Branche häufigen „schwarzen“ Werkstätten erlaubt. Sie erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, weil sie günstiger sind, als das Porschezentrum oder die freie Werkstatt. Häufig schrauben hier zudem Experten aus der Szene, die auf erhebliche Erfahrungswerte zurückgreifen. Wer sich für so einen Dienstleister entscheidet, sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass sein Wagen hier im Falle eines Schadens noch schlechter wegkommt, als wenn er in einer Werkstatt steht.

Chaos

Getreu dem ehernen gastronomischen Grundsatz, dass die besten Restaurants die schmutzigsten Küchen haben, scheinen viele freie Porsche-Werkstätten die Qualität ihrer Arbeit durch das Chaos in ihren Räumlichkeiten unterstreichen zu wollen.

So lange die eigenen Teile nicht dabei sind, ist alles gut.

So lange die eigenen Teile nicht dabei sind, ist alles gut.

Mehr als einmal habe ich in einer neuen Werkstatt gestanden und mich gefragt, wie hier eigentlich noch jemand den Überblick behalten kann. Subjektiv würde ich meinen, dass etwa 30 – 40% der Werkstätten, die ich kennengelernt habe, zu den chaotisch-unaufgeräumten gehören. Ich bin in diesen Werkstätten nicht schlechter bedient worden, als dort, wo man vom Fußboden essen konnte. Doch ein zwiespältiges Gefühl bleibt. Einen Motor zum Beispiel würde ich in so mancher Messie-Werkstatt eher nicht machen lassen wollen. Was, wenn mal ein Teil auf den Boden fällt?

In Teil 3 von „Achtung Freie Porsche-Werkstatt?“ geht es am kommenden Freitag weiter mit dem Thema „Läßlichkeiten bei der Arbeit am Porsche 911“ und warum so mancher Eigner eines klassischen Porsche 911 lieber selbst schraubt, als in die Werkstatt zu gehen.

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

1 Comment

  • Zum Thema Originalität: oft wurde bei einer Modellpflege auch einfach nur das verbaut, was gerade noch im Regal rumlag oder vom Lageristen aus dem Keller geschleppt wurde! Das zog sich sogar bis 1990. Ich kenne zB etliche G-Modelle aus der K-Serie (1989), besonders Cabrios, die nachweislich mit den breiteren Fuchs-Felgen ausgeliefert wurden, die es sonst nur gegen Aufpreis gab, aber oder genau deshalb nicht in der Ausstattungsliste des Fahrzeugs erscheinen. Da musste einfach Platz für den 964 geschaffen werden.

    Und auch sonst gibt es einige Beispiele für eine „fliessende Modellpflege“. Der Wechsel von Chrom auf schwarz ist ebenfalls so ein Beispiel.

    Das bezieht sich zwar auf die G-Modelle, aber in den Sechzigern wird das keinen Deut organisierter gewesen sein!

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