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Achtung freie Porsche-Werkstatt? Teil 4: Kleine Fehler, Kollateralschäden und Qualitätssicherung

Written by hansbahnhof

Fehler passieren dem besten Porsche-Mechaniker. Doch in welchem Umfang sind Fehler vertretbar, wer zahlt Kollateralschäden und was passiert, wenn die Werkstatt sich überschätzt?

 

„Vor ca 20 jahren habe ich meinen 914/6 nach einem einwöchigen Werkstattaufenthalt abgeholt. für die Arbeiten wurden u.a. die Hinterräder abgebaut. auf der ca 40km Heimfahrt verlor ich die Nabenabdeckung des rechten Hinterrades. Das Teil flog in hohem Bogen ca 15m von der Strasse in die Wiese. (…) Zum Glück waren wir grade zwischen zwei Ortschaften. Nicht auszudenken wenn das Innerorts passiert wäre und das Teil z.B. in Spaziergänger gerauscht wäre…“
S…, elferteam.de

 

Ein klarer Fall von mangelnder Qualitätssicherung. Einer der Punkte, der bei meinen Recherchen zu dieser Serie mit Abstand am Häufigsten genannt wurde.

Gerade an sicherheitsrelevanten Teilen wie Rädern und Radmuttern kann lässliche Qualitätssicherung hochgefährlich werden. Wenn die  Werkstatt aufgrund von Zeitdruck notwendige Kontrollarbeiten unterlässt, gefährdet sie ihre Kunden und andere. Von teuren Folgeschäden am teuren Porsche-Oldtimer einmal ganz abgesehen.

Alles fest? Im Zweifelsfall besser noch mal selbst nachschauen. Ein Drehmomentschlüssel gehört eh in jede Porsche-Garage.

Alles fest? Im Zweifelsfall besser noch mal selbst nachschauen. Ein Drehmomentschlüssel gehört eh in jede Porsche-Garage.

Natürlich patzen freie Werkstätten nicht zwangsläufig häufiger als andere. Doch frage ich mich bei einigen: Wird die Qualität der Arbeiten von einer dritten Person anhand einer Checkliste überprüft? Beruhigend wäre das. Beim Porsche Oldtimer auch deswegen, weil er deutlich eher engagiert und schnell gefahren wird, als so mancher andere Klassiker seines Alters.

„Kupplungswechsel am 911 T. Auto abgeholt und ca 20 km langsam nach Hause gefahren, da es recht stark regnete. Gerade aus der Tiefgarage raus, klingelt der Werkstattinhaber auf dem Handy an und erzählt hektisch etwas von „Radmuttern eventuell nicht kontrolliert“. Also zurück in die Tiefgarage, und siehe da: jede Radmutter an den Rädern hinten ließ sich problemlos mit zwei Fingern drehen. Inhalt und Tonlage meines umgehenden Rückrufs bei der Werkstatt kann man sich vorstellen. Bei schönem Wetter hätte ich natürlich nach Abholung noch ein flottes Ründchen über die Landstraßen gedreht. Gott sei Dank sind an den Rädern etc keine Schäden entstanden.“
P…, elferteam.de

Vrooom! Wenn ein engagiert gefahrener Porsche Klassiker nicht ordentlich durchgecheckt wird, droht der Abflug.

Vrooom! Wenn ein engagiert gefahrener Porsche Klassiker nicht ordentlich durchgecheckt wird, droht der Abflug.

Kollateralschäden

Der Wagen ist repariert! Halleluja. Mit gebremstem Schaum starte ich in den Stadtverkehr und betätige den Blinker. Doch was ist das? Der Blinkerschalter ist pures Metall. Der poröse, aber vor dem Werkstattaufenthalt noch vorhandene Gummiüberzug des Schalters ist verschwunden. Ist das niemandem aufgefallen bei der Probefahrt? Ich rufe in der Werkstatt an. Kommentar: „Der ist abgefallen. War ja eh porös.“

Kollateralschäden passieren. Laien wie mir sowieso. Aber auch den Profis in den Werkstatt. Faszinierend ist jedoch immer wieder die Nonchalance, mit der darüber hinweggegangen wird. Merkt schon keiner. Häufig sind es Kleinigkeiten, die unter die Werkbank gekehrt werden. So auch das Loch im Sitz. Plötzlich war es da. Direkt im Anschluss an einen Werkstattbesuch. War es vorher schon da? Oder hat es ein unbedachter Mitarbeiter mit Hilfe eines Schraubendrehers im Blaumann unbeabsichtigt fabriziert?

Genau auf solche Diskussionen muss man sich im Fall des Falles einlassen. Sie werden ganz in der Regel „unentschieden“ enden oder damit, dass die Werkstatt die Verantwortung ablehnt. Denn die Beweislast trägt der Porsche-Eigner. Eine Werkstatt, die so einen Fehler von selbst zugibt und ihn auf eigene Kosten oder auf Kosten der Versicherung beseitigt, sollte man ins Herz schließen.

Top-erhaltener Originalsitz im SWB-Urelfer mit Schraubenzieherloch nach Werkstattaufenthalt. Ups.

Top-erhaltener Originalsitz im SWB-Urelfer mit Schraubenzieherloch nach Werkstattaufenthalt. Ups. Wer war´s? Keiner!

Zerbröselte Blinkerschalter und Löcher im Sitz gehören zu den lästigen aber verschmerzbaren Kollateralschäden. Schlimmer wird es, wenn eine kleine Ursache ein große Wirkung erzeugt. So sind die Geschichten, in denen die Werkstatt vergaß, nach einer größeren Reparatur Öl in den dafür vorgesehenen Tank zu kippen, häufiger, als ich vermutet hätte.

Wer also zu denjenigen Fahrern gehört, die nicht dauernd den Öldruck im Auge haben, sollte sich zumindest nach einem Werkstattaufenthalt nach Anlassen des Motors sehr genau mit den Instrumenten beschäftigen. Wenn die Öldruckanzeige keinen ausreichenden Ausschlag anzeigt, sollte man sofort den Rückwärtsgang einlegen, bevor es einen kapitalen Motorschaden gibt.

Selbstüberschätzung

„Der Wagen ist bereits restauriert und den Motor mache ich Ihnen noch fertig. Ist im Dezember fertig!“. Als ein Bekannter mir stolz von seinem neuen Urelfer erzählte und mir dann den Urheber des optimistischen Satzes oben nannte, bat ich ihn dringend, keinen Fehler zu machen. Dabei hatte ich nur ein- oder zweimal in anderer Sache mit dem selbstbewussten Herrn telefoniert, der sich selbst als Gott der Götter unter den Elferexperten gerierte.

Bis man Experte ist, muss man einen Haufen Bücher lesen. Ich habe gerade erst damit angefangen...

Bis man Experte ist, muss man einen Haufen Bücher lesen. Ich habe gerade erst damit angefangen…

„Das wird schon – der macht das seit Jahren“, meinte mein Gegenüber und wartete geduldig über Monate auf Auto und Motor. Ergebnislos. Der Wagen kam nie an. Und die Ausreden wurden immer abenteuerlicher. Ein Fall für den Anwalt.

Selbstüberschätzung gehört in einer Branche, in der das schnelle gute Geld lockt, ganz offensichtlich zum Alltag. Und nahezu jeder Eigner eines klassischen Porsche 911 scheint zumindest einmal in seiner Laufbahn mit einem selbsternannten Experten zu tun gehabt haben, der sein eigenen Kapazitäten nicht einzuschätzen wusste. Gefühlt sind diese Geschichten ebenso häufig, wie die Stories von losen Radmuttern.

„Ich bin vor einigen Jahren mal bei einem Mechaniker gelandet, der als Einzelkämpfer agierte und sich ‚einen Namen in der Szene machen‘ wollte. Er war hochmotiviert und hat mir für einen Festpreis wahnsinnig viel gemacht (zum Teil unverabredet) – unter anderem sahen Motor und Getriebe hinterher aus wie frisch aus der Produktion.

‚Hinterher‘ war aber nach 1,5 Jahren statt nach 6-8 Wochen, und er hatte sich vollständig übernommen, was auch zu nötigen Nachbesserungen durch andere Werkstätten und letzlich auch noch zu späten Folgeschäden geführt hat.“
M…, elferteam.de

 

In Teil 5 von „Achtung freie Porsche Werkstatt?“, geht es in Kürze um kleine und größere kriminelle Machenschaften.

 

 

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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