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Asterix bei den Pikten – Bilder in Schichten (Off Topic)

Written by hansbahnhof

Einen Bezug zwischen Asterix und Porsche kann ich auch mit viel Fantasie nicht herstellen. Nach der Lektüre des neuen Asterix-Comics musste ich aber mal drüber schreiben. Auch, weil es irgendwie um mein Lieblingsland Schottland geht.

Es gibt einige ganz wenige Ereignisse aus meiner Jugend, an die ich mich filmausschnitthaft erinnere. Damit meine ich: Ich weiß wo ich war, wie das Wetter war, was passiert ist und wer dabei war. Dazu gehören auch zwei Ereignisse, die mit dem Tod  großer Persönlichkeiten zu tun hatten: Der Tod von Elvis Presley im August 1977 (Fahrt durch das Allgäu im blauen Audi 100 – Radiodurchsage) und der Tod von René Goscinny im November des selben Jahres. Komisch – ich war damals elf und mir wird erst jetzt bewusst, dass die beiden Ereignisse nur drei Monate auseinanderlagen.

Der Tod von Goscinny war für mich aus zwei Gründen von Bedeutung. 1. ich liebte Asterix, 2. WDR2 berichtete über einen „Fahrradunfall“ als Todesursache. Erst bei den Recherchen zu diesem Beitrag habe ich jetzt 36 Jahre später erfahren, dass Goscinny gar nicht beim Fahrradfahren gestorben ist, sondern bei einem ärztlichen Belastungstest auf einem Ergometer.

„Asterix und Kleopatra“ war mein erster Asterixband und möglicherweise mein erster Comic. Denn Mickymaus und Co. waren bei uns politisch nicht korrekt. Onkel Hans-Jürgen hatte das bunte Heft aus Wiesbaden mitgebracht und ich hatte vorher noch nie etwas von Asterix gehört. Ich habe das Buch – und das war es für mich –  komplett an einem Nachmittag gelesen. Da muss ich etwa fünf gewesen sein – mein Vater hatte mir frühzeitig lesen beigebracht, weil er der Schule das zu Recht nicht zutraute.

Ich erinnere mich gut, wie spannend ich den Kleopatra-Band fand. Wie fasziniert ich von dem Gedanken unendlicher Kraft durch den Zaubertrank war, und wie mich die lebendig gezeichneten Figuren aus fremden Ländern fasziinierten. Besonders Kleopatra fand ich bezaubernd.

Danach bekam ich aus psychologischen Gründen einen Asterix pro Zahnarztbesuch. Den postoperativen Asterix gab es im Lotto-Kiosk um die Ecke, wo es immer nach Pfeifentabak und Millionengewinnen roch. Da ich nicht häufig beim Zahnarzt war, musste ich fehlende Exemplare zukaufen, was ich vom eigenen Taschengeld auch fleißig tat.

Als ich in der Schule „Englisch“ bekam, kaufte ich Asterix auf Englisch, um die Sprache zu lernen. Englische Asterix musste man bei „Bücher Voss“ extra bestellen. Sie hatten einen festen Einband und kosteten das doppelte der deutschen Exemplare. Das war mir aber egal. Ich liebte Asterix und seine Reisen durch die Welt. Die peniblen Schweizer, die stolzen Korsen, die knorrigen Engländer und die ewig verlierenden PIraten. Asterix und Obelix eröffneten mir Europa und seine kulturellen Eigenheiten zu einer Zeit, in der wir ausschließlich ins Allgäu fuhren. Oder nach Tirol.

Asterix bei den Pikten

Treue Leser dieses Blogs (HALLO IHR DREI!) werden meine Affinität zu Schottland kennen. Kein Wunder dass die Frau mir sofort am Erscheinungstag in dieser Woche das neue „Asterix bei den Pikten“ mitbrachte. Nach einer mehr als mittelmäßigen Spiegel Online Kritik, nahm ich das Heft ohne Erwartungen mit in Badewanne und meine nicht vorhandenen Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Pikte (=Schotte, damit es für die lieben Kleinen nicht zu schwierig wird) wird am Strand des gallischen Dorfes angeschwemmt, aufgetaut und von Sprechstörung geheilt. Pikte fährt mit Asterix und Obelix nach Schottland um dort nach Sieg über die Bösen rothaariges Mädchen zu heiraten. So weit so absehbar. Aber Absehbarkeit kann man einem Asterix Comic nun wirklich nicht vorwerfen.

Die Zeichnungen von Uderzo-Nachfolger Didier Conrad sind großartig. Der neue Mann am Stift versteht es, den Strich des Meisters zu kopieren und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied: Jede Szene ist vollgestopft mit Akteuren, Statisten und Sprechblasen. Es bleibt kein Raum für das ermüdete Auge und im direkten Vergleich zu den Uderzo Klassikern lässt Conrad doppelt so viel Bildinformationen in seine Szenen fließen, wie sein geistiger Ziehvater. Das Resultat hat die Optik eines Wimmelbuches und ist  extrem ermüdend für die Augen. Das gilt übrigens auch für die Typografie, die, anders als in früheren deutschen Versionen, der der französischen Ausgaben entspricht. Die originale Typo sieht  „schöner“ aus, als die beamtenmäßige Arial in den klassischen deutschen Bänden. Doch die Lesbarkeit der Dialoge ist dadurch – jedenfalls für ältere Leser wie mich – stark eingeschränkt.

Nahm sich Goscinny in seinen Klassikern die Zeit, Geschichten zu erzählen, mutieren die tapferen Gallier in „Asterix bei den Pikten“ zu Darstellern einer bildgewaltigen Standup-Comedy. Stakkatoartig folgt Szene mit dümmlichem Schenkelklopfer auf Szene mit dümlichem Schenkelklopfer. Der subtile und oft auf zwei Ebenen für Kinder und Erwachsene funktionierende Humor der frühen Jahre ist passé. Wie in einem MTV-Video sind Handlungsstränge und Akteure atemlos aneinandergereiht. Weniger und weniger hektisch wäre hier mehr gewesen. So ist der römische Volkszähler im Gallierdorf nichts als sabbelndes und seitenfüllendes Kanonenfutter für ein paar HaudenRömer-Szenen. Achso – die Römer. Was machen die eigentlich in Schottland? Irgendwie dem bösen grünen Pikten helfen. Ein Asterix ohne fliegende und fliehende Römer ist eben nicht möglich.

Die ostereierbunt angemalten Pikten haben kaum mehr als Sidekickstatus. Sie wirken, wie schon Spiegel Online (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/neuer-asterix-bei-den-pikten-von-jean-yves-ferri-und-didier-conrad-a-929507.html) treffend bemerkt, hinterwäldlerisch und tumb. Keine Spur von den humoristisch fein ausgearbeiteten Charakteren der alten Asterix-Bände, in denen Darsteller mit extrafranzösischem Migrationshintergrund sympathische nationale Defizite zur Schau tragen durfte. Man denke nur an die entschleunigt alphornblasenden Eidgenossen in „Asterix bei den Schweizern“ („die Peitsche ist noch nicht trocken“) oder die dickköpfigen, nachtragenden und stolzen Korsen mit dem stechenden Blick und dem hochexplosiven Käse.

Auch Asterix und Obelix agieren holzschnitthaft und bleiben blasse Kopien in einem Pseudo-Best-Of ihrer selbst. Wenn „Hörr Asterix“ mit „Hörrn Obelix“ streitet, eskaliert die Situation explosionsartig innerhalb von zwei Szenen, anstatt sich sichtbar über längere Zeit aufzubauen, wie in früheren Bänden.

Fazit

Asterix bei den Pikten muss man auch als großer Fan nicht haben. Lichtblicke gibt es neben den schönen aber zu vollgepackten Zeichnungen wenige: Das süße Loch-Monster, die Schemazeichnung (Piktogramm!) „wie Asterix, Obelix und das Monster in die Höhle tauchen“ sowie eine Szene gegen Ende des Heftes (Hadrianwall, Lachse) – die einzige Stelle, an der ich lachen musste. Die Magie der Asterix-Klassiker erreicht  „Asterix bei den Pikten“ lange nicht. Auch wenn die Optik zeichnerisch fraglos perfekt ist.

Asterix wird erst wieder Asterix sein, wenn sich die Kreativen darauf besinnen, dass ein Comic eine „Geschichte in Bildern“ ist und nicht „Bilder in Schichten“.

 

 

 

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

2 Comments

  • Manchmal ist es wirklich besser, die Toten ruhen zu lassen und eine Sache nicht bis in die Unendlichkeit weitergehen zu lassen, weil sie gut war.
    Schade – man hätte besser mit dem Verlust leben können, als nun mit dem mißglückten Remake !

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