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#BringBackClarkson – Is the drops already lutsched?

Written by hansbahnhof

Nach dem ziemlich großartigen Artikel von Poschardt in der Welt hatte ich eigentlich vor, den Entwurf zu diesem Post einzustampfen. Nach zwei mal Lesen, habe ich ihn jetzt doch veröffentlicht. Warum auch nicht.

Es geht hier ausnahmsweise nicht um klassische Porsche, sondern um die Suspendierung von Jeremy Clarkson, Moderator der englischen TV-Sendung TopGear. Und es geht darum, wie der Dinosaurier BBC spektakulär an seiner eigenen Unbeweglichkeit scheitert.

Jeremy Clarkson und TopGear – das Phänomen

Jeremy Clarkson ist der erfolgreichste Automobil-Journalist der Welt. Selbst wenn man das anzweifelt, so hat Clarkson das kommerziell erfolgreichste Auto-TV Format der Welt erfunden und damit die ganze Welt erobert.

Genaugenommen hat Clarkson etwas erfunden, das es gar nicht gibt: Eine Unterhaltungssendung, die sich als Auto-Sendung tarnt. Das ist schwer zu beschreiben. Am besten schaut man sich das mal auf Youtube an.

Ein gutes Beispiel ist die berühmte „Amphibious Car Challenge“ bei der die drei TopGear Moderatoren Clarkson, Hammond und May Autos zu Amphibienfahrzeugen umbauen, um damit gegeneinander anzutreten.

Jetzt könnte man sagen. „Vielen Dank, das machen wir nach und scheffeln ebenfalls Geld mit einer abstrusen Autosendung“. Doch so einfach ist das nicht. TopGear Copycats in Little Britain und in anderen Ländern mussten das bereits schmerzhaft feststellen.

Kein TopGear ohne Clarkson

Denn was die Sendung ausmacht, sind weniger die abstrusen „Challenges“, die von einem riesigen Team von Kamera- und Tonprofis hochprofessionell inszeniert werden. Es ist Clarksons sehr spezielle Art, die ihn als Moderator einer öffentlichen Fernsehanstalt auffällig, gefürchtet und unersetzbar machen.

Sein Humor ist ohne Zweifel britisch, doch häufig scheinbar weit entfernt von der Subtilität, die wir landläufig mit „britischen Humor“ verbinden. Clarkson spricht aus, was die meisten Briten nicht einmal hinter vorgehaltener Hand zu denken wagen. Sein Erfolg liegt darin, dass er „Non PC“ – „nicht politisch korrekt“ ist.

Ist TopGear wirklich der einzige Grund, BBC einzuschalten? (Twitter-Kommentar)

Ist TopGear wirklich der einzige Grund, BBC einzuschalten? (Twitter-Kommentar vom 12.03.2015)

Beispiele für typische Clarkson-Kommentare werden zurzeit genüsslich aus dem Zusammenhang gerissen und in den Medien breitgewalzt, zum Beispiel in der Bild.

Da ist der deutsche Mini, dessen Navi nur eine Richtung kennt („Poland“) oder das böse „N“-Word („Ni__er“), das Clarkson im Outtake einer Sendung im letzten Jahr murmelte – oder auch nicht. Es brachte ihm die gelbe Karte des BBC ein – und er entschuldigte sich öffentlich dafür. „Please be assured I did everything in my power to not use that word“. Übersetzt: „Seien Sie versichert, dass ich Alles in meiner Macht liegende getan habe, um dieses Wort nicht zu gebrauchen“.

Schon die Wortwahl dieser Entschuldigung zeigt, wie virtuos Clarkson mit der Öffentlichkeit spielt. Denn Clarksons Rethorik ist eben nicht so grob, wie sie beim ersten Hinhören für Manche klingt. Sie ist in nahezu allen Fällen meisterhaft subtil und funktioniert nahezu immer auf mehreren Ebenen.

Keiner kann das so wie Clarkson. Und keiner kann das so gut improvisieren, wie er. Dass er dabei öffentlich-rechtliche Grenzen schon fast zwangsläufig überschreitet, ist systembedingt.

Dabei darf man jedoch eines nicht übersehen. Clarkson macht zwar keine Gefangenen. Doch er fokussiert seine Wortgemetzel auch nicht auf bestimmte Automarken, Gruppen oder Nationalitäten. Alle kriegen ihr Fett weg. Wenn er es für opportun hält, nimmt er auch seine Co-Moderatoren und sich selbst aufs Korn.

Der wohlige Schauer des politisch Unkorrekten

Dem Clarkson-Jünger laufen dabei wohlige Schauer über den Rücken und seine Gegner platzen fast vor Aufregung.

Das System Clarkson funktioniert, weil er den selbst ernannten politisch Korrekten gibt, wonach sie angestrengt suchen: Aufregerthemen in kleinen und kleinsten Häppchen. PC-Britain und der Rest der politisch korrekten Welt schnappt gierig danach und regt sich – von Clarkson kalkuliert – darüber auf. Das hat drei wichtige Clarkson-Effekte

  • Es ist wahnsinnig unterhaltend.
  • Es ist pressewirksam.
  • Es sorgt für Stress mit der BBC.

Denn Clarksons Arbeitgeber BBC kann sich als öffentliche Anstalt ausgerechnet Clarksons Erfolgsrezept eigentlich nicht leisten.  Eine Zwickmühle aus der man dort seit Jahren erfolgreich nicht herauskommt. Und ganz besonders im Moment.

The Fracas

In dieser Woche tauchte die Nachricht auf, Clarkson sei wegen eines „Aufruhrs“ („Fracas“) mit einem Produzenten suspendiert worden.

Ob es dabei um ein ausgeartetes Wortgefecht ging oder – wie von einigen Medien vermutet – sogar um eine phsyische Auseinandersetzung, wurde nicht kommentiert.

Auch Clarkson hielt sich zurück und äußerte sich so, wie es seine Fans von ihm erwarteten:  „I’ve been suspended, haven’t I? I’m just off to the jobcentre.“ („Ich bin suspendiert oder? Ich mach´mich jetzt auf den Weg zum Arbeitsamt.“)

Die millionenstarke TopGear-Fangemeinde vereinigte sich darauf weltweit, um gegen die Suspendierung vorzugehen. Unter dem Hashtag* „#BringBackClarkson“ schlägt seit Tagen eine massive Empörungswelle an die digitalen Mauern der altehrwürdigen BBC.

"Ich stelle heute von Acht bis Neun meinen Fernseher aus ...." - die Engländer greifen nun auch zu drastischen Maßnahmen (Quelle: Twitter, 15.03.2015)

„Ich stelle heute von Acht bis Neun meinen Fernseher aus ….“ – die Engländer greifen nun auch zu drastischen Maßnahmen (Quelle: Twitter, 15.03.2015)

So hat die Kampagne „BBC: Bring back Clarkson“ auf Change.org nach wenigen Tagen heute, am 15.03.2015, mehr als 900.000 Unterstützer weltweit. Die 1 Millionen-Marke dürfte Anfang kommender Woche erreicht sein.

Eine geordnete Arbeit mit den eigenen sozialen Medien ist dem TopGear-Team außerdem seit Tagen nicht mehr möglich.

Der letzte Versuch, Normalität auf Facebook zu simulieren („This is the most fun you can have….“), wurde sofort nach Onlinestellung von #BringBackClarkson-Aktivisten gekapert. Aktuell hat allein dieser Beitrag mehr als 19.000 Likes, wurde 1.700 mal geteilt und enthält fast ausschließlich Kommentare wie: „No one cares. Bring Back Clarkson.“

Keine geregelte Arbeit mehr möglich. Facebook-Seite von TopGear mit #BringBackClarkson Kommentaren

Keine geregelte Arbeit mehr möglich. Facebook-Seite von TopGear mit #BringBackClarkson Kommentaren (Bild aus urheberrechtlichene Gründen unkenntlich gemacht)

Während die Protestwelle – man könnte auch fachgerecht „Shitstorm“ sagen, schnell viral wurde, hörte man von Seiten der BBC so gut wie nichts.

Es wurde lediglich bekanntgegeben, dass sich intern ein Disziplinarausschuss mit der Causa Clarkson befassen würde. Ein Fehler. Denn die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Netzwerke gelten halt auch für die ganz Großen der Branche. Das heißt nichts anderes als:

1. Schnell reagieren – selbst wenn man es noch nicht substantiiert tun kann.
Die BBC gab lediglich die Suspendierung bekannt. Weiteren Erklärungen gab es nicht. Selbst die Wortwahl „Fracas“ wurde offensichtlich nur gewählt, um keine spezifischen Aussagen zum Geschehen machen zu müssen. „Fracas“ („Aufruhr“) ist ein altertümlicher Begriff, den selbst viele Engländer googlen mussten. Er ist so unscharf wie wenig aussagekräftig.

2. Einen Termin zur Bekanntgabe einer offiziellen Stellungnahme nennen.
Auch hier hat der BBC geflissentlich die Gesetzmäßigkeiten moderner Krisen-PR ignoriert. Ein Termin für weitere Stellungnahmen oder eine Lösung der Meinungsverschiedenheiten wurde in den ersten Tagen nicht genannt.

Die Ruhe (der BBC) während des (Shit-)Sturms (Twitter-Kommentar)

Die Ruhe (der BBC) während des (Shit-)Sturms (Twitter-Kommentar)

The drops is lutsched

Die Nicht-Kommunikation der BBC bot ausreichend Boden für umfassende Spekulationen durch Fans und Gegner.

Schon kurz nach Bekanntgabe der Suspendierung machten sich berufene und weniger berufene Kommentatoren auf, Clarkson auseinanderzunehmen. „Jeremy Clarkson should do the decent thing and resign„, meinte Guardian Kommentatorin Deborah Orr schon Stunden nach Bekanntwerden des Falles in der Online-Ausgabe der britischen Zeitung. Die mehr als 1400 Kommentare – meist von Clarkson-Fans – mussten vom Guardian in großen Teilen zensiert werden.

Selbst im internationalen Ausland wird die BBC-Personalie Clarkson umfangreich kontrovers diskutiert. Clarkson kommt dabei je nach Intelligenz des jeweiligen Autors gut oder weniger gut weg.

Doch selbst deutsche Medien scheinen ihm seine traditionellen Spitzfindigkeiten gegen alles Deutsche zu verzeihen. Sie verstehen Clarkson, wie Clarkson sich auch selbst sehen dürfte. Als Satiriker. Und Satire darf ziemlich viel dürfen. Zu keiner Zeit sollte uns diese Tatsache so wichtig sein, wie heutzutage.

 

 

Stand heute – Sonntag 15.03.2015 – sieht sich die BBC mit einem PR-Desaster konfrontiert, das im Zusammenspiel mit dem möglichen Verlust des Zugpferdes Clarkson Zig-Millionen von Pfund kosten wird. Und Köpfe bei der BBC. Soviel sollte klar sein.

Denn wer immer dort meint, man könne sich in Zeiten von Social-Media und Online-Petitionen noch Zeit für langwierige interne Prozesse und Untersuchungsausschüsse leisten, ohne die Öffentlichkeit ständig auf dem Laufenden zu halten, irrt. The times, they are a changin, was einer der positiven Nebeneffekte von Internet und Co ist.

Spekulationen

Ist Clarkson nach einem harten Drehtag ausgeflippt, weil etwas nicht so gelaufen ist, wie gewünscht? Hat er eine unflätige Sprache benutzt und ist laut geworden?

Clarkson ist eine Menge zuzutrauen, denn wenn er irgendetwas nicht ist, dann ein diplomatischer Opportunist. Oder „nett“ im nachbarschaftlich kuscheligen Sinne.

Doch das sind alles Spekulationen. Egal, was Clarkson verbrochen hat. Es wird eben keine sonnenklare und schwere Verfehlung gewesen sein. Dann wäre der sofortigen Suspendierung auch eine sofortige Erklärung der BBC plus Strafanzeige durch den betroffenen Produzenten gefolgt.

Was genau passiert ist, ist Stand heute auch nicht (mehr) von großer Bedeutung. „The drops is lutsched as we say in Germany“ (ich zitiere aus einem Gespräch, zwischen einem Deutschen und einem Italiener in einem Hotel vor einigen Jahren).

Clarkson wird alternative Angebote zu TopGear haben. Private Sender stehen wohl bereits jetzt Schlange bei ihm, zumal sein BBC-Vertrag eh ausläuft.

TopGear auch ohne die BBC?

Bleibt die Frage, ob TopGear bzw. eine Clarkson-Nachfolgesendung à la TopGear bei einem Privatsender noch funktioniert.

Ich glaube das nicht.

Denn man darf nicht vergessen, dass die Sendung eben auch davon lebt, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender einen wilden Gaul im Stall hat, der öffentlich-rechtliche Linien und Grenzen überschreitet.

Im Privatfernsehen wäre so etwas schon fast ein alltäglicher Vorgang und ist daher gähnend unspannend. Und im Privatfernsehen wird neben dem Unterhaltungswert auch der zahlende Werbekunde ein Wörtchen mitreden wollen. Dann wird es vorbei sein mit dem öffentlich-rechtlichen Auto-Anarchismus von Clarkson.

Auch wenn im Moment so ziemlich alles dagegen spricht: Ich würde mir wünschen, dass das ungleiche Gespann „Clarkson / BBC“ sich noch einmal zusammenrauft.

Die Engländer waren schließlich schon immer bekannt für unkonventionelle Lösungen komplexer Herausforderungen. Das ist eine gute alte englische Tradition. Genauso wie britischer Humor. Und der ist – so komisch es klingen mag – am sichersten bei der guten alten Tante BBC aufgehoben, weil er nur dort die notwendige Narrenfreiheit bekommen kann. Also bitte! #BringBackClarkson BBC – please.

Nachtrag vom 25.3.2015

Soeben kommt ein abschließendes Statement vom BBC. Jeremy Clarkson ist Vergangenheit. Er hat nach Abschluss der Ermittlungen seinen Produzenten Oisin Tymon zunächst verbal zur Schnecke gemacht und ihn dann im Zuge einer „physischen Auseinandersetzung“ so verletzt, dass er sich in die Notaufnahme begeben musste. Das Statement macht einen nüchternen und durchdachten Eindruck und ist diplomatisch formuliert. Es bleibt eine Enttäuschung für Clarkson Fans in der ganzen Welt und sollte auch Clarkson zu denken geben. Erfolg rechtfertigt zum Glück nicht jede Verhaltensweise – so schade das ist. Byebye Jeremy.

Das offizielle Statement der BBC ist hier nachzulesen: http://www.bbc.co.uk/mediacentre/statements/jeremy-clarkson-dg-statement

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*Hashtag – Was ist das? Ein Hashtag hat nichts mit Drogen zu tun. Er ist ein Schlagwort unter dem ein aktuelles Thema im Internet besser zu finden ist. Wenn ich einen Kommentar, einem Facebookeintrag oder eine Twitter-Nachricht als zugehörig zu einem bestimmten Thema markieren möchte, so nutze ich einen Hashtag – im Falle Clarkson „#BringBackClarkson“. Welcher Hashtag genutzt wird, entwickelt sich aus dem Internet heraus. Irgendjemand „erfindet“ einen Hashtag, der sich dann „viral“ weiterverbreitet, weil er gut passt. Irgendwann wird er dann von Allen verwendet, die sich im Netz irgendwo mit dem Thema beschäftigen.

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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