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Das F-Modell, die Frau, Ferdi und die Fahrt zum Rand der Verzweiflung (1)

Written by hansbahnhof

Der Porsche 911 ist von jeher als 2+2 Fahrzeug ausgelegt. Damit ist er der ideale Familientransporter. Wir haben das leider ausprobiert.

Nachdem klar war, dass „Porsche Classics at the Castle“ (hier geht´s zum Bericht über die Veranstaltung) in England nur noch alle zwei Jahre stattfinden würde, wollten wir  unbedingt die 2017er Auflage unserer Lieblings Porsche-Veranstaltung mitnehmen.

Doch es gab ein kleines Problem oder besser: Eine 7 kg schwere Herausforderung namens Ferdi. Wie bitte bekommt man einen krähenden Säugling plus notwendiger Sonderausstattung sicher in einem Porsche F-Modell Targa nach England?

Die Lösung schien einfach. Man kauft einen passenden Kindersitz für die Porsche-Rückbank, montiert Zweipunktgurte hinten an den vorhandenen Gurtbefestigungen der 72er Ölklappe und los geht´s. Doch die bekannten Hersteller von Kindersitzen haben nichts im Angebot, das in die schmalen hinteren Sitzschalen früher Elfer passen würde. Und auch ein gebrauchter Kindersitz ist keine Lösung. Die in der Szene bekannten, oft irreteuren „Porsche Prince“-Sitze passen zwar ins F-Modell,  haben aber keine aktuelle Zulassung mehr.

Was tun?

Die Frau hat eine Lösung: „Ich geh einfach nach hinten“, meint sie. „Die Autoschale von Ferdi schnallen wir vorn per Dreipunktgurt auf den Beifahrersitz.“ Ich gucke zweifelnd: „Bist Du sicher, dass Du Dich da hinten reinklemmen möchtest?“, frage ich die Herrin der Roadbooks und ernte eifriges Nicken.

„Oookeee“, denke ich und teste erstmal selber. Ferdis Autoschale nimmt vorn nur wenig Platz weg. Wenn man dann die Beifahrersitzlehne zwanzig Zentimeter nach vorn kippt, könnte sich also sowas wie Beinfreiheit hinten einstellen.

Ich stelle die Lehne nach vorn und falle ächzend auf die Rückbank. Geht doch. Jedenfalls dann, wenn beide Elternteile des Rückbankpassagiers aus dem Auenland stammen und haarige Füße haben. Doch die Frau ist 1.83 Meter lang, kommt aus Bottrop und lässt sich nicht beirren. „Ich mache Yoga!“ Diskussion beendet. Das Drama kann beginnen.

Der Hipster-Kinderwagen und Kofferraumtetris

Am Abreisetag blicke ich nervös auf unser Gepäck. Waren in den vergangenen Jahren überschaubare Mengen von Klamotten und Kamera-Equipment in den Elfer gewandert, besteht unser Reisegepäck in diesem Jahr im Wesentlichen aus Babykram. Wasserflaschen, Babymilchpulver, Windeln, Marcel die Maus sowie eine Babymatratze müssen rein in den Targa.

Das war noch nicht alles. Im Kofferraum befindet sich schon das gesamte Werkzeug.

Das war noch nicht alles. Im Kofferraum befindet sich schon das gesamte Werkzeug.

Hinzu kommt der Kinderwagen einer Hipster-Marke, dessen Kauf ich befürwortet hatte, weil er zusammengeklappt deutlich flacher aussah, als seine Mitbewerber. Ich bin eben ein Fuchs. Vielleicht hätte ich ihn aber im Vorfeld mal testweise in den Kofferraum packen sollen. Jetzt, 30 Minuten vor Abreise,  stelle ich  fest, dass Ferdis Gefährt etwa 12 Zentimeter zu hoch für den Kofferraum des Elfers ist.

Ich schwitze. Ich überlege. Ich hole sicherheitshalber mein Werkzeug. Mit einem großen Schraubenschlüssel in der Hand kann ich besser denken. Dann fällt mir ein, dass man die großen Hinterräder werkzeuglos abmontieren kann und Zack passt das Ding. Puh.

Die Frau stellt derweil fröhlich schwatzend eine Tasche nach der anderen neben mir ab. Der Einfachheit halber entleere ich die angelieferten Behältnisse auf den Hof der #Poschewerkstatt und stopfe deren Inhalt einzeln in die Leerräume des Kofferraums.  Am Ende sind immer noch drei Taschen übrig. Doch die Frau hat eine brilliante Lösung. „Das nehme ich mit auf die Rückbank… !“ Mein Gott.

Dieser Kofferraum ist offiziell voll. Hier ein Foto von der Rückfahrt. Auf der Hinfahrt hatten wir noch mehr Milchpulver und Wasserflaschen hier drin.

Dieser Kofferraum ist offiziell voll. Hier ein Foto von der Rückfahrt. Auf der Hinfahrt hatten wir noch mehr Milchpulver und Wasserflaschen hier drin.

Der Turmbau zu Babel

Bevor es losgeht, muss Ferdis Mutter irgendwie auf die Rücksitzbank gefaltet werden. Das gestaltet sich aufgrund der zuszätzlichen Gepäckstücke schwierig. Wir entscheiden uns für die „Turmbau zu Babel“-Methode und stapeln Gepäck hinter dem Fahrersitz bis zur Decke. Verkeilt mit einigen von Ferdis Plastikfläschchen klappt das einwandfrei. Jetzt noch schnell die Frau mit dem Rücken vor den Gepäckturm pressen und … voilà. Alles drin!

„ARÖÖ??“ tönt es nun auf Höhe der Fuchsfelgen. Ferdi (vier Monate) meldet sich aus seiner Autoschale. Achklar, der Kleine muss auch noch rein. Ich klappe schnell die Beifahrersitzlehne zurück, zerschmettere das rechte Knie der Frau und darf mir entsprechende Kommentare anhören. Wir müssen jetzt echt los. Mit einem Schwung ist Ferdis Schale auf dem Beifahrersitz geklemmt. Anschnallen. Tür zu. Es kann losgehen.

Ferdi kriegt Hunger

Ich sprinte um den Targa herum und hechte auf den Fahrersitz. Der Sechszylinder startet unwillig, als ahne er, was auf  ihn zukommt. Ich ziehe den Choke-Hebel als plötzlich vom Beifahrersitz ein verzweifeltes „BRUAAAAH!!!!!“ zu hören ist. Von hinten ertönt – gedämpft von Gepäckstücken – die angespannt wirkende Stimme der Frau: „11.00 Uhr. Er hat Hunger!“

Ich schalte den Motor aus, springe aus dem Wagen, öffne die Beifahrertür, löse den Dreipunktgurt um Ferdis Sitz, stelle Ferdi auf den Boden, klappe die Beifahrersitzlehne nach vorn und ziehe die Frau an ihrer rechten Hand von der Rückbank. Mit einem langgezogenen Ächzen bricht der Gepäckturm auf der Rücksitzbank zusammen.  Ein Schwung von Windeln, Flaschensterilisatoren und Fläschchen verteilt sich großzügig im Heck. Die  Frau sieht mich vorwurfsvoll an: „Ich bin in zehn Minuten wieder da! Bis dahin ist da wieder Platz zum Sitzen!“ Abgang die Frau. Aus der Ferne höre ich Ferdi brüllen.

Ab nach Holland

15 Minuten später. Ferdi ist verpflegt. Die Frau stabilisiert als zentrales  Statikelement den Gepäckturm und der Motor des 911 S sprotzelt vor sich hin. Ab auf die Autobahn.

Bitte lächeln. Ist doch alles ganz entspannt!

Bitte lächeln. Ist doch alles ganz entspannt!

Doch vor uns blinken Warnblinker. Alle wollen an diesem Freitag irgendwo hin. Wohin ist egal, am liebsten aber dahin, wo die anderen hinfahren. Wunschreiseziel des Tages ist heute Holland und wir sind dabei. Mit fünfundreißig km/h auf der Bundesautobahn. Die Sonne scheint fröhlich auf den nichtklimatisierten Targa.

„Wart´s ab“, rufe ich der Frau aufmunternd zu. Sie wird nämlich manchmal nervös, weil ihr in Verkehrsfragen jedwede Intuition fehlt. „Wenn wir erstmal in Holland sind, wird der Verkehr ganz anders aussehen!“

Fündundvierzig Minuten später muss die Frau bewundernd anerkennen, dass ich mal wieder Recht hatte. In Holland herrschen ganz andere Autobahnverhältnisse. Wir stehen (jawohl) auf einem dreispurigen Stück Snelweg hinter einem Lastwagen mit dem Aufkleber „DE MIJNE IS DE LANGSTE“.

Ferdi (mit Anonymisierungsaugen rechts) auf dem Beifahrersitz in der Babyschale.

Ferdi (mit Anonymisierungsaugen rechts) auf dem Beifahrersitz in der Babyschale.

Die Sonne brät aufs schwarze Targadach. Ferdi liegt schwitzend in seiner Autoschale und die Frau kämpft zusätzlich gegen die Hitze der 190 PS-Maschine und ihre langen Beine: „Isch kriesch Trombose“, tönt es dumpf von der Rückbank. „Fahr raus!!“ Kein Problem. Nur noch 40 Minuten bis zur nächsten Raststätte.

Kein Happa für den Dobermann

Nach mehr als einer Stunde erreichen wir den ersehnten Rastplatz. Die Frau läuft freiwillig zur nahegelegenen Tanke und besorgt zwei Eis.

Ich bewache den völlig fertigen Ferdi, der in seiner Babyschale neben dem Porsche steht und dampft. Ein gelangweilter Dobermann riskiert einen Blick auf den Inhalt des Riesenfressnapfes und wendet sich angeekelt ab. Dobermänner mögen kein gekochtes Essen.

Windelnwechseln auf dem Targadach. Keine gute Idee, weil so ein Kind da schnell runterrollt.

Windelnwechseln auf dem Targadach. Keine gute Idee, weil so ein Kind da schnell runterrollt.

Zwischenzeitlich ist auch die Frau wieder da und hat – wegen der Trombosegefahr – gleich beide Eis gegessen. Ich mag eh kein Eis.

Jetzt noch schnell Windel wechseln, ein Fläschchen verabreichen und weiter geht es Richtung Fährhafen.

In Teil 2 erfahrt Ihr ob der Targa, Ferdi, die Frau und ich bis England kommen …. oder nicht.

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

8 Comments

  • Einfach schön zu lesen. Der Blog nimmt nach der „Babypause“ (?) endlich wieder fahrt auf.

    PS: meine Eltern haben mich (Bj.69) 1970 im Urelfer mit nach Pisa zum Camping genommn. Incl. Zelt, Campingmöbel und Lebensmittel für 3 und eine Woche. Ich wurde einfach unter der Heckscheibe auf dem Gepäck „abgelegt“. Kindersitz ? 🙂

    • Ganz großartiger Gedanke! Was würde heute die Pozilei dazu sagen! Oder die Frau! Die Kindersitzanforderung macht die ganze Kiste schon anstrengend. Ich hoffe, dass ich noch einen zugelassenen Sitz für den Urelfer finde.
      Zur Babypause, die eine Haus-, Baby-, Porschewerkstatt- und andere Themen-Pause ist: Ich verspreche Besserung, habe aber gemerkt, dass ich ohne Schlaf nach zwei drei Tagen einfach so auf dem Stuhl einschlafe. Vertrackt. 😉 – Danke für Deinen Kommentar!

  • Herrlich – zumindestens zum Lesen, ich habe mich gekringelt vor Lachen und konnte den Beitrag kaum ohne (Lach-) Unterbrechungen meinem Mann vorlesen ! Aber selber erleben möchte ich das nicht, mir taten schon bei der Vorstellung davon die Knochen weh ! Deshalb große Hochachtung für die drei tapferen Porsche-Ritter !!!

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