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Das F-Modell, die Frau, Ferdi und die Fahrt zum Rand der Verzweiflung (2)

Written by hansbahnhof

MIt einem alten Porsche 911 Targa plus Frau und Säugling nach England? Keine. Gute. Idee.

In Teil 1 dieses Zweiteilers über den verzweifelten Versuch mit einem vier Monate alten Baby (Ferdi) in einem Porsche 911 S 2.4 Targa nach England zu fahren, waren wir bis Holland und Nahe an den Rand der Verzweifelung gekommen.

Wie Ihr Euch erinnert, musste die Frau hinten sitzen. Das hat zu einigen Widrigkeiten geführt, darunter einer Spontan-Trombose, die sie mit zwei holländischen Eis am Stiel kurieren konnte. Ferdi wäre außerdem fast auf einem Autobahnparkplatz von einem Dobermann gefressen worden. Gut, dass er so geschwitzt hat, dass der Dobermann ihn ekelig fand.

Aber wie ging es weiter? Und sind wir überhaupt angekommen?

Hoek van Holland

Da ist das Schild. Hoek van Holland. Unser Fährhafen. Endlich.

Antje, die freundliche holländische Auto-Einweiserin weist uns eine Passkontrollspur zu. Sie ist dafür zuständig, dass linksgelenkte Autos immer links an den Passkontrollstationen vorfahren und Rechtslenker rechts. Klingt unlogisch und ist es auch.

Jedenfalls werde ich gleich aussteigen müssen, um die von der Frau vorbereiteten drei Pässe (Ferdi hat auch einen!) beim freundlichen Zollbeamten vorzulegen. Die Dokumente, ohne die wir holländischen Boden nicht verlassen werden, hat die Frau vorn aufs Armaturenbrett gelegt.

Hoek van Holland im Abendlicht. Nach so einem Tag ist das dann auch egal.

Hoek van Holland im Abendlicht. Nach so einem Tag ist der Sonnenuntergang dann aber auch sowas von egal.

„Fahr!“, sagt die Frau, weil ich mal wieder geträumt habe, während vor uns die Schlange schon zwanzig Meter weiter ist. Das lasse ich mir nicht zwei mal sagen. Die Kupplung schnalzt, der S springt raubtiergleich nach vorn und mit einem „Zzzzzit“ verschwinden drei Reisepässe im Fußraum unter Ferdis Sitz zwischen dem Fotorucksack, der Lenkradsperre und dem Feuerlöscher.

Aufgeschreckt durch den Ruck wacht Ferdi auf: „BRUAAAAH!!!!!“. Von hinten ertönt – gedämpft von Gepäckstücken – die angespannt wirkende Stimme der Frau: „16.00 Uhr. Er hat Hunger!“ Im selben Moment klopft eine Hand an die Scheibe der Beifahrertür: „PASSPORTS!??“

Irgendwie schaffe ich es, die Pässe unter dem Sitz hervorzufischen und ordnungsgemäß vorzulegen. Der Mann am Schalter lugt durch die Seitenscheiben des Elfers: „I see Ferdi“, konstatiert er, „but where is Sandra?“

Ich deute auf den Gepäckturm auf der Rückbank, der sich während der Fahrt von einem halbwegs geordneten Stapel zu einem chaotischen Trümmerhaufen verwandelt hat.

Zwischen Marcel der Maus und einem großen Paket mit der sinnvollen Aufschrift „Lillydoo“ erscheint  die Hand der Frau und winkt schwach. Der Zollbeamte denkt kurz nach, raunt mir „glorious car!“ zu und winkt uns durch. Wir haben es geschafft.

Hätten Sie diesen Wagen nach England reingelassen?

Hätten Sie diesen Wagen nach England reingelassen? Hier gut erkennbar: Marcel die Maus links über dem Windelpaket.

Endlich auf dem Schiff

Nach gefühlten fünf weiteren Stunden steht der S im Bauch der Englandfähre. Wir haben eine Kabine mit Meerblick und gleich einen Tisch im Restaurant. Die Frau liegt auf dem Bett und massiert ihre Beine.  „Ich brauche jetzt echt was zu essen“, sage ich. Schließlich hatte ich bis auf ein paar Butterkekse heute noch keine feste Nahrung.

Ferdi macht leise „GRRR“ und riecht komisch. Die Frau zieht prüfend die Luft durch die Nase. Die starke olfaktorische Präsenz meines Beifahrers beruht offensichtlich auf einem vollständigen reisebedingten Windelversagen. Ferdis farblich aufeinander abgestimmte und mit neckischen maritimen Details verzierte Schiffsgarderobe ist jedenfalls versaut.

„Haben wir noch andere Sachen dabei?“, frage ich unnötigerweise. „Ich suche was raus!!“, meint die Frau und drückt mir Ferdis streng riechendes Outfit in die Hand. „Kannst Du mal eben die Sachen waschen?“ Was soll ich sagen? Natürlich. Bitte gern. Bitte gleich. Noch vor einem Jahr haben wir um diese Zeit mit einem Bier an der Schiffsbar gesessen. Aber der Kleine ist halt wirklich niedlich, wenn er sauber ist.

England

Nach einem Schiffsfrühstück stehen wir am nächsten Morgen in der Schlange vor der englischen Grenze. Ich füttere Ferdi mit einer extra großen Flasche. Er hat viel Flüssigkeit verloren gestern.

Schlangestehen am Fährhafen. Die einzige Möglichkeit für Ferdi frische Luft zu schnappen. Die Frau streckt die Beine aus.

Schlangestehen am Fährhafen. Die einzige Möglichkeit für Ferdi frische Luft zu schnappen. Die Frau streckt die Beine aus.

Ein Engländer sieht sich das Idyll grinsend an. „You are a lucky man!“, meint er. „Why?“, aske ich. Er zeigt auf den Wagen. „The car, the baby – perfect!“. Aus Richtung Rückbank ertönt – gedämpft von Gepäckstücken – die Stimme der Frau: „AND THE WIFE!!!!“. Ich zeige nach hinten und ergänze verlegen: „And the beautiful wife!“ „Of course“, meint der Gentleman höflich und zieht seinen Hat. Die Erfinder der Brough Superior und des Brexit sind schwer mit Verrücktheiten zu beeindrucken.

Epilog

Ein Tag später. Wir liegen auf unserer Picknickdecke vor Paulas B&B in der strahlenden Sonne von Essex. Am Zaun unterhält sich Mr. Darcy mit Elizabeth von nebenan. Die Frau hat einen Tee, Gebäck und ein E-Buch. Bildschöne Zuchtrosen wiegen im Wind und in der Ferne höre ich Big Ben. Aber vielleicht ist das auch nur ein Rest-Tinnitus von der Fahrt.

Ferdi kugelt sich nach links. Ferdi kugelt sich nach rechts. Ferdi kriegt das Grinsen nicht von den Backen. Endlich raus aus der stinkenden lauten Karre!

The wife guckt auch schon wieder entspannter. „War nur ziemlich warm“, meint sie tapfer und beißt in einen Scone. „Na dann fahren wir demnächst mal wohin, wo es insgesamt kühler ist“, schlage ich vor und schnappe mir das Laptop. Die Google-Suchanfrage nach „porsche nordkap“ bringt 146.000 Ergebnisse. Na dann. Man sollte immer mit seinen Herausforderungen wachsen. Und Ferdi soll seine ersten Pinguine in ihrer natürlichen Umgebung sehen.

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P.S. Wir waren übrigens aus einem bestimmten Grund in England. Hier findet Ihr den Bericht zu „Porsche Classics at the Castle 2017“.

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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