TdM Blog News

Der Lietz, der Zoll und die Vitrinenbiene

Written by hansbahnhof

Ich bekomme ein Schreiben vom Zoll. Ich möge vorstellig werden, da auf einem an mich adressierten dicken Paket aus den USA leider keine Rechnung angebracht worden sei. Das Behördenschreiben heißt für mich „Der Lietz ist da“.

Der Lietz ist der Dachgepäcktträger für die frühen Porsche 911 Modelle. Im Gegensatz zu Heck- und Dachgepäckträgern für den Porsche 356 ist der Dachgepäckträger für den frühen Neunelfer ein eher seltener Gast bei eBay und Co. Der Grund dürfte im guten Innen- und Stauraumkonzept von Ferdinand-Alexander Porsche liegen. Der Urelfer hat einfach deutlich mehr Platz zum Gepäckverstauen, als der gute alte 356. Daher wurde der Lietz für den Elfer nur selten gekauft. Meist wohl dann, wenn der Porsche 911-Eigner Skifahrer war.  Denn – der Lietz ist ein kombinierter Ski- und Dachgepäckträger.

Das Schreiben vom Zoll

Ich bekomme ein offiziell aussehendes Schreiben vom Zoll. Ich möge vorstellig werden, da auf einem an mich adressierten dicken Paket aus den USA leider vorschriftswidrig außen keine Rechnung angebracht worden sei. Ich solle daher insbesondere die Rechnung für den ominösen Gegenstand sowie den Überweisungsträger vorlegen.

Das Behördenschreiben heißt für mich „Der Lietz ist da“ und mir fällt ein Stein irgendwoher. Denn den Lietz hatte ich mit großem Menschenvertrauen in einem amerikanischen VW-Bus Forum von einem amerikanischen VW-Bus Freak gekauft. Wie schon beim Kauf des Porsche 911 Coupé von 1965 hatte ich unbesehen auf Grundlage von zwei unscharfen Fotos zugeschlagen und (sehr viel) Geld überwiesen. Mein Gottvertrauen ist unerschütterlich – da kenne ich nix. Denn der Lietz war teuer. Und hier machte ich den einzigen Fehler. Denn der deutsche Zoll ist unerbittlich bei der Berechnung von Zollgebühren auf Grundlage des Kaufpreises…

Die Schlange

„Pakete abholen Zimmer 4 neben den Vitrinen“ heißt es auf einem weißen DinA4 Zettel. „Anklopfen und warten bis der Nächste hereingerufen wird“, heißt es außerdem.

post-dhl-pakete-zoll

Ich schaue auf die Uhr. Ich bin früh aufgestanden für den Lietz und ich bin pünktlich. Vor mir ist nur ein netter Herr, den ich frage ob er die Schlange ist. „Ja bin ich“, antwortet der nette Herr, „sind aber noch drei Minuten bis halb Acht!“

Wir sind uns intuitiv einig, dass wir den Versuch, drei Minuten vor Büroöffnung zu klopfen, besser unterlassen. Wir haben Recht. Denn pünktlich um 7.30 Uhr öffnet sich die Tür und ein junger Mann schaut in den Flur: „Nächster“, sagt er, denn er ist der Zoll. Die Schlange begibt sich ins Zollbüro und ich habe Zeit, mich umzuschauen.

Die Vitrinenbiene

Die Vitrine mit der Aufschrift „Ausstellung von beschlagnahmten Plagiaten, die z.B. über eBay ersteigert worden sind“, nimmt meine Aufmerksamkeit in Beschlag. Neben Gucci-Handytäschchen und chinesischem Louis-Vuitton liegt eine Biene auf dem Rücken vor einem Schminkkasten. Es sieht so aus, als gehöre sie zu den Plagiaten. Vielleicht die billige chinesische Kopie einer Miniaturdrohne. Jedenfalls ist sie kaputt oder tot – je nachdem.

ausstellung-von-beschlagnahmten-plagiaten

Die Schlange öffnet die Tür und sieht erleichtert aus. „Tschüss“, sagt die Schlange. „Tschüss“, sage ich. „Nächster“, sagt der Zoll.

Dachgepäckträger haben wir nicht oft

Ich entere das Zollbüro. „Haben Sie die Unterlagen?“ Habe ich. Und zeige stolz auf die Sammlung bestehend aus „Kontoauszüge der letzten zwei Jahre“ und „alle E-Mails, die ich mit dem Verkäufer vor dem Kauf gewechselt habe“.

Der Zoll blättert kurz durch den Papierwust. „Sieht gut aus“, sagt der Zoll, „die meisten vergessen, noch mehr Unterlagen mitzubringen – der Kontoauszug hätte nämlich nicht gereicht.“ Gut, dass ich mich so gut in deutsche Behörden reinversetzen kann. „Was ist in dem Paket?“, fragt der Zoll. „Ein Dachgepäckträger“, sagte ich und der Zoll wirft einen ungläubigen Blick auf den Kaufpreis: „Dachgepäckträger haben wir nicht oft. Woraus ist der?“ Ich improvisiere: „Verchromter Stahl“, sage ich und füge noch schnell hinzu „VERROSTET!“. Eine junge Zoll-Dame dreht sich zu mir um und grinst. Sie weiß bereits, dass mich das „VERROSTET“ nicht rettet. Der Zoll blättert in einem dicken Buch. „Dann muss ich Sie bitten, mal kurz draußen zu warten. Ich muss mir das mal anschauen.“

Alles ist relativ

Ich stehe wieder neben der Plagiate-Vitrine. Die Vitrinenbiene hat sich nicht bewegt. Ich mache ein Foto von ihr und dem verstaubten Schminkkasten. Das Zoll-Stillleben in der Vitrine übt eine morbide Faszination auf mich aus, die schwer zu beschreiben ist.

Der Zoll öffnet die Tür und reicht mir einen Zettel. „Bitte vorne links zur Kasse!“. Ich schaue auf die Zollgebühren-Import-Summe unter dem Strich. „Hm“, denke ich, „dafür hätte ich vier oder fünf günstige Gepäckträger beim Obi kriegen können“. Aber ich wollte ja den Lietz. Und ich habe ein Top-Foto von einer toten Biene und einem staubigen Schminkkasten. Alles ist relativ.

 

 

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

2 Comments

  • Manchmal ist das so, da sagt man was und weiß genau in dem Moment, dass es etwas ganz furchtbar Dummes war und man besser was anderes gesagt hätte. Aber dann ist es zu spät.

    Ich habe mal sehr lange bei der Einreise in die USA in einem Raum warten müssen, die Geschichte fing auch so an.

    • Story of our life oder? Hin und wieder ist es besser ein verstockter kommunikationsgehemmter Supernerd zu sein, der das M… nicht aufbekommt…

Leave a Comment