Alter 911 vs. neuer 911

Ein moderner Porsche fühlt sich an und fährt sich zunächst wie jedes moderne Auto. Ok – man fällt tiefer, wenn man sich hineinsetzt und die Sitze geben komfortablen Seitenhalt deutlich jenseits einer Limousine. Der Qualitätseindruck ist gut bis sehr gut. Anders als bei vielen anderen Marken ist ein nach Aluminium aussehendes Teil auch manchmal aus diesem Material – ein Teil aus Kevlar oft auch.

Moderne Porsches fahren sich, wenn notwendig, wie moderne Limousinen. Sie sind leicht zu schalten, leicht zu kuppeln und leicht zu lenken. Geringe Bedienkräfte und elektronische Helferlein ermöglichen auch die komfortable Fahrt zur nächsten Eisdiele, das Cruisen bei verstopftem Innenstadtverkehr und längere Schleichfahrten über die Autobahn. Geräusche macht die Stereo-Anlage – sonst hört man nichts. Mit zwei Ausnahmen: Der Motor beim Anlassen und der Motor ab gewissen modellspezifisch unterschiedlichen Drehzahlen. Dann hört der Fahrer Sounds direkt aus der Hexenküche der Porsche-Sounddesigner. Ehe ich zu kritisch werde. Was da herauskommt ist unabhängig von Baujahr und Modell auch bei den modernen Wassergekühlten zum AufdieKniefallen. Wer einmal einen modernen 911er, Boxster oder Cayman gefahren hat, weiß was ich meine. Die Porsche Klanghexer wissen, was das anspruchsvolle Ohr erwartet. Und ein Auto, in dem 45 Jahre Konstruktionserfahrung stecken, kann kein schlechtes Auto sein.

Der Porsche 911 S 2.4l im Vergleich
Im Jahr 1972 war die Autowelt noch nicht so weit. Ein S war ein Sportwagen für eine exklusive Minderheit. Gerade einmal 985 Exemplare wurden vom Targa in der schnellen S-Version mit der 2.4 Liter Maschine produziert. Die Fahrer damals: Piloten, Ärzte, Playboys – kurz Männer , die was auch immer geschafft hatten und die nicht auf die D-Mark gucken mussten. Denn – anders als heute gab es Leasing und Finanzierung nur im fernen Amerika.  Wer es sich leisten konnte, gönnte sich den mit 28.000 DM  teuersten Porsche 911. Er besaß damit 1972 den schnellsten deutschen Straßensportwagen in der luxuriösen Frischluftvariante.

Heiß gewaschen
Der äußerliche Eindruck heute: Das mehr als 35 Jahre alte Auto ist trotz seines Designs aus den Sechzigern optisch kein „Oldtimer“. Das ist auch den Designern der aktuellen Modelle zu verdanken, die den Elfer seit den Sechzigern behutsam weiterentwickelt haben. Die wesentlichen Designmerkmale des Wagens blieben dabei unangetastet. Ein 73er und ein 911er aus der aktuellen Produktion sind auch für Porsche-Laien sofort als „Porsche“ zu erkennen.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Urelfer und aktuellen Autos ist seine Größe – genauer gesagt, seine geringe Größe. Neben einem aktuellen Golf wirkt der Wagen überraschenderweise wie zu heiß gewaschen. Der Golf ist nicht nur deutlich höher. Er ist auch deutlich breiter als der 911. Nur in der Länge übertrumpft der Oldtimer das Massenauto noch knapp. Um gerade einmal 5 Zentimeter.

Haptik und olfaktorische Eindrücke
Der 911 S ist natürlich ein altes Auto. Die Türgriffe aus Chrom liegen kalt und schwer in der Hand. Ein echter Schlüssel ohne Zusatzknöpfe öffnet eine irritierend leichte Tür. Eine Zentralverriegelung gab es nicht einmal gegen Aufpreis. Noch bevor man sich in die Sitze fallen lässt, ist der zweite Eindruck ein olfaktorischer. Der Wagen riecht nach altem Auto. Eine undefiniertbare Mischung aus Feuchtigkeit, Reinigungsmittel, Benzin, Öl und Kunstlederduft, die man in einem modernen Auto nicht finden wird. Es gehört einiges dazu, diesen Duftmix mit Begeisterung zu kommentieren. Gut riecht anders.

Nehmen Sie doch Platz
Der nächste ernüchternde Punkt sind die Sitze. Wer modernes (Recaro-) Gestühl gewohnt ist, fühlt sich im 70er Jahre 911 wie in Omas Schlummerecke. Außer er besitzt die seltenen und begehrten Recaro-Sportsitze – seinerzeit eine aufpreispflichtige Zusatzausstattung. Die Standardbestuhlung, übrigens ebenfalls von Recaro für Porsche gefertigt, gibt nach, wo sie unterstützen soll. Sie gibt Freiräume, wo man festen Halt erwartet. Jedenfalls, wenn sie nicht erheblich überarbeitet wurde. Kein Wunder, dass zeitgenössische Rallyefahrer dem Vernehmen nach zuerst die Originalsitze durch anständige Sportsitze ersetzten. Das Angurten mit den häufig anzutreffenden statischen Gurten wird zur Geduldsprobe. Dann wieder Positives. Der Blick fällt auf ein beeindruckendes Instrumentarium. Sechs Instrumente ermöglichen die totale Kontrolle über die totale Fahrmaschine. Weitab von modernen „Mäusekinos“ mit ihren digitalen Anzeigen und nervigen blauen LEDs. Die Krönung ist die analoge Uhr, die leise tickend von einer Zeit kündet, in der die digitale Zeitanzeige noch Zukunftsmusik war. Sie geht im F-Modell oft nach. Aber wen interessiert die Zeit nach 38 Jahren?

Fazit: Vorher mal fahren – erst dann die Enscheidung treffen
Wer einen alten 911er kauft, ohne vorher mal einen gefahren zu sein, ist möglicherweise enttäuscht. Er ist eben kein aktuelles Auto. Wer Luxusabteil erwartet, sollte sich stattdessen auf Holzklasse gefasst machen. Und wer echten Luxus in einem Auto aus den Siebzigern erwartet, sollte eher bei den Kollegen von Mercedes schauen.

Sämtliche Argumente gegen den Kauf eines Porsche F-Modells habe ich für Unentschlossene hier zusammengestellt. Für alle, die sich noch in der Entscheidungsphase befinden, empfehle ich die Lektüre dringend…

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