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Die gefesselten Gespenster – Buchkritik

Written by hansbahnhof

Auf der Suche nach den Gründen für meine Oldtimer-Begeisterung habe ich erst kürzlich das Lieblingsbuch meiner frühen Jugend wiederentdeckt und möchte es kurz vorstellen.

„Die gefesselten Gespenster“ ist die Geschichte einer bunt zusammengewürfelten Truppe von Jugendlichen im Marseille der fünfziger Jahre. Die sieben Protagonisten plus ein Hund stammen aus armen Verhältnissen und träumen davon, endlich mal etwas Geld in die Hände zu bekommen. Dann lesen sie in einer Zeitung von einem Spukschloss und dem Angebot des Eigenümers, jeden fürstlich zu entlohnen, der dem Spuk ein Ende bereitet.

„Spinne“

Da Zugtickets zu teuer sind (genau wie heutzutage!), „restaurieren“ die Jungs ein Renault Cabriolet aus den zwanziger Jahren, das sie von einem Schrottplatz ziehen. Mit dem fensterladen-grün angepinselten und „Spinne“ getauften Vorkriegs-Oldtimer düsen die Freunde los in Richtung Spukschloss. Dass „Spinne“ kein Rennwagen ist und auf der langen Strecke herzumzickt ist selbstverständlich. Und auch sonst erweist sich schon die Anreise als reiner Hindernisparkour.

Oldtimerrestauration 1954 - ob die Speichenräder von "Spinne" das überleben? (Illustration aus der Erstauflage von Horst Lemke)

Oldtimerrestauration 1954 – ob die Speichenräder von „Spinne“, dem Zwanziger-Jahre Renault, das überleben? (Illustration aus der Erstauflage von Horst Lemke)

Im Schloss angekommen warten dann gleich mehrere Überraschungen auf die Truppe. Aber ich will hier nichts verraten, das den Lesespaß trübt. Wichtig ist nur zu wissen, dass „Die gefesselten Gespenster“ von Hörnemann eigentlich gar keine Gespenstergeschichte im klassischen Sinne ist.

Es ist die Geschichte von Jugendlichen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Eine Geschichte von Freundschaft und Auseinandersetzungen. Und eine Geschichte, in der es sehr subtil um Ethik und Moral geht.

Für mich als Sechs- oder Siebenjährigen war Hörnemanns (http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_H%C3%B6rnemann)  „Gefesselte Gespenster“ das erste Buch mit „Kopfkino“-Effekt. Die Geschichte fesselte mich. Auch wegen der exotischen Kulisse (Frankreich), den scharf gezeichneten Charakteren und der technischen Spielereien. Ich habe das Buch -zig mal gelesen und das sieht man ihm heute deutlich an (Bild oben im Artikel).

Die gefesselten Gespenster – Teil 2

Alle, die das Buch kennen und lieben wie ich, werden sich freuen zu hören, das es mehr als sechzig Jahre nach Erstveröffentlichung des Buches nun einen zweiten Teil gibt: „Abenteuer Korsika: Die Gefesselten Gespenster, das Abenteuer geht weiter, eine neue Geschichte aus dem Nachlass von Werner Hörnemann“ wurde nach dessen Tod in Werner Hörnemanns Nachlass gefunden. Das Fragment wurde von Wolf-Uwe Ostermann zu Ende geschrieben und ist im Verlag Norbert Kessel erschienen. Ich habe es noch nicht gelesen, werde das aber in Kürze tun!

Teil der Maschine Bewertung

„Die gefesselten Gespenster“ ist ein Kinderbuch-Klassiker von 1954, das heute lange nicht so antiquiert wirkt, wie andere Literatur aus den fünfziger Jahren. Es ist ein Buch das sehr subtil über Werte spricht und dabei nicht oberlehrerhaft daherkommt. Außerdem ist es ein Buch für zukünftige Petrolheads oder zukünftige Lehrer.. Am wichtigsten ist aber, dass es ein fesselndes Buch ist, das man von vorn bis hinten in einem Zug durchlesen kann.

Wer es schafft, an eines der von Host Lemke (http://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Lemke) wunderschön illustrierten Originale heranzkommen, sollte das tun. Gute Exemplare der ersten Auflage dürften mittlerweile schwer zu bekommen sein. Meines ist nach über 60 Jahren völlig auseinandergefallen. Empfehlung von Teil der Maschine!

Antiquarische Ausgabe

Autor: Werner Hörnemann mit Illustrationen von Horst Lemke
Verlag: Herder, 1954
Titel: Die gefesselten Gespenster
Sprachen: deutsch

Aktuelle Ausgabe

Autor: Werner Hörnemann
Verlag: Verlag Kessel
Titel: Die gefesselten Gespenster
Sprachen: deutsch

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

8 Comments

  • Hallo Hansbahnhof,

    auch ich habe dieses Buch zig mal gelesen. Es hat überlebt und vor kurzem hat mich mein Sohn (20) gefragt, ob ich nicht mal wieder Gefesselte Gespenster vorlesen könnte….

    Dass in diesem Buch der Keim für den Oldtimervirus stecken könnte, hatte ich noch gar nicht bedacht. Aber sie haben durchaus Recht, bei mir ist es sogar ein französischer, ich bin Facel Vega Freak.
    Vielen Dank wie immer für Ihren pfiffigen Blog!

    Viele Grüße
    Udo Merkel

    • Facel Vega!!!!!!!! Großartige Autos. Falls Sie mal in der Nähe von Essen sein sollten, freue ich mich jederzeit über eine Mitfahrgelegenheit. Was das Buch angeht sind die Parallelen ja schon interessant: Porsche, Facel Vega – liegt ja nicht weit auseinander – beides sehr emotionale Autos! Ein schönes Wochenende aus dem Ruhrgebiet!

  • Die Illustration ist nicht von Horst Lemke, sondern von Ditz von Schneidewind. Erst die späteren Ausgaben ab den 60er Jahren waren (und sind) mit Illustrationen von Horst Lemke versehen.

  • Es war auch mein Lieblingsbuch….. und trug ein gutes Stück dazu bei, dass ich nunmehr seit zwanzig Jahren da lebe, wo die Geschichte spielt.
    Mein Buchexemplar sieht ähnlich zerlesen aus. Wird auch heute noch gern von Gastkindern verschlungen.

  • Dieses Buch ist noch heute mein absolutes Lieblingsbuch und erinnert mich zugleich an die Jahre einer unbeschwerten Jugend. Hansbahnhof, dank Ihres Hinweises bin ich auf die Fortsetzung aufmerksam geworden und bestellte mir das Werk „Abenteuer Korsika“. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Ich bin übrigens auch stolzer Besitzer einer sehr gut erhaltenen Erstauflage, nach jahrelanger Suche hatte ich in einem Auktionshaus Glück. Mit freundlichen Grüßen, Andreas

  • Auch für mich ist es mein absolutes Kinderlieblingsbuch und wird jedes Jahr neu gelesen. Allerdings frage ich mich, ob ich es Eltern bzw. Kindern empfehlen würde. Es ist schon sehr rassistisch. Die Italiener vermehren sich wie die Karnickel und klauen, der Afrikaner ist dumm und zurückgeblieben, der Armenier ist natürlich der Verräter, Chinesen sind faul, nur die Franzosen sind entweder fleissig oder Künstler

    • Hallo Thomas, das ist mir (ganz ehrlich) bis heute gar nicht aufgefallen. Vielleicht weil solche Klischees in den Siebzigern, in denen ich es gelesen habe, noch gar nicht so viel disktiert wurden. Von der Zeit, in der es geschrieben wurde, will ich mal gar nicht sprechen. Und natürlich hast Du Recht. Meine frühkindliche Prägung im Bezug auf Menschen aus anderen Ländern hat das Buch trotzdem nicht negativ beeinflusst. Was mir aber schon als Kind vor Augen geführt wurde, war, dass man im Team mit unterschiedlichen Talenten weit kommen kann und dass Freundschaft eine wichtige Sache ist, die auch zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft möglich ist. Soweit mein Eindruck und – ja- ich würde es Ferdi zu Lesen geben und ihn auf die Stereotypen aufmerksam machen. So – muss jetzt Schluss machen: Heute abend kommt ein Franzose zum Abendessen (echt jetzt), den ich noch nie gesehen habe (echt) und ich werde ihm mal von dem Buch erzählen, in dem ich zum ersten Mal klischeehaft aber positiv von Frankreich und den Franzosen unterschiedlichster Herkunft gehört habe. Schönes Wochenende! von Teil der Maschine

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