Marktsituation

Durchwachte Nacht: Pebble Beach Auktion von Gooding – Tag 2

Written by hansbahnhof

Was schreibe ich eigentlich „Tag 2“ – es handelt sich schließlich um „Nacht 2“. Also – mein Wecker stand auch heute wie gestern Nacht auf „2.45 Uhr“. Ich gäbe einen Super-Bäcker ab.

Was schreibe ich eigentlich „Tag 2“ – es handelt sich schließlich um „Nacht 2“. Also – mein Wecker stand auch heute wie gestern Nacht auf  „2.45 Uhr“. Ich gäbe einen Super-Bäcker ab. Aber es geht hier nicht um kleine Brötchen. Es geht um eine der exklusivsten Auktionen für klassische Fahrzeuge weltweit: Die Auktion von Gooding & Company anlässlich der 2014er Auflage von Pebble Beach.

Guten Morgen

2.45 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich bin wirklich bescheuert.

2.55 Uhr: Die ECM läuft warm. Espresso in 15 Minuten möglich.

3.09 Uhr: Amerika ist halt nicht Deutschland. In Pebble Beach lässt man sich Zeit.

3.14 Uhr: Ein Renault 6CV von 1924 geht über den Tisch des Hauses. 41.800 US-Dollar für ein außergewöhnliches Auto.

3.20 Uhr: So ein Mist. Ich stelle fest, dass einige der spannenden Autos gestern bereits über den Tisch gegangen sind. Mangels Live Streaming in Deutschland und aufgrund der lückenhaften Berichterstattung bei Twitter leider ohne mich. Na super. Also suche ich mal Informationen zusammen und versuche herauszufinden, was gestern eigentlich passiert ist. Ts. Und sowas in Zeiten des allwissenden Internets.

Der 1965er Porsche 911

Der 1965er Porsche 911 (http://www.goodingco.com/auction/pebble-beach-2014) ist deutlich unter dem Estimate von 450.000 – 550.000 US-Dollar verkauft worden. Der Preis laut „early911sregistry.org“: 370.000 US-Dollar. Immer noch eine stolze Summe für einen 65er: Umgerechnet ca. 276.000 EUR. Und – der Wagen geht nach seinem Europa-Ausflug im Frühjahr (Techno Classica …) wieder zurück nach Europa. Übrigens offensichtlich nicht zu einem glücklichen neuen Eigentümer, sondern (wer hätte es gedacht) zu einem holländischen Händler (?) nach Arnhem (?), der ihn bereits wieder anbietet. Für 345.000 (US-Dollar ODER EUR – das ist nicht ganz klar) in einem bekannten amerikanischen VW-Forum: http://www.thesamba.com/vw/classifieds/detail.php?id=1678957.

Und schon wieder "for sale" - verschämt versteckt im VW-Forum? Der von Gooding erst gestern verkaufte 1965er mit der frühen Fahrgestellnummer hat offensichtlich noch keinen echten neuen Eigentümer gefunden.

Direkt nach der Pebble Beach Auktion schon wieder „for sale“! Verschämt versteckt (?) im VW-Forum? Der von Gooding erst gestern verkaufte 1965er mit der frühen Fahrgestellnummer hat offensichtlich noch keinen echten neuen Eigentümer gefunden.

Die Sache hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Denn wer kauft ein Auto für 370.000 US-Dollar um es dann unmittelbar nach der Auktion wieder für einen geringeren Preis zu verscherbeln?

„Auction Games“ vermuten die Experten im Early911S Registry – also möglicherweise nur eine Finte und gar kein „echter“ Verkauf. Wier erinnern uns, dass der Wagen bereits im Frühjahr in Stuttgart ein „Verkauft“-Schildchen angepappt hatte…

Der 1968er Porsche 911 T/R

Auch der Verkauf des ursprünglich an Paul Ernst Strähle ausgelieferten 1968er Porsche 911 T/R ist gestern mangels Stream und ausreichenden Twitter-Infos völlig an mir vorbeigegangen. Hier noch mal der Wagen bei Gooding: http://www.goodingco.com/vehicle/1968-porsche-911-tr.

Laut Early911S Registry wurde auch dieser interessante und seltene Wagen am unteren Ende des Estimates versteigert. 400.000 US-Dollar ohne Aufschläge sind für den raren Elfer – angeblich wurden 1968 nur etwa 35 davon ausgeliefert – natürlich trotzdem eine stolze Summe.

1968er Porsche 911 T/R aus Vorbesitz von Paul Ernst Strähle.

1968er Porsche 911 T/R aus Vorbesitz von Paul Ernst Strähle. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Es geht weiter

Aber ich bin nicht umsonst aufgestanden. Denn es kommen noch weitere Autos. Darunter ein Porsche 911 2.0 L von 1968 (http://www.goodingco.com/vehicle/1968-porsche-911-2-0), der „without Reserve“ zu einem moderaten Estimate von 90.000 – 120.000 US-Dollar über den Tisch gehen soll. Außerdem ein Auto, dass Vertreter einer höchst-raren und begehrten Spezies ist: Ein 1966er Porsche 911 2.0 SWB im Originalzustand. Auch hier sehen wir ein Estimate, dass einem den Atem verschlägt: Mutige 400.000 – 500.000 US-Dollar soll er bringen. Und ich könnte mir vorstellen, dass der Wagen das schafft.

4.37 Uhr: Wo ist mein Espresso? Achso. Keiner außer mir wach zu Hause. Aber jetzt ist es gerade so spannend, denn ein Ferrari Dino 206 GT wird versteigert. Der rare Wagen mit Aluminium-Karosse ist einer von nur 153 gebauten und schießt denn auch prompt über das Estimate hinaus. Für 748.000 US-Dollar stellt sich ein Käufer die zitronengelbe Flunder in die heimische Garage. Was für ein wunderschönes Auto!

Der Ferrari Dino von 1968 in "Hallo Wach"-Gelb überschreitet raketenschnell das gesetzte Estimate und wird für 748.000 US-Dollar an den neuen Eigentümer gebracht.

Der Ferrari Dino von 1968 in „Hallo Wach“-Gelb überschreitet raketenschnell das gesetzte Estimate und wird für 748.000 US-Dollar an den neuen Eigentümer gebracht. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Und mit spannenden Italienern geht es weiter. Der Ferrari 365 P Berlinetta Speciale „Tre Posti“ von 1966 überschreitet die 20.000.000 US-Dollar Grenze (richtig gelesen – wir reden von Millionen!) wie ein heißes Messer die Frühstücksbutter. Wer gibt so viel Kohle für ein Auto aus? Ok, es ist ein Sportwagen mit drei Sitzen und damit praktisch für kleine Einkäufe mit der jungen Familie. Bei 22.500.000 US-Dollar fällt der Hammer. Respekt.

Schnäppchenalarm: Porsche 2.0 L von 1968

4.55 Uhr: Günstiger wird es in diesem Jahr bei Pebble Beach keinen Porsche mehr geben. Der Porsche 2.0 L in rot ist dran. Kein spektakuläres Auto, aber ein gut dokumentiertes mit originaler Rechnung und langjährigem Vorbesitz. Polo-rot mit schwarzer Ausstattung. Der Wagen war 45 Jahre lang in der Hand einer einzigen Familie.

Nicht spektakulär, aber gut dokumentiert: Porsche 2.0 L von 1968. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Nicht spektakulär, aber gut dokumentiert: Porsche 2.0 L von 1968. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Der 911 L  startet  bei 50.000 US-Dollar und steigt in wenigen Sekunden auf 95.000 US-Dollar. Dann ist genauso schnell Schluss. Mehr ist nicht herauszuholen. Der Käufer kann sich glücklich schätzen. Er stellt sich mit dem 68er Porsche ein Auto in die Garage, das mit knapp über 70.000 EUR wirklich nicht zu teuer ist. In diesem Zustand und mit dieser dokumentierten Vorgeschichte hätte er bei vielen deutschen Händlern mehr gekostet.

Replica für 140.000 US-Dollar? 1971 Porsche 911 R/T

5.13 Uhr: 140.000 US-Dollar für ein Replica? Das kriegen sie dafür nicht, bin ich überzeugt. Ein 1971er „Porsche 911 R/T“ auf breiten Fuchs-Schluffen soll für diese Summe über den Tisch des Hauses gehen. Überteuert für einen „Nachbau“ oder wie immer man es nennen will. Da kann er noch so viel Liebe zum Detail enthalten. Wir sprechen von einem nicht -originalen Auto mit moderner Klimaanlage und „Sound-System“. Das Sound-System wird vom Auktionator noch einmal besonders hervorgehoben, bevor die Auktion startet.

Bringt der "Nachbau" wirklich 140.000 US-Dollar oder mehr?  (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Bringt der „Nachbau“ wirklich 140.000 US-Dollar oder mehr? (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Es geht los bei 100.000 – dann zurück auf 50.000 US-Dollar. 70.000 US-Dollar dauern etwas. Nach einigen Sekunden geht der Wagen hoch auf 90.000, dann auf 100.000, dann auf 105.000. Die 110.000 erreicht er nach einigen Sekunden ebenfalls. Bei 120.000 dauert es einige Zeit bis ein weiterer mutiger Bieter auf 125.000 US-Dollar hochbietet. Der Hammer fällt dann bei 130.000 US-Dollar.

Ein stolzer Preis. Wenn man den Auktionsaufschlag hinzurechnet, hat der neue Eigentümer des Replica-Porsche R/T über 100.000 EUR für ein Auto hingelegt, das in der Form so nie ausgeliefert wurde. Aber eines mit Klima und Sound. Hier spielt sicherlich auch die Komfortverrücktheit der Amis eine Rolle. 100.000 EUR war der Wagen (sorry) nicht wert! Das Geld hätte man besser in einen „echten“ 911 S von 1972 gesteckt. Der sieht genauso gut aus und macht genauso viel Spaß – auch ohne Klima.

5.29 Uhr: Ein 1955er Porsche 356 Super Speedster errecht souverän 470.000 US-Dollar. 141 Stück hat es davon gegeben. Viel Geld für einen – zugegeben sehr sehr schicken – Käfer mit niedriger Scheibe…

5.40 Uhr: Bieterkrieg um einen 1936er Auburn 852 SC Boattail Speedster. Ein großartiges Auto dessen maximales Estimate von 700.000 US-Dollar „mal eben“ zwischen den Bietern auf 1 Million US-Dollar hochgetrieben wird. Spektakulärer kann man nicht (Vorkriegs-) Auto fahren.

Originalzustand ist alles – Porsche 911 von 1966

6.00 Uhr. Jetzt wird es wirklich noch einmal richtig spannend. Ein 66er Porsche im restaurierten Zustand kann locker eine sechsstellige Summe bringen. Aber mehr als 400.000 US-Dollar für so ein Auto?

Ob einem Käufer der sehr originale und unrestaurierte Zustand des tollen Wagens inklusive passendem Kofferset, Originalwerkzeug und ausführlicher Dokumentation so viel Geld Wert ist?

Die Auktion startet um 6.30 Uhr.

Ein Estimate von 400.000 - 500.000 EUR. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Ein Estimate von 400.000 – 500.000 EUR. Ambitioniert aber nicht völlig unwahrscheinlich, dass der originale Wagen das bringt. (Screenshot: http://www.goodingco.com)

Die Preise schrauben sich in atemberaubender Geschwindigkeit nach oben. Bei 320.000 US-Dollar gibt es eine Denkpause. „Any more bids?“ fragt der Mann am Hammer und erntet Stille im Publikum. Der Hammer fällt bei 320.000 US-Dollar, also umgerechnet ca. 238.000 EUR für das originale Auto.

Fazit(s)

Auktion macht Spaß, wenn man live dabei ist, einen Livestream hat und/oder genug Geld, um ein oder zwei Autos mitzunehmen. Ich habe mich jedenfalls keine Minute gelangweilt und werde demnächst mal eine „richtige“ Auktion besuchen, um zu schnuppern, wie das ist.

Vor dem Hintergrund der Pebble Beach Auktion habe ich mir übrigens noch einmal Gedanken zum Thema „Marktwerte Porsche 911 Oldtimer“ gemacht und aufgeschrieben. Den Artikel findet Ihr hier.

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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