Off-Topic Reisen

GR 20 im Oktober – Oder wie man beim Wandern auf Korsika nicht stirbt (Off-Topic)

Written by hansbahnhof

„In diesem Jahr ist auf dem GR noch keiner gestorben!“ Mein korsischer Taxifahrer ist stolz auf die geringe Sterberate von Wandertouristen 2017. Das geht ja gut los.

Ich habe mich unvorsichtigerweise zum „Wandern“ mit meinem schweizer Freund Lorenz verabredet. Unser Ziel: Die „Grande Randonée 20“ wie der Franzose sagt oder „GR 20“ für Freunde der entschleunigten Bergbesteigung.

Der GR 20 – Refuges welcome

Der GR 20 ist ein hochalpiner Wanderweg, der einmal quer über Napoléons Geburtsinsel Korsika führt. Wer den 170 km langen Weg komplett machen möchte, braucht etwa 15 Tage für die Tour. Wir haben uns für die Leichtvariante entschieden und wollen den Südteil machen, der nicht ganz so heftig ist, wie der Nordteil.

Der GR 20 verläuft im Süden und im Norden weit ab von bewohnten Gegenden. Um es den Wanderern einfacher zu machen, sind auf dem Weg sogenannte „Refuges“ verteilt. Das sind Hütten, in denen sich Pritschen mit dünnen Matratzen befinden und meist auch ein planierter Platz zum Zelten sowie sanitäre Einrichtungen.

Wandern auf dem GR 20 im Oktober - Blick auf die Küste von Korsika.

Der GR 20 erlaubt faszinierende Perspektiven – wenn man es denn nach oben schafft.

Die Hütten werden von „Gardiens“ bewacht, die praktischerweise auch noch die Essensversorgung übernehmen. So bekommt man nach einem anstrengenden Wandertag ein warmes Abendessen, eine Flasche Wein, Brot und Käse.

Theoretisch.

Nourriture d´Astronaute

Vergessen kann man Abendessen und Abendkäse dann, wenn man, wie wir, den GR 20 außerhalb der besucherstarken Saison machen möchte.

Die Gardiens verabschieden sich nämlich samt ihrer Vorräte so gegen Ende September und hinterlassen die Refuges mit offenen Türen. Das heißt, dass man im Oktober bitte sein gesamtes Essen in Form von himalayatauglicher Astronautennahrung (franz. „nourriture d´astronaute“) mitzuschleppen hat. Und ein Zelt. Und Schlafsäcke. Und anderen Kram zum Überleben. Da kommt schnell einiges zusammen, zumal ausgerechnet das überlebenswichtige Wasser natürlich ordentlich wiegt.

Ultraleichtwandern

Um als komplett untrainierter, unsportlicher Nichtwanderer nicht nach 200 Metern unter dem Gewicht meines Rucksackes zusammenzubrechen, muss ich tricksen. Meine Überlebensstrategie für den GR 20 ist „weniger als 12 kg“ Rucksackgewicht inklusive Zelt und Nahrung für fünf Tage und zwei Personen – ohne Wasser.

So ein geringes Gewicht lässt sich nur mit ultraleichtem Trekkingzubehör und Verzicht auf zivilisatorische Errungenschaften realisieren. In den Monaten vor Start der Tour trifft bei uns daher nahezu täglich ein Paket mit ultraleichter Spezialausstattung ein.

Ein superleichter Schlafsack aus Polen, ein mörderleichtes Zelt aus den USA und ein extraleichter Rucksack aus England. Ich bin bescheuert. Außerdem Titan- (!) Besteck, Aluminium-Töpfe und innen hohle Nudeln (!). Ultraleicht regiert!

Zu Hause bleiben müssen das schöne schwere schweizer Armeemesser, das mir die Frau geschenkt hat und stapelweise Klamotten. Eine Trekkinghose, zwei paar Socken und ein paar Kleinigkeiten müssen reichen.

Einige Tage vor Abreise ist es dann soweit. 11.6 kg zeigt die Waage an, auf die ich meinen fertig gepackten Rucksack stelle. Ziel erreicht. Auf nach Korsika.

Von wegen Wandern

Der GR 20 ist sowas wie das Wacken unter den Wanderwegen. Lang, schmutzig und hart.  Im Sommer dazu noch brüllend heiß und voll mit anderen Bekloppten Menschen, die auf die harte Tour zurück in die Natur wollen.

Rauhe Natur. Der GR 20 – irgendwo auf mehr als 2.000 Meter Höhe.

Selbst Anfang Oktober treffen wir bei großartigem Wetter noch relativ viele andere Wanderer. So circa 10 – 20 am Tag können es schon sein. Zustände wie am verkaufsoffenen Sonntag.

„Wandern“ heißt auf dem GR keinesfalls, dass man auf einem gut ausgebauten Waldweg leichte Steigungen bewältigt. Der GR malträtiert Beine und Knöchel mit wildschweingroßen Felsbrocken, die sich teils über Kilometer hinziehen und auf jedem Meter eine Gefahr für die unteren Extremitäten darstellen. Unterbrochen wird die Felsspringerei von kleinen und großen Bächen ohne Brücken sowie strategisch eingestreuten Kletterpartien.

Korsische Brücke. Sowas findet man auf dem GR 20 jedoch nicht!

Das heißt, dass man ungesichert mehrere Meter steile Felswände mit Rucksack erklimmt.  Diese Etappen erfordern durchaus Mut, aber sicher Nerven, Bergsteigerambitionen und gutes Wetter.

Die Glanzlichter des GR

Natur satt à la Corse fernab der Zivilisation. Das kann der GR 20 wirklich. Krumme und abgestorbene Bäume wie in „Herr der Ringe“, Raubvögel (oder waren es Aasgeier?), Salamander und wilde Felsformationen sind etwas fürs naturliebene Auge. Hinzu kommt im Oktober eine fantastische Farbvielfalt zwischen grün, gelb und orange. Der „Indian Summer“ müsste „korsischer Oktober“ heißen.

Hat  es auch nicht leicht. Einsamer korsischer Baum auf dem GR 20 Fernwanderweg.

Auf die berühmten Wildschweine müssen wir verzichten. Sie verstecken sich im Unterholz. Wir erwerben stattdessen vor der Rückfahrt zwei große „Saucisses de Sanglier“. Wildschwein togo in komprimierter Form sozusagen.

Fast noch schöner als die visuellen Eindrücke sind aber die Gerüche der Insel. Rosmarin, Thymian, Harze, Pilze und andere Duftnoten vermischen sich auf dem GR immer wieder zu einer Luft, in die man reinbeißen möchte. Hinzu kommt die unglaubliche Ruhe bis hin zur vollständigen Stille von der ich als Kind des lautstarken Ruhrgebietes gar nicht genug bekommen kann.

Spooky! „Herr der Ringe“-Atmosphäre auf dem GR 20 im Oktober 2017.

Die korsische Küche sollte man übrigens vor oder nach der GR 20-Tour dort probieren, wo sie herkommt. Auf dem Land, weitab von den großen Städten wie Bastia oder Ajaccio. Hier kocht Mama das Wildschweingulasch noch so, wie vor 1.000 Jahren. Lecker!

Nicht so schön

Die Korsen sind sperrig und kantig, wenn ich das nach sieben Tagen Korsika mal so pauschalisieren darf. Die Bandbreite reicht dabei von unwirsch unfreundlich bis desinteressiert unwillig. Ausnahmen bestätigen glücklicherweise die Regel und haben uns Freude gemacht. Der Korse ist hinter der oft blickdichten schwarzen Sonnenbrille stolz auf seine kleine Insel und das ist oft der Schlüssel zu etwas mehr Spaß im Umgang mit ihm.

Der GR ist eine bekannte und stark frequentierte Wander-Autobahn. Angesichts seines Bekanntheitsgrades hat uns das Gesamtniveau der Einrichtungen, die dem Randonneur (Wanderer) zu Verfügung stehen, doch arg gewundert.

Der Erhaltungszustand vieler Refuges lag im Oktober 2017 auf dem Niveau brasilianischer Favelas. Selbst im einzig noch bewirtschafteten Refuge unseres GR 20-Abenteuers mussten wir uns mit abgeranzter Stehtoilette ohne Licht, lecken Schläuchen und kaputten Duschen herumschlagen. Damit möchte ich keinesfalls den Eindruck erwecken, dass ich auf einem Weg wie dem GR 20 Hotelstandards erwarte.

Ich erwarte einen einfachen, aber dann bitte ordentlichen Zustand der Einrichtungen. Was ich gesehen haben, war häufig verwahrlost und ganz offen auch unhygienisch. An den Wanderern liegt das aus meiner Sicht übrigens nicht. Jeder, auf den wir getroffen sind, gab sich Mühe, alles so zu hinterlassen, wie er es vorgefunden hatte.

Dafür, dass es sich rund um den GR 20 einige Verantwortliche zu einfach machen, sprechen auch die zahlreichen Warnungen vor „Punaises“ (Bettwanzen), die wir glücklicherweise vermeiden konnten, in dem wir einfach mehr im Zelt geschlafen haben, als eigentlich notwendig. A propos Hygiene. Wer einen Wanderweg wie den GR 20 betreibt, muss sich angesichts von tausenden Touristen im Jahr zumindest mal Gedanken über so etwas wie sanitäre Einrichtungen machen. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo in der freien Natur so viele „wilde Toiletten“ gesehen zu haben, wie auf dem GR 20. Das ist optisch unschön und olfaktorisch eine Schande.

Noch ein Wort zum Nahverkehr auf Korsika. Wer so wahnsinnig ist, wie wir außerhalb der Saison zu fahren, wird feststellen, dass Korsika keinen nennenswerten Nahverkehr besitzt.

Unser Weg zurück vom Ende des Weges bis nach Ajaccio war jedenfalls eine spannende Erinnerung an die Studienzeit verbunden mit zahlreichen Wartezeiten und auch netten Gesprächen beim Auto-Stop.

Auch nicht mehr nahverkehrstauglich: Peugeot Pickups im Dreierpack am GR 20.

A propos Gespräche. Wie überall in Frankreich, empfiehlt es sich, strategisch die Sprache Macrons und Voltaires zu sprechen. Man läuft sonst Gefahr, ignoriert zu werden. Korsisch geht natürlich auch. Theoretisch.

Fazit

Der GR 20 ist ein Naturerlebnis, das man sich hart erarbeiten muss. Wer konditionell nicht richtig fit ist, wer sich keine Gedanken über sein Equipment macht und wer nicht absolut trittsicher und schwindelfrei ist, kann sich den Versuch sparen und fährt in den Schwarzwald.

Alle anderen sollten versuchen, eine Jahreszeit zu erwischen, in der der GR nicht ganz so überlaufen ist. Anfang Oktober ist dafür eigentlich eine gute Zeit, wenn das Wetter wie bei uns mitspielt. Einschränkungen bei der Hygiene und der teils bemitleidenswerte Zustand der zu dieser Zeit geschlossenen Refuges waren aus Sicht von jemandem, der sich mit der GR-Tour einen langjährigen Wunsch erfüllt hat, enttäuschend.

Korsika ist übrigens die Insel der Rallyes. Hier ein schweizer G-Modell am Rand des GR 20.

Tipps

Für den komfortablen Start auf den GR 20 Süd empfehle ich eine Übernachtung bei Vincent und Henry im

Casa Alta
Vizzavona, 20219 Vivario
http://www.casa-alta.fr

Das Casa Alta verfügt über liebevoll eingerichtete saubere Zimmerchen, ein gutes und üppiges Frühstück mit selbstgemachter Marmelade plus Expertentipps zum GR 20 von den Betreibern. So sollte das sein.

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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