Verkehr und andere Katastrophen

Grüngrauer Führerschein in Gefahr und ein sentimentaler Rückblick auf fast 30 Jahre „Fleppe“

Written by hansbahnhof

Der neue Führerschein kommt und er regelt ab 19.01.2012 so einiges neu. Am einschneidensten ist dabei sicherlich die beschränkte Gültigkeit der Fahrerlaubnis: Nach 15 Jahren muss die neue „Fleppe“, wie wir im Pott sagen, nämlich erneuert werden. Wegen des Fotos, das dann veraltet ist. Das sichert Arbeitsplätze in der Verwaltung – und sichere Arbeitsplätze sind ja wichtig heutzutage.

Ab 19.01.2013 aufpassen! Der schöne Grüngraue aus Wachspapier ist in Gefahr

Wer wie ich noch einen der guten alten Wachspapier-Führerscheine sein Eigen nennt, ist vor den neuen Regelungen zwar nicht betroffen. Das ändert sich jedoch dann, wenn der alte Führerschein entwendet wird oder aus anderen Gründen ein neuer her muss. Dann erhält man nicht nur die häßliche neue Version, sondern darf fürderhin auch alle 15 Jahre beim Amt vorstellig werden. Mit einem neuen Foto, ausreichend Euros für den neuen Schein und bitte möglichst entspannt angesichts der auf ihren sicheren Arbeitsplätzen gelangweilt herumrutschenden Lebenslänglichen. Eine beschränkt attraktive Aussicht.

Mein Führerschein. Eine sentimentaler Blick zurück

Wir schreiben das Jahr 1984. Der Porsche 911 hat eine 3 Liter Maschine und ich mache mit hart erspartem eigenen Geld bezuschusst vom Patenonkel meinen „Dreier“ und meinen „Einser“ gleichzeitig. Das machen alle, weil es günstiger ist. Auch wenn man gar kein Motorrad fahren will. Man kann ja nie wissen.

Mein Führerschein – Relikt aus der Urzeit meiner Motorisierung

Das BMW-Krad und wie mein Vater fast den Einser macht

Mein Vater ist begeistert. Er will auch einen Einser. Mit den Worten „Man könnte dann zusammen eine BMW kaufen“, beflügelt er meine Phantasien vom eigenen Krad. Bis meine Mutter kommt und einschreitet: „Dann mache ich Ballettunterricht!“ Die Drohung zieht und verhindert meine frühzeitige Motorisierung.

1000 Mark für beide Scheine

Also drückte ich allein die Fahrschulbank bei Herrn Riechenberg in Wanne-Eickel. Etwas mehr als 1000 DM kosten beide Scheine inklusive Prüfungsgebühr. Ein Schnäppchen nach heutigen Standards – aber damals viel Geld. Dafür gibt es für mich schaltfaule Nummer einen Fahrschul-Golf mit Automatik (!) sowie einen entsprechenden Eintrag im Führerschein. Das interessiert heute übrigens niemanden mehr.

Meine ersten Fahrerlebnisse hatte ich ohnehin hinter mir. Ich war ein Meister im „auf Papas Schoß um den Block fahren“. In den Siebzigern interessierte das im Ruhrgebiet keinen Menschen, wenn ein Dreikäsehoch am Lenkrad eines Audi 100 LS rumkurvte. Jedenfalls, so lange er dabei auf Papas Schoß saß. Unangeschnallt natürlich. Die Zeiten ändern sich.

Auf dem Kirmesplatz – im zweiten Gang bei Schnee

Um die Spezialschulung kümmert sich Thorsten. Der hat einen Polo der allerersten Serie in schniekem dunkelrot. Wir fahren im Schnee auf dem Cranger Kirmesplatz und driften mit 40 PS und angezogener Handbremse. Auch verboten – aber sicherlich Grundlage meiner Vorliebe für das Fahren in Extremsituationen.

Es folgen arbeitssame Jahre. Denn Papa und Mama kaufen mir kein Auto. Warum auch. Ich kann mein Geld schließlich allein verdienen. Und ich darf den Familien-Granada fahren. In der 2.3l Version ohne Servolenkung. Da weiß man, warum es „Kraftfahrzeug“ heißt.

Ford Granada 2.3l als Surfmobil – bevor ich Polo fahren konnte, diente Papas Sechszylinder als Transportmittel. Ohne Servolenkung übrigens!

Mein Auto muss ich mir hart verdienen. Als Nachtportier im Krankenhaus. Dafür gibt es 12 Mark die Nacht und so spare ich fleißig, bis ich 5500 Mark für MEINEN Wagen zusammenhabe. Da bin ich schon 20 und möchte endlich was Eigenes. Ich leiste mir einen gebrauchten 80iger Polo der ersten Baureihe – aber bereits die „geliftete“ Version mit dicken Stoßstangen. Der Wagen begleitet mich durch mein gesamtes Studium und verlässt mich so gut wie nie. Teuerstes Ersatzteil: Das Alpine Stereo-Kassettenradio, das alle sechs Monate geklaut wird. Insgesamt hatte ich wahrscheinlich 10 Stück davon.

Der Grüngraue – Schlüssel meiner Mobilität

Zurückblickend bin ich ein typisches Kind der 60er Jahre. Autos waren meine ersten Spielzeuge. Autos waren mein größter Wunsch und mit Autos – besonders meinem Polo – verbinde ich schönste Erinnerungen. Der Grüngraue war und ist mein ständiger Begleiter und einziges Dokument aus den Anfängen meiner persönlichen Motorisierung. Ich werde daher versuchen, ihn so lang wie möglich zu behalten. Trotz des schrecklichen Fotos. Wegen der ganzen Erinnerungen. Ich bin ein motorisierter Mann. Ich bin sentimental.

 

 

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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