Verkehr und andere Katastrophen

Hallo Partner – danke schön – Plädoyer für ein Tempolimit

Written by hansbahnhof

Am letzten Wochenende habe ich mehr als 2000 km im Porsche 911 S auf deutschen und schweizer Straßen zurückgelegt. Der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz liegt dabei auf der Hand. In der geschwindigkeitsbeschränkten Schweiz fließt der Verkehr mit 110 – 120 km/h auf der Autobahn vor sich hin. Kein hektisches Überholen. Keine Lichthupenattacken. Keine aggressiv auffahrenden Großraumtransporter. Das Gegenteil in Deutschland. Denn Verkehr ist in Deutschland traditionell Straßenkampf.  Die Waffe hat vier Räder. Und ich kämpfe mit. Gegen die auf der Überholspur klebende C-Klasse mit huttragendem Fahrer. Gegen die plötzlich mit 70 auf die Bahn ziehenden VW Transporter. Gegen den 170 km/h schnellen Sprinter mit der Lichthupe. Sie machen mich wahnsinnig. Bringen mich zum bremsen, zum hupen, zum fluchen und zum rechts überholen.

Hallo Partner…
Zeit, einmal zurückzudenken an den Anfang der siebziger Jahre. Da war ich fünf und wurde auf eine Werbekampagne des Deutschen Verkehrssicherheitsrates aufmerksam, die mich beeindruckte. (http://www.dvr.de/presse/dvr_report/932_09.htm) Vielleicht wegen der schicken Autoaufkleber denen sich mein Vater immer verweigerte. Vielleicht auch wegen der bunten Poster mit Peggy March und Roberto Blanco. Der Claim der Kampagne „Hallo Partner – danke schön“. Ihr Zweck: Für mehr Aufmerksamkeit, Verständnis und defensives Verhalten im Verkehr zu sorgen. Eine sympathische Kampagne, die gut gemacht war und die selbst ich als Fünjähriger kapierte. „Seid nett zu einander“ hieß das und man winkte kurz um sich zu bedanken, wenn man vorbeigelassen wurde. Das fand ich gut, zumal mein Vater – wenn auch aufkleberlos – immer zu den Verfechtern defensiver Fahrweisen und freundlichen Händewinkens gehörte.

Was bleibt?
Was bleibt, ist die Erinnerung an den Versuch, Rücksichtnahme als Korrektiv neben starren Verkehrsregeln im kollektiven Verkehrsbewußtsein zu verankern. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass solche Kampagnen und Appelle nicht fruchten. Auch weil 2011 jeder Kreti straßenkampffähig geworden ist. Denn wir sitzen nicht mehr in einem werksentschleunigtem Audi mit 60 PS oder einem 35 PS-Käfer. Wir fahren Sharan Pampersbomber mit 150 PS, dieselgetriebene Sprinter mit atemberaubenden Höchstgeschwindigkeiten oder 400 PS starke M-BMWs. Dazu kommt, dass sich unsere Gegner im Straßenkampf zahlenmäßig vervielfacht haben. Viel Feind, viel Ehrgeiz. Nach diesem Motto brettern wir über die weltweit letzten Straßen ohne Tempolimit. Und der deutsche Adrenalinspiegel schwappt am Anschlag.

Ich will ein Tempolimit
Das ich als engagierter Fahrer eines 230 km/h schnellen Oldtimers sowas mal denke, sage,  oder gar schreibe hätte ich nie gedacht. Aber mal ehrlich. Wie lange soll das auf deutschen Straßen noch so weiterlaufen? Wir brauchen dringend eine Verkehrsentschleunigung. Und zwar eine verordnete. Ich werde es hassen. Ich werde vielleicht sogar heimlich mal zu schnell fahren. Aber ich werde mich fügen. Wie alle anderen auch. Und dabei werden wir geschätzte 20% Sprit sparen – bereits ab Monat 1.

Wahrscheinlich hasse ich mich morgen für diesen Beitrag.

(Quelle Aufkleber: www.dvr.de)

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

4 Comments

  • Kann ich gut verstehen und jedes Mal, wenn ich über ausländische, geschwindigkeitsbeschränkte Autobahnen fahre, bekomme ich ein völlig entspanntes Fahrgefühl. Der Tempomat ist dein bester Freund sozusagen. Überholen mit 122,5 ist kein Problem, man fließt einfach so mit.

    Allerdings habe ich Zweifel dass das in D auch so gut funktionieren würde, denn…
    a) das Verkehrsaufkommen ist subjektiv wesentlich höher und dichter – zumindest auf den Bahnen für die ein Tempolimit Sinn machen würde
    b) wird es auch in D Fahrer (mit Hut 😉 ) geben, die meinen gegen den Strom schwimmen zu müssen und 80,90,100 rollen, obwohl ihr Wagen die 120 locker schaffen würde
    c) ist euch mal aufgefallen wie wenig Baustellen es im Ausland gibt und dagegen wie viele AB Kilometer in D?

    Mir persönlich würde ganz klar das ab und zu „sonntags morgens um 3 nach xyz ballern“ fehlen, auch wenn ich unter der Woche zu 99,9% auf 120/130er geschwindigkeits- bzw. eher verkehrbeschränkten Straßen unterwegs bin.

    Zudem würde ich mich mit der PKW-Maut (die zweifellos kommen wird) UND Tempolimit irgendwie doppelt enteignet fühlen.

    • kann ich alles und absolut verstehen. Auch mir würde das Ab-und-zu-Rasen fehlen und gedanklich steht dann schon eine schöne entschleunigte siebziger S-Klasse in meiner Garage. Schneller als 120 geht es auf deutschen Autobahnen ja im Schnitt sowieso nicht mehr. Und am nervigsten sind die alle hundert Meter wechselnden Schilder mit Geschwindigkeitsangaben. Insgesamt wäre der Verkehr vielleicht (bestimmt) entspannter und bestimmt auch flüssiger und schneller, weil eben alle mit 110 – 120 einen relativ gemeinsamen Nenner haben. Die mit den Hüten wird es auch weiter geben. Schön wäre es, wenn man sie in Zukunft rechts überholen dürfte. Das habe ich in USA immer als sehr angenehme empfunden, zumal es zu aufmerksamerem Fahren zwingt…

  • Tempomat? Was war das nochmal?

    Will heißen: Vielleicht kommt’s ja doch anders und die Unfallursache Nummer 1 – der Fahrer – wird einfach beseitigt, der Verliebtheit in neumodische Technik wegen. Autos von morgen kommunizieren miteinander und fahren so wie’s die drumrumfahrenden Sänften zulassen, also bestenfalls alle konstant mit 120. Dann noch anständig Sound-Engineering und sitzkippende Beschleunigungssimulation, damit der verspielte Kerl hinterm Steuer sein Ego pflegt, wenn er nicht gerade voll auf sein Smartphone konzentriert ist. Sicher, sauber, komfortabel, teuer. Schöne neue Welt, juhu!

    Bin ich froh, ohne Tempomat, Spurhalteassistent und Schnarcherkennung auszukommen.

  • … und jetzt beten wir alle, dass das Betriebssystem nicht von Microsoft stammt. Aber Du hast natürlich Recht. Ganz ehrlich würde ich mich auch gern chauffieren lassen, dann könnte ich mich mehr mit wichtigen Dingen beschäftigen (z.B. Porsche 911 S, bloggen, Fortbildung etc.). Aber das wird noch dauern. Und was machen wir dann mit unseren elektrifizierten Elfern? Mit Autopilot nachrüsten und auf dem iPod Boxersounds in den Innenraum spielen… – geht gar nicht. Wird aber kommen…

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