Reisen Schottland 2012

Im Porsche 911 nach Schottland Tag 12 – Modellflugzeuge im Zimmer und Essen in der Kirche

Written by hansbahnhof

Ich wache aus einem Kurz-Nap auf weil neben mir ein Modellflugzeug mit Benzinmotor startet. Nachdem ich etwas klarer bin, stellt sich heraus, dass die Frau sich lediglich im „En Suite“ Bad die Nase pudert. Merke: Schottische Badezimmer-Entlüftungen sind immer markerschütternd laut – warum auch immer.

Wir sind in Glasgow angekommen. Dort hatte es bei unserem letzten Besuch aus Lochs geregnet und selbst meine altgediente englische Wachsjacke hatte nach kurzer Zeit mit Inkontinenz zu kämpfen. Diesmal hoffen wir auf weniger Regen, um auch mal was von der Stadt zu sehen.

Der sicherste Parkplatz der Welt

Da in Glasgow das Vorwärtskommen mit dem Oldtimer sinnlos und gefährlich ist, muss der Porsche am Hotel bleiben. Eine Herausforderung. Denn in Glasgow ist kaum ein Hotel mit einem geschlossenen Parkplatz gesegnet.

Der sicherste Parkplatz der Welt am Kelvin Hotel – nur mit extremem Weitwinkel ist hier so viel Platz!

Unsere Hotel-Budget-Lösung, das „Kelvin“ bietet einen brauchbaren Kompromiss. Hinter dem Haus befindet sich ein geschätzt 25 qm großes Areal, auf dem der optimistische Hoteleigentümer fünf KFZ unterbringen möchten. Schon dort hineinzugelangen erfordert fortgeschrittene Rangierkenntnisse.

Eine Stunde später ist rausfahren gar nicht mehr möglich, weil ein riesiger Range-Rover die Ausfahrt versperrt. Perfekt. Hier steht der Wagen so richtig sicher. Wir fahren Subway. Die Frau weiß wie und wir kaufen zwei Tageskarten für 3,50 Pfund.

Nix Porsche. In Glasgow lässt man den Liebling wegen des Verkehrs, der Straßen und zur Sicherheit besser am Hotel – wenn man eines mit halbwegs sicherem Parkplatz gefunden hat

Wie Neukölln nur schmutziger

Am ehesten kann ich in Glasgow den Restaurants und kleinen Geschäften etwas abgewinnen. So ist bei uns um die Ecke ein Käsefachgeschäft bei dem selbst absolute Experten blind werden. Wer seine Hütte neu streichen möchte, findet 100 Meter weiter einen supermarktgroßen „Farrow & Balls“ Laden, der eher an eine gehobene Konditorei erinnert, als an ein Farbengeschäft.

Ähnlich wie in Berlin sind all diese Läden umgeben von Müll, Take-Aways jeder Art und leerstehenden Gebäuden. Die Yuppies sind noch nicht (alle) eingezogen. Die Gentrifizierung beginnt erst.

Kathedrale und Nekropolis

Die Kathedrale mit ihrer wechselhaften Geschichte ist einen Besuch wert. Sie wird gerade restauriert und ist voll mit Besuchern aus aller Herren Länder. Trotzdem sollte man sich hier mal eine Stunde Zeit nehmen. So viele Gebäude aus dem zwölften Jahrhundert steht ja in Schottland auch nicht mehr vollständig herum.

Kathedrale in Glasgow – von Innen absolut sehenswert – von außen wird ordentlich gearbeitet

Danach kann man gut frische Luft schnappen und einen Spaziergang über die „Nekropolis“ nebenan machen. Hier ließen sich die reichen Glasgower früher beerdigen. Und damit sie nicht wieder rauskommen, spendierten die glücklichen Erben ihnen zentnerschwere Monumente im viktorianischen Stil.

Vom kleinen Grabstein über den Obelisken bis zur moscheeartigen Begräbniskapelle findet sich hier alles, was vor zweihundert Jahren auf Friedhöfen angesagt war. Leider ist vieles umgefallen und die Nekropolis sieht insgesamt etwas vernachlässigt aus – schade.

Necropolis in Glasgow – ziemlich kaputt – aber mit dem Hauch von ein paar hundert Jahren Geschichte

Tenement House – Eingeladen bei Miss Agnes Toward

Im Tenement House hat Miss Agnes Toward mehr als fünfzig Jahre ihres Lebens verbracht. Nach ihrem Ableben ist ihre Wohnung mit allen Einrichtungsgegenständen zum Museum gemacht worden und steht nun so da, wie sie in den Zwanzigern ausgesehen haben mag. Inklusive Gaslicht, Kohlenofen und anderen sehr persönlichen Einrichtungsgegenständen.

Die netten Damen vom National Trust of Scotland können jedes Bild erklären und wissen, wie die Tapete gedruckt wurde. Sehr spannend und ein lohnendes Ziel in Glasgow – auch um den Kindern zu zeigen, dass man früher in Einbauschränken untergebracht wurde, bis man sich ein eigenes Zimmer erarbeitet hatte.

Essen und trinken in der Kirche: Oran Mor

Nach soviel Kultur ist es mal wieder Zeit für´s essen – und zwar in der Kirche. Im „Oran Mor“ – einem ehemaligen Gotteshaus – haben findige Geschäftsleute einen Pub und eine „Brasserie“ kombiniert. Der Pub bietet sowohl schottische als auch englische und internationale Biere und in der Brasserie hatten wir zur Sicherheit vor Wochen reserviert.

Das Essen ist solide und von guter Qualität, aber keine Haut Cuisine. Zum Filet hätte ich gern ein schärferes Messer gehabt. Der Weißwein ist etwas zu warm – eine schottische Eigenart, die wir auch in anderen Restaurants bemerkt haben.

Zum Abschluss gibt es den schottischen Dessert-Klassiker „Sticky Toffee Pudding“. Das ist ein warmer, dunkler und sehr süßer Kuchen, der in der Regel mit Vanilleeis gereicht wird. Den können sie im Oran Mor richtig gut – er ist der beste, den ich bislang in Schottland bekommen habe. Yummi!

Die Bedienung zeigt sich superprofessionell und freundlich. Insgesamt eine Empfehlung – vor Allem, weil sich die Preise im Rahmen halten. Danach geht es wie in Schottland üblich direkt in den Pub – das ist Tradition und kann im Oran Mor innerhalb derselben Kirche erledigt werden. Was will man mehr.

Essen in Glasgow die Zweite – Ubiquitious Chip

Das Ubiquitious Chip ist in jedem Reiseführer vorhanden und eines der teureren Restaurants von Glasgow in einem ehemaligen Pferdestall. Eigentlich preis-wert im Sinne von „gehobene Preise aber adäquate Qualität“ konnte mich das Restaurant bei unserem zweiten Besuch nicht so überzeugen, wie beim ersten Mal 2010.

Der Grund war jedenfalls teilweise hausgemacht. Der romantische Zweiertisch direkt neben einer unromantischen 15-Gentlemen Runde mit Bierzelt-Niveau ließ leider für uns und andere Gäste nicht viel Muße zum Hinschmecken und Zurücklehnen.

Trotzdem sei der Fairness halber gesagt, dass das Essen gut und die Weine anständig waren. Der Service schwankte zwischen „superprofessionell“ und „heute angefangen“ – auch das war beim letzten Mal insgesamt ein sauberes Bild. Tipp: Ausprobieren und sich ein eigenes Bild machen – vielleicht hatten wir an diesem Abend einfach nur ein wenig Pech! Unbedingt reservieren!

 

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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