Reisen Schottland 2012

Im Porsche nach Schottland Tag 4: Von Robin Hood Bay nach Edinburgh

Written by hansbahnhof

Der Start von Robin Hood Bay fällt schwer. Erstmal wegen des netten B&B (Saxon Villa) und zweitens, weil der in der Auffahrt geparkte S nur eine Bodenfreiheit von 0,5 mm am Scheitelpunkt zur Straße hat. Also heißt es: Erst rausfahren, dann einladen. Das gestaltet sich wegen der Baustelle vor der Ausfahrt schwierig. Ich rangiere diagonal über den Scheitel, setze für den Bruchteil einer Sekunde auf und stehe auf der Straße. Dort muss ich jetzt parken. Parken ist aber verboten. Denn es wird gebaut (was sonst).

Ein vierschrötiger Chef-Bau-Engländer kommt auf mich zu und ich mache mich auf das gefasst, was man in Deutschland in so einem Fall hört: „Bist Du nicht mehr ganz dicht, Dich hier hinzustellen mit der Scheißkarre – sieh zu, dass Du Land gewinnst“, wäre die adäquate Ansprache in einem solchen Fall. Aber nichts dergleichen. Der Behelmte (Engländer lieben traditionell Helme) taxiert den S, lobt the beautiful car und erkundigt sich höflich nach der von uns geplanten departure time – please. Wir versprechen, schnell die Koffer einzupacken. Heather von der Saxon Villa leiht uns noch Wasser für die Wischwaschanlage, weil es das an englischen Tankstellen nicht gibt und es geht los. 190 PS röhren in der Morgensonne und der Bautrupp winkt zum Abschied fröhlich hinter uns her. Lovely. Thank you.

Extreme Shopping und die Barbour Security

Wir geben Gas, denn wir haben einen wichtigen Termin vor uns. Das Barbour Outlet in Newcastle haben wir schon vor zwei Jahren als gute Vorbereitung für das erwartete Worst Case Weather in Schottland empfunden. Also stürzen wir uns zwischen die Japaner auf Schnäppchensuche und geben den Gegenwert des Handelsdefizites von Mozambique für Wachsjacken, Hemden und andere wichtige Bekleidungsstücke aus. Das, was wir an Klamotten von Deutschland aus mitgenommen haben, werfen wir in die dafür bereitgestellten Abfallbehälter. Es lebe die Dekadenz.

Um meiner Dokumentationspflicht nachzukommen, platzieren wir den S vor dem acht Meter großen „Barbour“ Schild und ich versuche mich als Peter Scholl-Latour. Nach genau 23 Sekunden steht ein schwarzer Mann mit „Security“ Jacke vor mir. Was wir denn hier so filmen und wofür. Ich erkläre ihm den private purpose der Filmarbeiten und er gibt sich damit zufrieden. Auch hier lernen wir: Der Engländer ist gut erzogen und erkundigt sich höflich, bevor er ausfallend wird.

Die Grenze zu Schottland

Bevor man die schottische Grenze erreicht, geht es standesgemäß durch den Northumberland Nationalpark. Das ist der am wenigsten besuchte englische Nationalpark. Das macht ihn sympathisch und zu einer guten Einstimmung auf die Highlands. Gut ausgebaute, kurvige Straßen, grandiose Ausblicke und wenig Bäume, die die Weitsicht verbauen. Dafür umso mehr Schafe und ihre Bewohner – zum Beispiel Fliegen, die von Windschutzscheiben und Porsche-Scheinwerfern magisch angezogen werden.

Weniger Verkehr – mehr Speed Control

Northumberland heißt für uns: Endlich freie Fahrt – doch Vorsicht. Wer sich hier dem Rausch der Geschwindigkeit hingibt, wird fotografiert – und zwar alle paar hundert Meter. England und Schottland haben das dichteste Netz von Blitzern, das ich kenne. Geblitzt wird meist von hinten und die Starenkästen sind netterweise in der Regel angekündigt („Speed Control“).

Trotzdem macht das Fahren dann Spaß, wenn es eben nicht ums Rasen geht, sondern ums Genießen. Ein weiterer Vorteil bei klassischen Autos wie unserem Porsche 911 von 1972: Weniger Geschwindigkeit fühlt sich trotzdem noch schnell an. Mit einem modernen Porsche oder Ferrari kann ich mir eine Schottland-Tour kaum vorstellen.

Melrose Abbey, Donnerbalken und das dudelsackspielende Schwein

Ein lohnender Abstecher etwa eine Stunde bevor wir Edinburgh erreichen, ist Melrose Abbey. Das Kloster wurde 1136 von den Zisterziensern errichtet und ist wie fast alle großen schottischen Gebäude aus dieser Zeit ordentlich ruiniert.

Die von „Historic Scotland“ schön hergerichtete Anlage erkundet man am besten mit dem deutschen Audio-Guide, der im Eintrittspreis enthalten ist und Einblicke in die Geschichte der Abtei und das Leben der Mönche gibt.

So erfährt man, dass es in Melrose bereits früh ein Abwassersystem gab. Dieses System verlief direkt unterhalb des Dormitoriums, an das ein Raum mit einem „Donnerbalken“ anschloss. Dort erleichterte Mönch sich bereits im Mittelalter relativ hygienisch. Wir wissen aus Edinburgh, das das Entleeren der Nachttöpfe auf die Straße noch hunderte Jahre später zum „Hygienestandard“ gehörte. Übrigens nicht nur in Schottland!

Doch damit nicht genug – selbst Wasserhähne gab es bereits in Melrose. Die Mönche hatten von alledem jedoch herzlich wenig, da die Engländer die schöne Abtei in regelmäßigen Abständen dem Erdboden gleichmachten. Übriggeblieben sind einige beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst – zum Beispiel die riesigen Fenster mit ihren filigranen Steinsprossen, die wie viele andere äußerst elegante Steinmetzarbeiten vom französischen Baumeister John Morow stammen. Hier gilt es auch auf Details zu achten – zum Beispiel auf das dudelsackspielende Schwein (!). Mehr zu Melrose findet Ihr bei Historic Scotland: http://www.historic-scotland.gov.uk/propertyresults/propertyoverview.htm?PropID=PL_210&PropName=Melrose%20Abbey

Edinburgh

Eine Stunde später erreichen wir Edinburgh und unser Lieblings B&B, das „Albyn Townhouse“. Für uns das beste B&B in ganz Schottland. Lydie hat einen Parkplatz für uns reserviert und ist wie immer très charmante. In Schottland auf Franzosen zu treffen, ist übrigens nicht ungewöhnlich. Die schottisch-französischen Beziehungen sind Jahrhunderte alt und haben einen guten Grund. Die Engländer.

Im ältesten Pub von Edinburgh schließen wir den Tag ab. Die „Golf Tavern“ existiert seit 1456 und bietet autenthische Pub-Atmosphäre sowie essbares Pub-Grub – also Pub-Essen. Ein Ausflug, der sich für zwei drei Pints lohnt – das Essen haben wir woanders allerdings schon besser bekommen. Beim Schreiben fällt mir gerade auf, dass die meisten Gebäude aus dem 15. Jahrhundert, die wir in Schottland besuchen, nur noch Ruinen sind. Die genauso alten Pubs scheinen das Hin- und Her zwischen England und Schottland deutlich besser überstanden zu haben. Warum nur?

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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