Off-Topic Verkehr und andere Katastrophen

It´s like a jungle sometimes – Ich habe den Tatzenhobbit angezeigt

Written by hansbahnhof

Keine Ahnung wie häufig ich seit Beginn meiner aktiven Fahrerkarriere schon Anzeige gegen Verkehrsteilnehmer erstatten wollte, deren Verhalten mich oder andere gefährdeten. Trotz einschlägiger Ausbildung im Leuteverklagen habe ich mich bislang immer zurückgehalten und meinen Ärger runtergeschluckt. Aber irgendwann muss man ja mal anfangen.

Wir Deutschen haben, geschichtlich gesehen, schon immer Recht gehabt. Also jeder von uns. In jeder Situation. Mit Allem. Diese genetisch vererbte rechtliche Komfortposition haben wir in der Vergangenheit vorzugsweise mit physischer Gewalt durchgesetzt. Mit Schwertern, Steinschleudern, Österreichischen Vegetariern und anderen Geißeln der Menschheit.

Doch die urdeutschen Methoden der eher körperbetonten Konfliktlösung werden zunehmend unmodern. Heute klagt man. Oder man zeigt an und verlagert so die Sanktionierung von Fehlverhalten und die soziale Kontrolle auf den Staat.

Ich bin sensibel – verdammt!

Ich habe noch nie jemanden angezeigt. Als Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich sensibel und harmoniesüchtig bin. Vielleicht liegt das am polnischen Migrationshintergrund meiner Urgroßeltern väterlicherseits. Auf der anderen Seite habe ich meinen Ärger oft genug heruntergeschluckt. Privat, geschäftlich und vor Allem im Straßenverkehr. Ich ärgere mich und klage. Aber ich verklage nicht. Und ich zeige auch nicht an. Eigentlich.

Essen-Rüttenscheid, 23.6.2015, 8.20 Uhr. Die schmale Straße Richtung Arbeit ist zugeparkt mit Autos. Der Berufsverkehr zwängt sich durch die hohle Gasse wie eine Injektionsnadel durch eine sehr enge Vene. Widerwillig quietschend. Rechts und links parken die SUVs der Ruhrgebiets-Hipster zwischen Verkehrsberuhigungen und verzweifelt blühenden Bäumchen. Jeder hat hier mindestens zwei Autos. Wir auch.

Die Nerven liegen blank an diesem Morgen. Ich spüre es sofort am Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer. Fahrerisches Feingefühl oder ein Joint sind notwendig, um ruhig zu bleiben.

Ich ignoriere Falschparker, Leute, die meine Garageneinfahrt bis zur Unkenntlichkeit zuparken. Ich ignoriere Müllwägen, zombieesk auf ihr Handy starrende Schulkinder, gefledderte Sperrmüllhaufen, Bekloppte mit und ohne Räder, Umzugswagen mit Freibrief zum Überallparken und und und. Ich ruhe in mir selbst. Ommmm.

Zu wenig Karma

Doch andere hatten an diesem Morgen nicht genug Karma im Kaffee. Da vorn ist der nächste. Die Straße ist parksünderbedingt einspurig. Ein Mitfünfziger mit Volks-SUV hat beim Durchfahren einer Engstelle ein Bayerisches Motorenwerk angekratzt. Möglicherweise, weil der Fahrer des BMW plötzlich die Tür geöffnet hat. So genau weiß ich das nicht. Ich komme nämlich etwas zu spät und stehe nur. Alle stehen, weil der unfallbeteiligte VW Leguan die Straße blockiert. Komplett. Kein Durchkommen mehr.

anzeige-erstatten-online-tatzenhobbit

Anzeige erstatten geht online. Wusste ich auch nicht.

 

Also steige ich mal aus und erkundige mich nach dem Grund des Staus.  Der Leguan-Treiber, eine Art kinnbärtiger Hobbit in Tatzen-Funktionsjacke, weist mich auf den „Unfall“ hin, der hier gerade erst passiert ist.

Der Unfall. Oh. Mein. Gott.

Ich suche Leichen. Überschlagene KFZ. Brennende Rettungshubschrauber. Doch was ich sehe, sind nur zwei Autos ohne erkennbaren Schaden. Den einzigen echten Schaden hat offensichtlich Frodo Tatzenjacke. Der steht wie einbetoniert hinter seinem Auto und bewegt sich kein Stück.

Ich gucke auf die Uhr. In zehn Minuten muss ich im Büro sein. Ich bitte ihn wegzufahren. Nur drei Meter zurück. Dabei werde ich von einer ständig größer werdenden Gruppe anderer Menschen unterstützt, die ebenfalls gern zur Arbeit möchten. Doch der Hobbit bleibt hart. Er hatte einen Unfall und er bleibt da stehen, bis die Polizei kommt. Basta. Wo ist meine Steinschleuder (ein genetisch bedingter Reflexgedanke für den ich mich entschuldige).

Smile und der soziale Druck

Noch fünf Minuten bis zu meinem Termin mit dem Kunden aus Kanada, der nur alle 18 Monate in Deutschland ist. Ich bin jetzt sauer.

Also mache ich ein Foto von „Unfall“ und vom Hobbit und verkünde, dass ich ihn dann jetzt eben anzeige. Umstehende Passanten murren Beifall. Eine blonde Dame mittleren Alters erklärt: „Ich stehe Ihnen gern als Zeugin zur Verfügung.“ Sie verpasst ebenfalls gerade einen Termin.

Frodo spürt sozialen Druck und zückt das Handy. Er macht ein Foto von meinem Kennzeichen. Und eines von mir. SMILE! 

Jetzt könnte ich meine Anzeige noch bei Facebook bewerben. Tempting.

Jetzt könnte ich meine Anzeige noch bei Facebook bewerben. Tempting.

Im Büro angekommen, rufe ich bei der Polizei Essen an. Ob man Anzeigen auch online aufgeben kann. Ja, kann man.

Die nette Dame erklärt mir die (erklärungsbedürftige) Website und ich nutze das Onlineformular. Fotos lassen sich leider nicht hochladen. Dabei habe ich ein schönes vom Tatzenhobbit gemacht. Sieben Minuten später habe ich zum ersten mal im Leben jemanden angezeigt und komme mir ein bißchen wie ein Denunziant vor. Doch irgendwie geht es mir jetzt etwas besser. Vielleicht verpassen sie Frodo einen kleinen Denkzettel und er denkt beim nächsten Mal nach. Sie könnten ihm die Jacke wegnehmen.

Iss das!

Keine zehn Tage später erhalte ich ein Schreiben vom Polizeipräsidium Essen: „Der von Ihnen zur Anzeige gebrachte Verkehrsverstoß (Nichträumen der Unfallstelle) wurde hier dem Vorgang des Verkehrsunfalls hinzugefügt. Die weitere Bearbeitung erfolgt durch die Bußgeldstelle Essen.“

Iss das, Tatzenhobbit!

 

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

5 Comments

  • Die Dashcams…das wäre etwas für uns Deutsche.
    Am besten für jede Seite eine:-) und Google-unterstützt…falls eine
    Einstellung keine 100% tige Verurteilung ermöglicht.

    Der Tatzenhobbit hat trotz möglicher Verurteilung Glück – in den USA
    hätte es wohlmöglich eine Schießerei gegeben und er hätte
    die Instandsetzung seiner Mühle nicht mehr erlebt.

    Hast Du richtig gemacht, manche Leute verstehen es nicht anders.

    Grüße
    Andreas

    • So komisch das klingt. Ich fühl mich immer noch komisch, glaube aber, dass er beim nächsten Mal mehr nachdenkt, wenn er im Verkehr was verkehrt macht.

    • Nix Neues. Ich denke, dass meine Anzeige nicht wirklich dazu beigetragen hat, sein Bußgeld zu verringern. Der letzte Schrei in unserer ehrenwerten Straße sind jetzt (kein Scherz!) Schrauben, die ein lieber Mitmensch nachts hinter die Reifen parkender Autos legt. Ich bin vor 10 Tagen mit einem derart verschraubten Reifen (nicht der Porsche!) nach Hamburg und zurück gefahren. Am Ende mit 0,5 Bar Reifendruck hinten ohne es zu merken und mit 160 km/h. Hierzu gibt es dann demnächst eine Geschichte. Alle wahnsinnig…

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