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Jetzt kommt der E-Elfer! Der Mission E und die Zukunft des Autos

Written by hansbahnhof

Der erste Porsche war elektrisch. Jaja. Das von Ferdinand Porsche entworfene Egger-Lohner-Elektromobil Modell C.2 Phaeton, kurz P1 („P“ für „Porsche“), hatte eine elektrische Reichweite von 80 km. Das war 1899.*

Der "P1". Von Porsche und elektrisch gab es schon vor 100 Jahren.

Der „P1“. Von Porsche und elektrisch gab es schon vor mehr als 100 Jahren. CW-Wert und Bereifung waren noch optimierungsfähig.

Über 80 km Reichweite. Da kommt so manche aktuelle Stromkutsche in Erklärungsnot.

Über 80 km Reichweite. Da kommt so manche aktuelle Stromkutsche in Erklärungsnot.

Nach mehr als 100 Jahren kommt das Thema bei Porsche jetzt wieder auf den Tisch. Höchste Zeit, denn die Welt dreht sich weiter. Auch wenn die Szene gerade noch dabei ist, den Abschied vom Saugermotor zu verarbeiten.

Monteverdi lässt grüßen

Porsche hat am 14.9. in einer Pressemeldung den ersten voll elektrischen Porsche angekündigt. „Mission E“ heißt die Konzeptstudie und sie sieht gut aus. Über meine Meinung zum Aussehen musste ich allerdings länger nachdenken. Denn Gestaltung ist natürlich bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache.

Klar ist, dass der Mission E seinen viertürigen Kollegen Panamera optisch höchst bucklig aussehen lässt. Die Proportionen sind gelungen und wer ein paar Jahrzehnte in die Automobilhistorie zurückschaut, fühlt sich vielleicht wie ich ein wenig an den Monteverdi Hai aus dem Jahr 1970 erinnert.

Mehr als nur eine Studie

Autos, die als „Konzeptstudie“ vorgestellt werden, fallen bei anderen Herstellern schon mal unter „Grimms Märchen“. Bei Porsche muss man jedoch immer davon ausgehen, dass nicht für die Schublade konzipiert wird.

Ein E-Auto à la Mission E wird also kommen. Doch das Unternehmen geht noch weiter: Porsche Vorstand Müller äußerte sich gegenüber Auto Motor Sport in der vergangenen Woche dahingehend, dass in Zukunft sämtliche Porsche Modelle in Elektroversionen angeboten werden sollen**.

Wird kommen und wird nicht allein bleiben. Der Mission E könnte der Startschuss für eine ganze Reihe elektrischer Porsches sein.

Wird kommen und wird nicht allein bleiben. Der Mission E könnte der Startschuss für eine ganze Reihe elektrischer Porsches sein.

Verstörte Petrolheads

Damit scheinen sich die spannenden Theorien von Zukunftsforscher Thomsen*** zu bestätigen. Die Zukunft des Autos wird elektrisch. Und ich sage „endlich“, weil ich ein Querkopf bin. Denn der deutsche Petrolhead findet das Thema Elektromobilität hoch verstörend. Die Gründe hierfür sind diffus. Der Strom komme ja nicht aus der Steckdose, sondern würde mit Braunkohle produziert. Außerdem wären die Reichweiten lächerlich, Stromtankstellen gäbe es zu wenige und das Laden dauere viel zu lange.

So weit sind wir schon

Dagegen lässt sich einiges einwenden. Zum Beispiel, dass in Deutschland bereits heute erhebliche Mengen von Energie aus regenerativen Quellen kommt. Oder, dass ein paar Solarmodule auf dem Hausdach bei guten Bedingungen schon heute geeignet sind, einen Stromer daheim autark zu laden.

Was die Reichweiten angeht, sind Tesla (und der Porsche Mission E) bereits heute soweit, dass man längere Strecken damit fahren kann, ohne Angst vor dem Liegenbleiben zu haben zu müssen.

Das Totschlagsargument „Ladezeit“ relativiert sich bei der aktuellen Entwicklungsgeschwindigkeit am Markt von Monat zu Monat mehr. Tesla schafft bereits heute eine 80%-Ladung in 40 Minuten. Powercharger vorausgesetzt.

Porsche will das noch einmal deutlich unterbieten und redet von 15 Minuten für die 80% Ladung. Das wäre dann wirklich nicht viel mehr, als man heute für den Tankstellenstopp benötigt. A propos Tankstopp. „Tank und Rast“ will in den kommenden Jahren 400 Autobahnraststätten mit Schnellladesäulen ausstatten und hätte dann im Jahr 2018 das größte zusammenhängende Netz von Schnellladesäulen in Deutschland.****

Mit dem Mission E durch Deutschland

Porsches Mission E wird also keine Probleme haben, einmal quer durch Deutschland zu fahren. Schauen wir uns mal an, was der Stromer dann womöglich leisten kann.

600 PS verspricht Porsche. Für ein Elektroauto nicht einmal ungewöhnlich viel.

Porsche Mission E. Auf der Fahrt durch Deutschland dürften viele Fahrer benzingetriebener KFZ den E aus dieser Perspektive sehen. 600 PS sind eine Ansage.

Porsche Mission E. Auf der Fahrt durch Deutschland dürften viele Fahrer benzingetriebener KFZ den E aus dieser Perspektive sehen. 600 PS sind eine Ansage.

Die Reichweite soll 500 km betragen. Das hieße für mich, dass ich die Strecke von Essen nach Hamburg ohne große Stopps durchfahren könnte. Falls ich zwischendurch eine Pause machen möchte – und das sollte ich natürlich – könnte ich den Mission E an einen der „Tank und Rast“-Schnelllader anschließen. Nach einem Capuccino wäre der Elektroporsche dann wieder auf 80% der Gesamtladung aufgeladen. Da kann man nicht meckern und müsste auch im Stau im Elbtunnel keine Panik schieben, wenn es mal länger dauert.

Wenn es mal richtig schnell voran gehen soll, lässt der Mission E den Sportwagen raushängen. Zwei „permanent erregte“ Synchronmotoren (ich liebe Ingenieursdeutsch) sorgen für eine adäquate Beschleunigung von 3,5 Sekunden von 0 auf 100.

Die Motoren sind – so Porsche – mit der Erfahrung aus dem Bau des Porsche 919 Hybrid entwickelt worden. Das kann nicht falsch sein – immerhin war der 919 Sieger von Le Mans 2015. Hinzu kommen weitere Punkte, die den Porsche als echtes deutsches Ingenieursauto platzieren. Allradlenkung, 800 Volt-Technik etc..

Induktive Ladung!

Spannend ist neben der rekordverdächtigen Ladezeit das Konzept der induktiven Ladung. Das heißt nichts anderes, als dass der E-Porsche nachts in der heimischen Garage über eine Spule im Boden geladen wird. Das Herumfummeln mit sperrigen Kabeln ist damit vorbei.

Wo läd´er denn? Zum Beispiel hier. Der Mission E kann sich induktiv mit neuem Treibstoff versorgen. EInfacher geht es nicht.

Wo läd´er denn? Zum Beispiel hier. Der Mission E kann sich induktiv mit neuem Treibstoff versorgen. EInfacher geht es nicht.

Das dürfte mittelfristig auch in freier Wildbahn spannend werden, wenn erste induktive Ladestationen stressfreies Laden ermöglichen. Das ist Zukunftsmusik? Nee. In Berlin sind seit August vier Elektrobusse im Dienst der BVG unterwegs, die induktiv geladen werden.

Nicht unwahrscheinlich, dass es in der nahen Zukunft gerade in größeren Städten induktive Ladung in den Straßen geben wird. Tanken wäre dann im Idealfall gar nicht mehr nötig! Riechen Ihre Hände noch nach Benzin oder tankt Ihr Auto schon induktiv?

Der Tesla-Killer

Ist der Elektroporsche ein „Tesla-Killer“, wie die deutsche Autopresse es plaktativ ankündigt?

Marktführer Tesla offeriert das aktuelle Topmodell Tesla P 85 D mit einer NEFZ-Reichweite von 491 km und einer maximalen Nennleistung von 700 PS. Ich bin den Wagen P 85 D kürzlich einen Tag lang gefahren (mehr dazu findet Ihr übrigens just heute am  20.09.2015 in der Druckausgabe der PS.Welt!) und er fährt sich großartig!

Porsche hält da mit und setzt in einigen Bereichen sogar noch eins drauf. Sicherlich eines der Ziele der Entwicklungsabteilung, um auf dem wichtigen amerikanischen Markt wieder Boden gutzumachen.

Da der Elektroporsche preislich jedoch deutlich über dem Tesla liegen dürfte, wird Tesla-Chef Elon Musk keine wirklich schlaflosen Nächte haben. Klar ist, dass die Tesla-Zielgruppe der reichen Viert- und Fünftwagenkäufer sich einen Mission E leisten könnte. Sie wird das womöglich schon deswegen tun, weil der Tesla zunindest in Kalifornien nichts Besonderes mehr ist.

Was noch?

Der Mission E verfügt über vier Einzelsitze (er ist halt ein Porsche) und besitzt als besonderes Gimmick eine Instrumentensteuerung mittels Blick- und Gestensteuerung. Wer braucht sowas, frage ich mich – aber ich bin auch retro.

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HIer fliegt die ganze Familie elektrisch: Einzelbestuhlung im „Mission E“.

Fazit

Die deutsche Autoindustrie wacht auf und beginnt ernsthaft, Autos mit brauchbarem elektrischen Antrieb zu entwickeln. Schön, dass Porsche ganz vorn dabei ist. Bleibt zu hoffen, dass der Mission E sich irgendwo in bezahlbaren Regionen bewegen wird (die Hoffnung stirbt zuletzt) und andere Hersteller mit Elektroautos nachziehen.

Damit meine ich „alltagstaugliche“ Autos, die bezahlbar sind. Das erwarte ich nicht von Porsche, aber vom Mutterkonzern. Der hat da noch einiges nachzuholen. So lange Volkswagen Ex-Benziner wie den Golf mit Batterien vollstopft, hat Wolfsburg nämlich kein marktfähiges Angebot. Die Chinesen und Taiwanesen werden sich drüber freuen, wenn sie in Kürze die ersten billigen Stromer auf den Markt werfen.

* Der allererste Porsche fuhr elektrisch  (Welt)
** http://www.auto-motor-und-sport.de/news/porsche-chef-mueller-interview-hybrid-strategie-9968044.html).
*** Elektromobilität (Teil 1) – Ein bemerkenswerter Vortrag von Lars Thomsen
**** „Flächendeckendes Schnellladen“ in Focus Online vom 14.09.2015. http://www.focus.de/auto/news/mehr-elektro-tankstellen-flaechendeckendes-schnellladen_id_4946326.html

Weitere Informationen zum Porsche Mission E

Die Porsche AG hat eine beeindruckende Microsite zum Mission E ins Netz gestellt: http://www.porsche.com/microsite/mission-e/germany.aspx
Alle Fotos in diesem Artikel: © 2015 Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

6 Comments

  • Ich kenne inzwischen Besitzer von Tesla Autos und diese sind sehr zufrieden, auch wenn es mal 600 oder 800 km werden sind sie mit ihrem Auto dank inteligentem Navi und kostenlosen Powerchargern nicht wirklich „ängstlich“ an die Reise gegangen und auch gut angekommen. Nur das Prinzip der kostenlosen Ladung an ausreichend Stationen mach für mich im Augenblick so ein Auto interessant, denn eine Acculadung Zuhause kostet auch 35,- Euro und Solar bringt natürlich nichts, denn das Auto wird meistens nachts geladen werden. Da werden auch die AccuWall nicht viel bringen. Das ist Augenwischerei. Wenn die/alle Hersteller sich an ähnlichen Powerstationen beteiligen und vor allem sich auf ein System einigen kann es mit der Elektromobilität nicht mehr lange dauern.

    • Die Akkus für zu Hause werden ja zurzeit ähnlich wie die Auto-Akkus täglich günstiger. Uns haben Immobilienexperten gesagt, dass man von ca. 10% im Jahr bei gleichzeitiger jährlicher Erhöhung der Leistung um einen zweistelligen Prozenbereich ausgehen muss.

      Angesichts der Dynamik, die das Thema Elektromobilität im Moment (zu Recht) bekommt, werden weitere erhebliche und kurzfristige Technologiesprünge sehr wahrscheinlich. Die Frage ist nur, aus welchem Land der „große“ Sprung kommt.

      Deutschland ist da einfach zu weit zurück im Moment. Fügener nannte es in seinem Artikel in PS.Welt „aktives Abwarten“. Besser kann man „auf den Händen sitzen“ nicht formulieren. Und die Technik für die Elektromobilität kommt – oh Wunder – zurzeit eben nicht aus Deutschland. Die Akkus in meinem Notebook oder meinem iPhone jedenfalls nicht.

      Motoren etc. kann man als Hersteller überall zukaufen. Genau wie Sitze, Scheinwerfer etc.. Einige deutsche Zulieferer dürften dann jedoch leider in die Röhre gucken. Ich denke nur an Kolben, Getriebe und andere verbrennerspezifischen Teile.

      Das VW-Dieseldesaster in den Staaten zeigt aktuell aber ganz klar eines: Es ist Zeit für einen Technologiewechsel, wenn wir uns uns und unseren Nachkommen nicht weiter in die Tasche lügen wollen. Ein Benziner oder ein Diesel ist eine Umweltsauerei und technisch immer ein Dinosaurier. Und die Kometen schlagen immer dichter um unsere Benzinsaurier ein.

    • … wenn allerdings die Kiste, wie ich heute erfahren habe, wirklich erst in einigen Jahren kommt UND wirklich 450.000 EUR kosten wird, wird es noch ein bisschen dauern bis wir einen sehen…

  • Dann musst Du halt Abstriche machen und auf die tolle
    Tasche mit Pflegeprodukten von Porsche Classic erstmal verzichten:-)

    Wo ein Wille da ein…..

    Grüße
    Andreas

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