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Off-Topic: Im Quattroporte S Q4 mit 260 an die Ostsee (Video)

Written by hansbahnhof

Bellberg von der Welt ruft an und will, dass ich zum Campen an die Ostsee fahre. Im Maserati Quattroporte S Q4. Das muss ich ausprobieren. Hier mein Bericht plus Video-Outtakes mit Ostsee, Maserati und Bellberg.

Moderne Autos reizen mich selten. Ok, der Tesla S ist spannend, weil er die Zukunft ist. Und der Porsche Cayman, weil er noch ein echter Sportwagen ist. Ein moderner Elfer? Den würde ich mir vielleicht auch dann nicht kaufen, wenn Spielgeld da wäre. Ich bin eben hoffnungslos retro und schleiche lieber mit feuchten Füßen im 65er Porsche 911 durch Schottland. Doch manchmal ist die Konfrontation mit der automobilen Gegenwart nur einen Anruf entfernt.

Wir haben einen Bentley, einen Rolls und einen Maserati

„Wir fahren an die Ostsee!“ Guido Bellberg von PS.Welt ist am Apparat und total euphorisch, weil er Guido Bellberg ist: „Wir haben einen Bentley, einen Rolls und einen Maserati! Welchen willst Du?“ Ich will erstmal wissen, worum es geht. „Wir fahren Campen und testen die Autos!“

Maserati 3500 Cabriolet. So sah ein Maserati in den Sechzigern aus. Perfetto.

Maserati 3500 Cabriolet. So sah ein Maserati in den Sechzigern aus. Perfetto.

Campen wie damals in den Achtzigern. Nur nicht wie früher mit dem Fahrrad, sondern mit Luxusautos aus dem oberen Preissegment. Schöne Idee. Klamme Zelte, Schlafsäcke aus den Siebzigern. Lockere Bekanntschaften zu niedlichen Holländerinnen. Mein Hirn wühlt ganz tief in Erinnerungsschubladen. „Ich komme mit“, sage ich, „aber ich will den Maserati.“ Denn der ist in meiner Vorstellung retro und sportlich. Der Maserati 3500 GT „superleggera“ ist einer meiner Non-Porsche Traum-Oldtimer.

Outtakes – Making of mit Bellberg und dem Welt.de-Team

Chico und die Burg auf Rädern

Fünf Wochen später stehe ich in einer Berliner Tiefgarage. Ein Rolls Royce Ghost, ein Bentley Mulsanne Speed und ein Maserati S Q4 Quattroporte schlafen im Dunkeln.

Ich bekomme einen „Schlüssel“ mit Maserati-Dreizack. „Muss ich den irgendwo reinstecken?“, frage ich pro Forma. „Nö“, meint Denise, die sich bei der Welt am besten mit Autos auskennt, „Schlüssel reinlegen und Startknopf drücken.“ Manchmal ist sie schon praktisch, die schöne neue Autowelt.

chico-henryk-m-broders-hund

Chico, der Hund von Henryk M. Broder ist Rolls-Fan. Platz, um sich die Pfoten zu vertreten, hat er im Fond des Ghost jedenfalls ausreichend.

 

Ich drücke den Knopf und der Sechszylinder vor mir faucht auf. Das können die Italiener immer noch. Das mit dem Sound. Ich hänge mich hinter den Rolls, den Henryk M. Broder oder vielleicht auch sein Hund Chico pilotiert. So genau sieht man das von Außen nicht. Und der Hund sieht intelligent aus.

Mit nicht einmal vier Stunden Verspätung stürzen wir uns in den Hauptstadtverkehr. Und stehen auch schon wieder.

Richtung Hamburg

Den Anschluss an Broder-Rolls und Bellberg-Bentley habe ich nach vier Minuten komplett verloren. „Fahr einfach Richtung Hamburg“, teilt Bellberg mir am Handy mit. Doch das mit dem Fahren ist um 14.00 Uhr in Berlin so eine Sache. Kein Berliner arbeitet. Alle fahren. Kein Wunder, dass der Flughafen nicht fertig wird.

Wem die Uhr schlägt. Die ovale Uhr ist seit Jahrzehnten Markenzeichen bei Maserati.

Wem die Uhr schlägt. Die ovale Uhr ist seit Jahrzehnten Markenzeichen bei Maserati.

Rechts und links überholen mich bärtige schwäbische Hipster auf schutzblechlosen Fixies mit Kindersitzen. Sie fluchen auf englisch, weil mein italienischer Viertürer sich breit macht.

Apropos Kindersitze. Die hätten im Quattroporte auch Platz. Aber wie sähe das bitte aus. Auf Leder des italienischen Luxus-Sofa-Herstellers Poltrona Frau? Ich streiche vorsichtig drüber und entscheide, dass ich Poltrona im Maserati ganz schön finde. Sogar die Hinterbänkler sitzen auf italienischen Ex-Kühen und haben ordentlich Platz. Selbst mit langen Beinen. Nicht ganz so begeistert bin ich vom kunterbunten Mäusekino und den unpassenden Plastikbedienknöpfen im Quattroporte. Das sieht in Teilen überraschend dacia aus.

Überschaubare Uhresammlung im Maserati Quattroporte: Tacho bis 310 (wow). Der Drehzahlmesser hat nahezu dieselben Angaben wie der eines Urelfers. Ab 6500 RPM wird es teuer.

Überschaubare Uhresammlung im Maserati Quattroporte: Tacho bis 310 (wow). Der Drehzahlmesser hat nahezu dieselben Angaben wie der eines Urelfers. Ab 6500 RPM wird es teuer.

Mit 260 über die ehemals längsten Treppen der Welt

Das Maserati-Mäusekino verwaltet die Staulangeweile. Es geht sehr langsam voran. 400 der 410 Maserati-PS sind völlig überflüssig. Nach über einer Stunde Schleichen kommen S Q4 und ich dann endlich auf sowas wie eine freie Autobahn. Hier, wo noch vor 25 Jahren die „längsten Treppen der Welt“ von Zweitaktern aus bunter Plaste behopst wurden, zieht sich heute fliesenglatter Asphalt Richtung Meckpomm. Keine Autos weit und breit. Ein unmoralisches Angebot, wenn man einen Maserati pilotiert.

Maserati Quattroporte jagd Bentley Mulsanne Speed. Gar nicht so einfach kurz vor Neuruppin.

Maserati Quattroporte jagd Bentley Mulsanne Speed. Gar nicht so einfach kurz vor Neuruppin.

Wenn die Haube flattert

Ich kicke down. 550 Newtonmeter zerren 1820 Kilogramm Bella Macchina plus einen deplazierten Porscheblogger nach vorn. Nicht brutal, aber nachdrücklich. In 4,9 Sekunden wäre das haifischmäulige Designobjekt von Null auf 100 km/h. Das ist natürlich alles nicht vergleichbar mit einem 130 PS-Elfer aus den Sechzigern. Der Maserati braucht keine Drehzahlen, wie der Zuffenhausener Oldtimer. Er schüttelt die Kraft locker aus drei Liter Hubraum (Porsche Urelfer: 2.0) und dem Twin-Turbo (Porsche Urelfer: 0 Turbos).

Für mich neu: Je schneller es rollt, desto sicherer fühlt man sich. 180, 200, 220, 240, 260 km/h. So schnell bin ich echt noch nie gefahren. 284 km/h wären drin. Ob die Motorhaube das mitmacht? Die flattert nämlich ab 160 km/h wie Espenlaub. Überraschend für ein Auto zum Preis einer kleinen Eigentumswohnung.

Bungabungarot

Genauso schnell wie es nach vorn geht, verzögert der Italiener übrigens auch. Damit das Auge mitbremsen kann, bietet Maserati die Bremssättel in vier schicken Trendfarben an: Schwarz, rot, blau und silber. Oh Gipfel der verzögernden Dekadenz. Ich nehme bungabungarot bitte.

Im Innenraum geht es ruhig und entspannt zu. Kein Vergleich mit einem alten Elfer, in dem Gespräche ab 130 km/h nicht mehr möglich sind. In fünfzig Jahren ist eben einiges passiert. Kleiner Wermutstropfen: Das schöne Maserati-Motorengeräusch bleibt draußen. Auf längeren Autobahnfahrten ist das angenehm.

Paddeltour

Auf den Landstraßen hinter der Autobahn verstehe ich dann endlich auch die Schaltpaddel am Lenkrad. Links runterschalten. Rechts hochschalten. Das ist selbsterklärend ohne altmodisches Kupplungtreten und lange Schaltwege.

Der Italiener schaltet quasi ruckfrei. Zurückschalten auf „2“, aufs Gas treten und schon röhrt der Sechszylinder durch die Haifischkiemen während sich die Pneus in die Landstraße krallen. Das macht man besser, wenn Mutter und Kind zum Shoppen abgeliefert sind.

Kameramann Marten jedenfalls verliert auf den Rücksitzen den Kampf gegen die G-Kräfte. „Geht gut!“, höre ich noch. Dann ragt nur noch der hochgereckte Kameraarm aus dem hinteren Fußraum hervor. Das nennen ich Einsatz. Doch – brutaler Vortrieb hin oder her: Der mehr als fünf Meter lange Maserati ist keinesfalls ein wendiger Sportwagen. Sein Revier als Gran Turismo sind die Autostradas dieser Welt. Und Landstraßen, wenn sie nicht gar so schmal sind.

Am Strand

Einige Stunden später sitzen Herr Bellberg, Herr Broder und ich am Strand vor dem Hotel „Dünenmeer“ und haben Gänsehaut.

Hotel Dünenmeer. Die Reetdachhäuschen im Vordergrund gehören dazu und lassen sich mieten. Von hier sind es 50 Meter zum Strand. Kein Maserati mehr erforderlich.

Hotel Dünenmeer. Die Reetdachhäuschen im Vordergrund gehören dazu und lassen sich mieten. Von hier sind es 50 Meter zum Strand. Kein Maserati mehr erforderlich.

Die rote Sonne versinkt mit der Restwärme des Tages im Meer. Ein steife Brise pustet uns Salz mit Heringsgeschmack ins Gesicht. Ich kippe Sand aus meinen Turnschuhen.

Im Abendlicht schiebt ein Ex-SED-Kader mit grimmiger Miene sein Alugehgestell an unserem Karossen vorbei. Wir lächeln höflich. Keiner von uns hat die Absicht, eine Mauer aus Luxusautos zu bauen. Wir wollen Autos fahren, die Herz, Seele und Verstand haben. Egal ob sie neu oder alt sind. Jedem das Seine. Und was ist jetzt mit Camping? Wir müssen da nicht lange drüber nachdenken und wählen für die Übernachtung lieber eines der hoteleigenen Reetdachhäuser. Die sind geheizt. Statt Nudeln und Ketchup vom Gasbrenner gibt es Zander im Dünenmeer-Restaurant und dazu ein „Störtebecker“ zum Aufwärmen. Die Zeiten ändern sich eben. So wie sich manchmal Menschen und immer Autos ändern. Wäre ja sonst auch langweilig.

Informationen und mehr zum PS.Welt Männercamping-Trip an die Ostsee

Auto und Hotelübernachtung sind von der Welt gestellt worden. Dies hat keinen Einfluss auf das, was ich geschrieben habe. Herzlichen Dank an Dr. Ulf Poschardt und Guido Bellberg.

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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