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Ohne Klimaanlage im Porsche Oldtimer am heißesten Tag des Jahres

Written by hansbahnhof

Auf eine Klimaanlage im Auto kann ich eigentlich nicht verzichten. Ich wollte trotzdem mal wissen, wie es sich anfühlt, mit dem 65er Porsche 911 am offiziell heißesten Tag des Jahres rumzufahren. Ob ich Innenraumtemperaturen von über 50 Grad Celsius überlebt habe, erfahrt Ihr hier.

Jeder Selbstversuch erfordert Vorbereitung. Also habe ich beim Elektronikgroßhändler ein elektronisches Innen- / Außenthermometer gekauft und  auf den 20.07.2016 gewartet. Die Kachelmanns dieser Welt hatten nämlich für dieses Datum den heißesten Tag des Jahres angekündigt. Der Google Wetterbericht gab ihnen Recht.

 

Der dritte Sonnentag im Jahr 2016 ist auch noch der heißeste Tag des Jahres... 33 Grad

50.9 Grad im Porsche Innenraum

12.15 Uhr. Zeit für eine Kreativpause und eine Testfahrt. Der SWB steht im Freien und seit etwa einer Stunde auch in der prallen Sonne. Das Thermometer habe ich bereits frühmorgens installiert. Es misst die Innen- und die Außentemperatur.

Ich öffne die Tür und bereue meine Idee, diesen Blogpost zu schreiben. Die Thermometeranzeige im geschlossenen Elfer zeigt 50.9 Grad Celsius an. Respekt. Das liegt nur wenige Grad unter dem Temperaturweltrekord von 56.7 Grad Celsius, der 1913 im Death Valley gemessen wurde. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Temperaturextrema)

Fast schon Death Valley Rekord: 50.9 Grad Celsius im Porsche 911 Coupé

Fast schon Death Valley Rekord: 50.9 Grad Celsius im Porsche 911 Coupé

Die Außentemperatur auf dem mit grauen Pflastersteinen belegten Büroparkplatz ist im Vergleich angenehm kühl: Ich messe 42 Grad Celsius an der Tür auf Höhe des Dreiecksfensters. Erfrischend.

Testaufbau

Für meinen Temperatur-Test öffne ich jetzt nicht einfach Fahrer- und Beifahrerscheibe. Das wäre zu einfach. Ich möchte die „Klimaanlage“ testen, die Porsche im klassischen Elfer vorgesehen hat.

"Klimaanlagentest" des 65ers. Hier vor einem geschlossenen Erdbeer-Spargelstand im Essener Süden. Auf dem Hinweisschild steht "Hitzefrei".

„Klimaanlagentest“ im 65er Porsche. Hier vor einem wegen „Hitzefrei“ geschlossenen Erdbeer-Spargelstand im Essener Süden.

Ein kurzer Blick zurück in die Sechziger: Wohl wissend, dass ein Großteil der 911-Produktion in die heißen USA geliefert würde, hatte die Porsche KG sich bei der Gestaltung des neuen Porsche 901 für das Maximum an klimaanlagenloser Durchlüftung entschieden. Frühe Porsche 911 Coupé besitzen daher ausstellbare vordere Dreiecksfenster in den Türen und zusätzliche Ausstellfenster hinten auf Höhe der Rücksitzbank. Mein Versuchsaufbau für den Hitzetest im Porsche 911 SWB Coupé ist daher folgender:

  • Dreiecksfenster in den Türen auf beiden Seiten so weit wie möglich öffnen.
  • Frischluftzufuhr der Lüftung öffnen.
  • Hintere Ausstellfenster auf beiden Seiten öffnen und feststellen.
Versuchsaufbau am Rekordhitzetag: Ausstellfenster hinten und Dreiecksfenster vorn stehen auf "Durchzug"

Versuchsaufbau am Rekordhitzetag: Ausstellfenster hinten und Dreiecksfenster vorn stehen auf „Durchzug“

Jetzt wird es Ernst

So klimatisiert geht es dann auf meine Hausstrecke. Zwanzig Minuten von Essen in Richtung Mülheim an der Ruhr entlang. Geschwindigkeit: Zwischen 30 und 70 km/h, so habe ich es jedenfalls geplant. Doch schon an der ersten Ampel steht ein … Fahrschulauto! Der junge Mann im klimatisierten Golf hält sich (natürlich) streng an die 50 km/h Beschränkung. Ich brate am Holzlenkrad und versuche mich nicht zu bewegen.

Nach einigen Schleichkilometern ist der Fahrschüler verschwunden und ich darf Siebzig fahren. Endlich. An meinem Zwischenziel, der Ruhrtalbrücke, ziehe ich eine Klimabilanz. Der Porsche-Innenraum hat sich auf knapp über 37 Grad Celsius „abgekühlt“. Das ist nur wenig mehr als die Außentemperatur in der Sonne. Der großzügige „Durchzug“ zwischen Dreiecks- und Ausstellfenstern sorgt außerdem für einen kühlenden Luftstrom. Man kann das aushalten. Man kann aber auch ein Eis essen gehen.

Abgekühlt! Der SWB-Innenraum hat sich auf frische 37.1 Grad abgekühlt. Wo ist mein Schal?

Abgekühlt! Der SWB-Innenraum hat sich auf frische 37.1 Grad abgekühlt. Wo ist mein Schal?

Kunstleder-Recaros mit Sauna-Effekt

Doch das Problem ist weniger die Temperatur im Innenraum. Das Problem ist das Kunstleder der Recaro-Sitze in meinem Rücken. Das gelochte Originalmaterial ist ein Garant für nasse Oberhemden. Kein Ahnung, warum so viele Elfer in den Sechzigern und Siebzigern mit der fies am Körper klebenden „Leatherette“ (Kunstleder) Innenausstattung in die heißen Staaten gegangen sind. Dabei gab es die Recaro-Sofas damals bereits in Echtleder. Man könnte sich auch in Frischhaltefolie einwickeln. Puh.

Keine Abkühlung auf der Autobahn

Jetzt schnell zum Abkühlen auf die Autobahn. Bei einer angenehmen Geschwindigkeit von 110 km/h auf der Verliererspur (rechts) erhoffe ich mir eine kühlere Innenraumtemperatur durch mehr in den Elfer reingedrückte Luft.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Nach 20 Minuten hat sich die Innenraumtemperatur um ganze zwei Grad erhöht. Das kommt überraschend.

Auf der Autobahn wird der 65er trotz vollem Durchzug wärmer als beim Cruisen auf der Landstraße. Das nennt man Physik.

Auf der Autobahn wird der 65er trotz vollem Durchzug wärmer als beim Cruisen auf der Landstraße. Das nennt man Physik.

Meine Vermutung: Eine zwei- oder dreispurige Autobahn speichert so viel Hitze, dass es trotz höherer Geschwindigkeit immer heißer ist, als auf der Landstraße.

Mir ist jetzt jedenfalls warm. Nach fast einer Stunde in der prallen Sonne sind mein Oberhemd und Kunstlederfahrersitz vollends zu einer tropisch feuchten Einheit verschmolzen. Porschefahren bei so einem Wetter ist doof.

Porsche Recaro Sofas nach etwas mehr als einer Stunde bei Temperaturen jenseits der 30 Grad-Grenze. Schön weich alles.

Porsche Recaro Sofas nach etwas mehr als einer Stunde bei Temperaturen jenseits der 30 Grad-Grenze. Schön weich alles.

Fazit und Tipps für heiße Tage im Porsche Oldtimer

Es lebe die Klimaanlage. An einem 33 Grad-Celsius-Tag bringen Dreiecksfenster und Ausstellfenster zwar ein Maximum an Luft in den Innenraum, die Kunstledersitze im klassischen Elfer geben jedoch auch dem hitzeresistentesten Porsche-Treiber den Rest.

Ein paar Tipps für wirklich heiße Tage im Porsche 911 Oldtimer

  1. Falls Euer Elfer noch eine originale Nachrüst-Klimaanlage aus den Sechzigern oder Siebzigern besitzt, wird sie eh nicht mehr funktionieren. Das ist angesichts der damaligen Kältemittel auch besser. In den Staaten gibt es übrigens Anbieter, die sich auf Klimaanlagen für klassische Elfer spezialisiert haben.
  2. Handtuch auf den Sitz legen: Das ist nicht stylisch, sorgt aber für eine klimatische Pufferzone zwischen Kunstleder und Klamotten. Vielleicht findet Ihr ja eines mit „Porsche“-Wappen.
  3. Thermalwasserspray: Das Zeug benutzt die Frau an heißen Tagen und sprüht auch mich netterweise hin- und wieder damit an. Es handelt sich im Wesentlichen um Wasser, das mit einer Sprühflasche fein zerstäubt ins Gesicht gesprüht wird. Das wirkt für kurze Zeit wie eine Klimaanlage und ist sehr zu empfehlen. Vorher Brille absetzen!
  4. Wasser mitnehmen. Eine Wasserflasche solltet Ihr dabei haben. Mit solchen Temperaturen ist auf langen Strecken nicht zu spaßen! Ihr seid ja nun auch nicht mehr die Jüngsten!

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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