1972 2.4 S Targa - Porschekauf in Holland

Porsche 911 S 2.4 Targa – Folge 11: Meine erste Fahrt

Porsche Oldtimer - 911 S 2.4 Targa 1972

Die erste Fahrt im Oktober 2008. Mit dem 2.4 S Targa in Hattingen.

Die erste Fahrt
Kein Mensch kauft ein Auto, das er nie gefahren hat. Ich schon. Die Probefahrt hatte mein Experte absolviert. Das war deutlich sinnvoller, als mich selbst zu versuchen. Jetzt war ich dran. Ich lasse mich in die butterweichen Kunstlederpolster fallen. Die Fahrertür fällt ins Schoss. Ruhe. Nur die Uhr rechts in der Uhrensammlung tickt leise vor sich hin. Ein Dreh am Zündschlüssel und der Boxer jubelt los. Er ist noch warm von der letzten Fahrt des Vorbesitzers. Im Leerlauf klingt er etwas gelangweilt. Laut ist er auch nicht wirklich. Aber ein kurzes Tippen aufs Gaspedal genügt, um ein heiseres Röhren zu entfachen. Der Klang ist turbinenartig und die Ansage ist klar. “Ich kann auch anders!!”

Gurte und Getriebe
Der Gurt ist zu eng. Das Verstellen erfordert Grundkenntnisse in der Funktion von Seilzügen oder dem Knüpfen von Seglerknoten. Die Frau hat solche Kenntnisse und bricht bei der ersten Hilfe erst einmal eines der Plastikteile am Gurt ab. Ich will fahren, nicht Sicherheitsgurte verstellen. Einmal eingestellt, betoniert der Gurt mich im Sitz fest. Kein Herumfläzen mehr möglich. Nur noch Fahrerhaltung erlaubt. Das hier ist ein ernstzunehmendes Sportwagencockpit. Jetzt Routine. Erster Gang. Das Getriebe schreit auf. Mehrere Zahnräder werden in Stücke zerstoßen und in Pulverform durch den Auspuff auf den holländischen Parkplatz geblasen. Nicht wirklich – aber es klingt es so. Passanten gucken. Porschefahrer – und kann noch nicht mal einen Gang einlegen. Mir wird warm beziehungsweise noch wärmer auf meinem Kunstleder.

LKW – Porsche: 1:0
Die Autobahn. Noch mehr Gänge, die eingelegt werden wollen. Und das in einer Schaltkulisse wie im VW Bus. Prompt verschalte ich mich: Zweiter statt Vierter. Der Sechszylinder brüllt auf. Ich rolle entnervt im Leerlauf und werfe einen Blick auf den unterarmlangen Schaltknüppel, der wie ein Schachtelhalm aus der Urzeit auf dem Mitteltunnel hin- und herschwankt. Ich werde langsamer. Der LKW hinter mir hat die Nase voll. Er versucht mich lichthupend von der rechten Spur zu scheuchen. Wohin? Ich unterschreite die 90 km Schmerzgrenze. Nach vorsichtigem Rühren dann der ersehnte Vierte. Man muss nur exakt in Richtung Motor schalten – ganz einfach eigentlich.

Unbestimmbare Geräusche. Unbeschriftete Schalter. Unverantwortliche Sprinter.
120 km/h. Der S schwimmt auf der nassen und geschwindigkeitsbegrenzten holländischen Autobahn. Geradeauslauf? Fehlanzeige. Der S will gesteuert werden. Sonst macht er was er will. Also beide Hände ans Lenkrad. Leichter Nieselregen setzt ein. Der Wischerschalter sitzt an der gewohnten Stelle. Der Regen wird von winzigen Schreibenwischern in halbmondförmige Bullaugen auf der Frontscheibe umgewandelt. Die Wischer wedeln seltsam eckig vor sich hin und geben dabei ein ewig gleiches quietschendes Geräusch von sich. Ist da ein Scheibenwischermotor drin? Sieht mehr so aus, als würde jemand die Wischerchen manuell betätigen. Aber wer? Habe ich eigentlich Licht an? War das der unbeschriftete Knopf links neben dem Lenkrad – oder einer der anderen unbeschrifteten Ziehknöpfe? Ich sitze in einer übermotorisierten Kirchenorgel. Vorsichtig ziehe ich das Register links neben dem Lenkrad. Nichts passiert – oder doch? Bloß keine Panik. Die Wischer machen unanständige Geräusche. Sicht: 50%. Geschwindigkeit 130 km/h. Laster überholen. Gänge sortieren. Den Verkehr im Auge behalten. Feststellen, dass der Gurt das Fläzen immer noch nicht erlaubt. Mercedes Sprinter von hinten: Lebensmüde. 170 Sachen und der cw-Wert eines Einfamilienhauses. Das hätte mal jemand 1972 prophezeien sollen. Verkehrte Welt. Ich ziehe nach rechts.  Wettrennen machen wir später. Hier fährt automobiles Kulturgut und ich bin Fahranfänger – jedenfalls in diesem Wagen.

Weg ist das Nummernschild (fast)
Nach 30 Minuten wieder eine hektische Lichthupe von hinten. Es ist die Frau im Begleitfahrzeug. Löst sich die Hinterachse? Verliere ich einen Reifen? Mein Hemd ist durchgeschwitzt. Wie haben die das in den Siebzigern mit Nyletest-Hemden auf diesem Kunstleder ausgehalten? Zum Glück ist der nächste Parkplatz nur zweihundert Meter entfernt: “Du verlierst Dein Kennzeichen!”. Richtig. Der holländische Exportaufkleber hat sich auf dem heißen Heckblech verselbständigt. Er wandert auf die kühle Heckscheibe. Gut, dass mich jemand begleitet. Eine Zigarette später ist mein Hemd wieder etwas trockener.

Gas und erster Boxenstopp
Weiter geht es. Der Erste lässt sich auch ohne fliegende Zahnräder einlegen. Zweiten antäuschen – Ersten einlegen. Das ist der Trick. Muss man nur wissen. Ich traue mich, das Gaspedal etwas beherzter zu treten. Hinter mir röhrt die Turbine. Der Fahrtwind fängt sich in Scheibenwischern, Außenspiegel und Targadach. Aber das Oldtimergefühl ist wie weggewischt. Jetzt ist das PS-Plus zu spüren. Wie von Geisterhand angeschoben fliegt der S über die Bahn. 220 gefühlt. 160 nach Tacho. Das Geräusch des Fahrtwindes übertönt den Motor deutlich. “Sie wissen ja, dass die Dinger geschlossen lauter sind als offen?”, hatte der Experte gesagt. Zu Hause angekommen bin ich durchgeschwitzt wie nach einem Marathon. Der S kommt vorsichtig in die Garage. Der Motor knackt leise vor sich hin. Und ich brauche eine Pause bevor ich für den nächsten Flug bereit bin. Eine kurze.

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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