1972 2.4 S Targa - Porschekauf in Holland

Porsche 911 S 2.4 Targa – Folge 12: Schnell fahren

Im Jahr 2010 klingt eine Leistung von 190 PS in einem Sportwagen geradezu lächerlich.  Aber: PS sind nicht alles. Der brutale Antritt des Porsche 911 S 2.4 überrascht. Die im Vergleich zu aktuellen Porsches vergleichsweise  geringe Leistung setzt der 911er vehement in Vortrieb um. Der Grund ist einfach: Jedes PS bewegt gerade einmal 5,8 Kilogramm Fahrzeuggewicht. Das Leistungsgewicht liegt damit kaum schlechter als bei einem modernen Porsche 911.

Der 911 S von 1972 wird dadurch zum Kurvenräuber und auf der Autobahn zum Beschleunigungskönig. Jedenfalls wenn man will. Wenn notwendig lassen sich auch hubraumstarke Familienlimousinen aktueller Produktion lässig abhängen. Der Alte ist so agil wie ein Junger.

Bei geschlossenem Targa-Dach: Zum ersten mal 200 km/h
Auf meine erste Hochgeschwindigkeitsfahrt hatte ich so lange gewartet, bis ich meinte, den Wagen halbwegs im Griff zu haben und ausschließen konnte, dass mir die teure Maschine direkt durch den Auspuff herausgeblasen wird.

Bis Tempo 160 hatte ich mich bereits an den Wagen gewöhnt. Ich war also auf den nicht vorhandenen Geradeauslauf und das Fahrtwindinferno gefasst und konnte mich auf das Gasgeben konzentrieren. Alles in allem verlief der Test unspektakulär bis auf die Tatsache, dass das italienische Targadach sich ab ca. 180 km/h im Bereich des Targabügels nach außen verformte wie die Rialtobrücke. Wie sich später herausstellte war dies aber keine konstruktionsbedingte Schwäche der Porsche Ingenieure, sondern Ergebnis grobschlächtiger italienischer „Spezialisten“. Durch den entstehenden Spalt konnte man beim Blick nach hinten problemlos blauen Himmel sehen – und es wurde jedenfalls subjektiv – noch etwas lauter im Innenraum. Nachdem die ersten fünf Minuten mit 200 nach Tacho ohne Folgen für die Gesundheit der Maschine geblieben waren, entschied ich mich, noch etwas länger auf der linken Spur die Sau herauszulassen. Eine sehr ursprüngliche Erfahrung, die ich seitdem einige Male wiederholt habe. Insgesamt ein unglaubliches Gefühl und Garant für erstaunte Gesichter auf der rechten Fahrspur.

Höchstgeschwindigkeit des Porsche 911 S 2.4 bei offenem Targa-Dach: Bei 215 km/h ist Schluss
Auf die Beantwortung der Frage, wie schnell ein Porsche 911 S 2.4 mit offenem Targa-Dach im Jahr 2010 noch fährt, habe ich fast zwei Jahre gewartet. Erst nach einigen Sicherungs- und Verbesserungsmaßnahmen konnte ich mich wirklich trauen, das auszuprobieren. Nachdem neue Reifen, neue Stroßdämpfer und Turbo-Spurstangen verbaut waren, und nachdem auch das Getriebe eine Komplettüberholung hinter sich hatte, ging es auf die Autobahn. Um zuviel Verkehr zu vermeiden, wählte ich einen Sonntag. Und zwar den Sonntag des „kleinen Finales“ während der WM 2010. Vorteil: eine fast leere Autobahn. Nachteil: Obwohl die Fahrt gegen 20.30 Uhr losging, betrug die Außentemperatur noch ca. 30 Grad – es war das heißeste Wochenende des Jahres 2010.

Genug des Vorgeplänkels: Gemessene Geschwindigkeit bei durchgetretenem Gaspedal: 215 km/h. Messgerät: TomTom Navi. Auf dem Tacho werden bei dieser Geschwindigkeit etwas mehr als 220 km/h angezeigt. Öltemperatur: ca. 110 Grad – das ist deutlich mehr, als die ca. 85 – 90 Grad Celsius, die das Öl bei niedrigeren Geschwindigkeiten erreicht. Da die „Ölklappenmodelle“ im Jahr 1972 über den fantastischen Ölkühler im vorderen rechten Radhaus verfügen, immer noch eine halbwegs akzeptable Temperatur.

Höchstgeschwindigkeit Porsche 911 S 2.4 bei geschlossenem Targa-Dach: Test steht noch aus
Auf den Höchstgeschwindigkeits-Test musste ich warten, bis die richtige Targa-Dichtung vorn eingebaut war. Jetzt (August 2010) ist es soweit. Zu meinen Eindrücken hier in Kürze mehr.

Fahreindruck Porsche 911 S 2.4 Targa bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten

0-50 km/h
Der Wagen hat eine direkte Lenkung und will ständig gesteuert werden. Selbst im Stadtverkehr wird er von jeder Straßenbahnschiene aus dem Geradeauslauf gerissen. Motto bereits bei dieser Geschwindigkeit: Hände ans Lenkrad!

50 – 100 km/h
Typisches Landstraßentempo ist die Domäne des 911 S. Mit Kurven, Steigungen und viel Hin- und Herschalten ist man als Fahrer bei engagierter Fahrweise stets beschäftigt. Der 2.4er hat aber auch bei niedrigen Drehzahlen bereits eine gute Durchzugskraft. Keine Zeit für die Landschaft. Aber was für ein Gefühl, den Wagen zu lenken und zu schalten. Subjektiv würde ich meinen, dass die höhere Geschwindigkeit den Wagen auch stabilisiert, so dass man relativ entspannt die Straße genießen kann.

100 – 130 km/h
Wohlfühlgeschwindigkeit auf der Autobahn. Gut zum Reisen und relativ unspektakulär. Äußere Einflüsse, Fahrverhalten und Geräusche halten sich noch im Rahmen. Der Porsche ist gut beherrschbar und kann relativ entspannt bewegt werden, ohne dass man ins Schwitzen kommt.

130 – 180 km/h
Jetzt wird es heftig. Die Geräuschkulisse wird unangenehm. Beide Hände gehören ans Lenkrad. Bei diesen Geschwindigkeiten zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem 1972er Porsche 911 und modernen Autos. Der 911 S läuft jeder Rille nach. Überholende Autos werfen das leichte Auto sichtlich aus der Bahn. Um den Wagen bei solchen Geschwindigkeiten sicher zu bewegen, braucht es Mut und einen guten Fahrer. Dazu kommt, dass die Bremsen des klassischen 911ers ohne Servounterstützung ein berherztes Zutreten erfordern. Der Verzicht auf ABS und Servounterstützung wird in diesem Geschwindigkeitsbereich richtig deutlich.

180 – 235 km/h
Der 72er Porsche 911 kann so schnell fahren. Empfehlen würde ich diese Geschwindigkeiten aber nur erfahrenen Fahrern. Erste Versuche sollte man ausschließlich auf leeren und geraden gut ausgebauten Autobahnen unternehmen. Und ein Technikcheck vorher ist Pflicht. Denn ab 180 km/h wird der leichte 911 zum Spielball der Elemente. Jede kleinste Windböe versetzt die Fuhre um einen Meter nach links oder rechts. Das gilt auch für überholende Fahrzeuge. Jede Rille und jede Bodenwelle führen zu ungewollten Fahrtrichtungswechseln. Hier als Fahrer nicht ins Schwitzen zu kommen, ist fast nicht möglich. Spaß macht das nicht mehr!

Höchstgeschwindigkeit im Porsche 911 S von 1972. (M)ein Fazit
Dass man einem fast 40 Jahre alten Auto Geschwindigkeiten jenseits der 180 km/h nur ab und zu einmal antun sollte, ist klar. Auf der anderen Seite, sind die Wagen nach zeitgenössischem Stand der Technik für solch hohe Geschwindigkeiten konstruiert worden und nicht zum Flanieren vor der Eisdiele. Man sollte immer bedenken, dass man einen Sportwagen fährt und kein Museumsfahrzeug. Es mag Porschefahrer geben, die das anders sehen.

Die oben genannten Eindrücke sind natürlich (sehr) subjektiv und beziehen sich auf einen Wagen ohne besondere Fahrwerksabstimmung. Nachdem ich das Thema „Fahrwerk“ ggf. noch einmal angegangen habe, berichte ich gern von neuen und vielleicht entspannteren Hochgeschwindigkeitserlebnissen.


About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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