Automobilia Geschichte

Porsche Arova 212 Skibob 1970 (Teil 1) – Pisten-Porsche für 653 DM

Written by hansbahnhof

Das war ja irgendwie nix mit dem Winter 2014 oder? Blicken wir zurück in eine Zeit, in der Männer noch braune Cordanzüge zur HB-Filter trugen und deutsche Küchen nicht von italienischer Küche aus englischen Kochbüchern dominiert wurden, sondern vom hausgemachten Mettigel.

Wir schreiben das Jahr 1970. Willy Brandt kanzlert die Deutschen. Die bundesrepublikanische Wirtschaft läuft wie geschmiert. Denn bis zur Ölkrise sind es noch ganze drei Jahre. Aber an sowas denkt kein Mensch. Und ich schon gar nicht ich. Denn ich bin vier und teste in Gelsenkirchen einen Sportwagen mit Heckantrieb und Alurädern. Dazu trage ich bayerische Tarnkleidung. Das konnte man sich 1970 in Gelsenkirchen noch erlauben, ohne „einen auf die Mappe“ zu kriegen, wie man hier im Pott sagt.

Vier Räder, Pepita-Stoff - aber irgendwas stimmt noch nicht: hansbahnhof mit Bruder und Mama testet einen Sportwagen - 1970 in Gelsenkirchen

Vier Räder, Heckantrieb, Pepita-Stoff – aber irgendwas stimmt noch nicht: hansbahnhof (links) mit Motor (Bruder) und Mama testet einen Sportwagen – als „Bayer“ getarnt im Jahr 1970 in Gelsenkirchen

Doch reden wir nicht von mir, reden wir von Otto. Otto Spitzenverdiener.

Der ist Anfang 1970 menschlich und gesellschaftlich schon deutlich weiter als der Dreikäsehoch in der Krachledernen. Er raucht Ketten ohne Filter und hat einen ordentlich asbestgedämmten Bungalow im Vorort. Er trinkt am liebsten Weinbrandt in der eigens dafür eingerichteten, braun getäfelten Kellerbar. Mutti bastelt derweil in der Küche einen Mettigel, klebt Prilblumen***** auf die orangefarbenen Küchenfliesen und wartet auf das neue „Dalli Dalli“ mit Hänschen Rosenthal. Die beiden haben sich gerade ein Böötchen gekauft und einen Liegeplatz in „Damp 2000“ gemietet. Das Boot heißt „Uschi“. Genau wie Mutti.

Otto fährt Porsche: Den neuen 2.2 Liter Porsche 911 mit dem „2.2l“ Aufkleber auf der Heckscheibe. Nächstes Reiseziel: Österreich – zum Skifahren. Da liegt es nah, dass ihm eine Meldung im neuen „Spiegel“ auffällt. Das Nachrichtenmagazin berichtet in Ausgabe 6/1970, dass die Zahl der Skibob-Fahrer im Winter 69/70 auf 100.000 angestiegen sei. Davon bereits 15.000 Deutsche. Otto wittert einen Trend, mit dem sich die Nachbarn beeindrucken lassen…

Wintersport-Hype für 653,– DM

Die Porsche KG und die schweizer Unternehmensgruppe Arova haben zu der Zeit bereits ganze Arbeit geleistet und machen Otto im Frühjahr 1970 ein so trendiges wie teures Angebot: Den „Porsche Arova 212 Skibob“ – für sage und schreibe 653,– deutsche Mark. Oder anders gesagt: Die einzige Möglichkeit, auch noch auf der Skipiste darauf hinzuweisen, dass ein KFZ aus Zuffenhausen vor dem heimischen Flachdachbungalow parkiert.

 

Für diese us-amerikanische Anzeige habe ich ausnahmsweise mal kein Copyright - ich bitte also eventuelle Urheber schon jetzt um Vergebung - gefunden bei: http://imageshack.us/photo/my-images/230/porscheskibob2.jpg/

Für diese us-amerikanische Anzeige habe ich ausnahmsweise mal kein Copyright – ich bitte also eventuelle Urheber schon jetzt um Vergebung – gefunden bei:
http://imageshack.us/photo/my-images/230/porscheskibob2.jpg/

653 DM sind übrigens kein Pappenstiel. Dafür gibt es 1970 alternativ

  • 1175 (!!) Liter Normalbenzin zum Preis von 0,56 DM* oder
  • 816 Langenese „Nogger“ zum Preis von 0,80 DM**,
  • eine „schicke Appartementwand im Anbausystem“
    (kirschrot mit Relieffronten, ca. 3m breit) bei Möbel Niemeyer in Essen
Appartementwand im Anbausystem zum Preis eines Arova Skibobs: Wurfsendung von "Möbel Niemeyer" in Essen um 1970

Appartementwand im Anbausystem zum Preis eines Arova Skibobs: Wurfsendung von „Möbel Niemeyer“ in Essen um 1970

Otto entscheidet sich natürlich gegen Sprit, Eis oder Schrankwand und für zwei knallblaue Arova 212. Dafür fährt er jetzt nicht irgendeinen Skibob. Er fährt eine in glasfaserverstärkten Kunstoff gepresste Wintersportgeräte-Design-Ikone. Gestaltet von Ferdinand Alexander Porsche*** und in einer Minute zusammengebaut.

Mehr Arova demnächst

In Teil 2 schauen wir uns den Arova einmal genauer an. Ich erläutere die Unterschiede zwischen dem roten und dem blauen Skibob. In Teil 3 gibt es dann eine Einschätzung der Marktsituation und in Teil 4 ein Porsche Arova 212 Unboxing-Video! Ist das groovy.

Quellen:

 

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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