Marktsituation

Porsche Betrug reloaded – Die Ölklappe des Dr. Sarenka (2)

Written by hansbahnhof

In Teil 1 gab es einen echten Porsche 911 S von einem falschen Finnen und massenweise Urkundenfälschungen. In Teil 2 telefoniere ich mit dem Doktor himself (kein Scherz).

Hinweis: In diesem Blogpost finden sich Dokumente, die den Tatbestand der Urkundenfälschung erfüllen. Sie sind von mir zur Verhinderung weiterer Straftaten bearbeitet worden und stehen nur in geringer Auflösung zur Verfügung.
Sollten Sie Eigentümer der Fotos sein oder weitergehende Informationen zu den in diesem Beitrag publizierten Orten und Personen haben, freue ich mich über ein E-Mail unter hansbahnhof(at)teil-der-maschine.de!

Der Doktor ist im Haus

Die Nummer aus der E-Mail an Christoph anzurufen, ist eine pro-forma Aktion. Und natürlich dachte ich: „Da geht eh keiner ran“. Ein Fehler.

„Sarenka“ meldet sich bei meinem zweiten Versuch eine junge Stimme mit osteuropäischem Akzent. Ich bin so perplex, dass ich kalt erwischt werde. „Sie haben ein Auto zu verkaufen?“, frage ich und erhalte postwendend die zu erwartende Frage, von wem ich denn die Nummer hätte.

Meine Schlagfertigkeit ist angesichts des unerwarteten Gesprächspartners komplett pulverisiert und ich erfinde „Herrn Müller“. Die Stimme am anderen Ende riecht Lunte und meint, ich hätte dann wohl die falsche Nummer gewählt. Ende Gespräch. So ein Mist. Da hätte ich jetzt die Chance auf ein echtes Interview gehabt und habe es verbaselt.

Aber ich bin jetzt schlauer: Der „Doktor“ hatte also wahrhaftig eine Weiterleitung von der finnischen Nummer auf sein Handy gelegt. Der Verdacht, dass der Urheber der Anzeige anständiges Deutsch spricht, hat sich im kurzen Gespräch betätigt. Ich würde darauf wetten, dass der „Doktor“ sogar in Deutschland beheimatet ist.

Herr Fuchs ist verwundert

Zwischenzeitlich habe ich Kontakt mit dem Sachverständigenbüro Fuchs aufgenommen. Eine Fahrzeugbewertung des Classic Data-Partners Fuchs in Göppingen war nämlich Teil der umfangreichen Fahrzeugdokumente, die der Finne „Dr. Sarenka“ seinen  Kaufinteressenten zugeschickt hatte.

Karl-Heinz Fuchs, Geschäftsführer des Unternehmens, kümmert sich selbst um die Sache. Ehrensache – nach 40 Jahren im Geschäft. Er ist arg verwundert und wenig amüsiert. „Ein Herr Sarenka taucht in unserer Kundendatei nicht auf“, meint er am Telefon. Und überhaupt handele es sich bei der von Fuchs erstellten Bewertung mit dem Aktenzeichen „S4N ….“ um einen hellgelben 74er Porsche 911 Carrera Targa. „Das ist ganz klar ein Fake. Den echten Wagen haben wir damals im Württembergischen besichtigt – die Fahrzeugbewertung ist sicher nicht für einen Herrn Sarenka gemacht worden.“

Wir haben es also mit einer weiteren waschechten Urkundenfälschung zu tun – kein Kleinkram und Karl-Heinz Fuchs erwägt eine Anzeige. Zurecht.

Apropos Fahrzeugbewertungen. Was sagen eigentlich die Oldtimerexperten von Classic-Data zu der Geschichte? Mal telefonieren… .

Marek Rikerssens Pagode

„Die Masche kennen wir!“, bestätigt mir Martin Stromberg, Geschäftsführer von Classic-Data (www.classic-data.de) in Bochum am Telefon.

„Wir hatten 2017/2018 einen ähnlich gelagerten Fall, bei dem eine Mercedes Pagode in der FAZ angeboten wurde. Das Schema war exakt das selbe: Günstiger Preis – 33.000 EUR, deutsche E-Mail-Adresse, und eine deutsche Telefonnummer, die nicht erreichbar war. Der Verkäufer war angeblich Schwede. Die Papiere und Unterlagen zum Wagen kamen postwendend per E-Mail. Das reichte auch hier vom Personalausweis bis zu den Wagenpapieren. Der Wagen stammte angeblich aus Dortmund, die Fotos waren erstklassig. Ich habe die Fahrgestellnummer dann mal testweise mit der Classic-Data Datenbank abgeglichen und festgestellt, dass wir den Wagen bereits einmal bewertet hatten. Der zuständige Sachverständige hat mir dann telefonisch versichert, dass die Pagode nach wie vor wohlbehütet in der Garage des deutschen Eigentümers in Dortmund steht.“

Ausgerechnet in altehrwürdigen FAZ: Mercedes Pagode mit voller Betrugsausstattung vom „schwedischen“ Eigentümer

 

Vorsicht Urkundenfälschung: Dieser Milchbubi heißt weder Marek Rikerssen, noch ist er Schwede. Und eine Pagode hat er schon mal gar nicht …

Classic-Data empfiehlt jedem Eigner eines Klassikers daher, wichtige Papiere wie Wertgutachten oder Zulassung erst dann an Kaufinteressenten zu versenden, wenn absolut klar ist, dass der Interessent auch wirklich existiert.

Und jetzt…

Ich kontaktiere Google und GMX. Der Finne nutzt nämlich sowohl eine GMail Adresse als auch eine deutsche GMX-Adresse. Und die Nutzung solcher Adressen ist für den Diensteanbieter kontrollierbar. So wäre dem Betrüger einfach auf die Schliche zu kommen!

Meine gleichlautenden Anfragen an Google GMail und GMX Deutschland.

 

Von GMX gibt es keine Antwort. Doch ausgerechnet von Google erhalte ich innerhalb von 90 Minuten (!) eine Antwort: Nutzer, die gegen Programmrichtlinien und Nutzungsbedinungen verstoßen, können unter dem folgenden Link gemeldet werden: https://support.google.com/mail/contact/abuse. Damit finden wir zwar den Finnen nicht, könnten aber die weitere Nutzung der Mailadresse unterbinden. Immerhin.

Die Betrugsmasche im Kurzüberblick

Alte Porsche 911 und andere Hochpreisklassiker zu vorgeblichen Schnäppchenpreisen zu verkaufen, scheint nach wie vor eine gut laufende Masche der Betrüger zu sein.
Dabei bleibt die Story der Hintermänner immer ähnlich. Hier noch mal der Überblick für alle, die überlegen, auf eine solche oder eine ähnliche Anzeige zu antworten:

  • Verkäufer scheint (in der Anzeige) Deutscher zu sein / aus Deutschland zu kommen. Das erhöht die Glaubwürdigkeit und setzt die Schwelle für die Kontaktaufnahme herab.
  • Verkäufer ist in der Regel eine bedeutende Persönlichkeit. Gern genommen werden Doktoren, Professoren, Generäle und andere VIPs. Warum kleckern, wenn man klotzen kann?
  • Verkäufer ist trotz seiner exponierten gesellschaftlichen Stellung bei Google nicht zu finden – der Name ist nicht existent. Warum wohl?
  • Es wird eine deutsch klingende E-Mail angegeben und eine Telefonnummer (oft Festnetz) in Deutschland.
  • Die deutsche Telefonnummer ist nie erreichbar – der Verkäufer erläutert in seinem ersten E-Mail, warum das der Fall ist. Meist ist es menschliches Versagen.
  • Verkäufer war vorher in Deutschland beruflich tätig, ist aber kürzlich in sein Heimatland zurückgezogen. Bevorzugt werden Länder, die aus deutscher Sicht vertrauenserweckend wirken. Dazu zählen die USA, Griechenland, Finnland und Italien.
  • Verkäufer ist durch eine Krise (Scheidung, Tod, Wirtschaftskrise) zum Verkauf gezwungen oder dadurch angeregt.
  • Verkäufer berichtet in epischer Breite über die Gründe des Verkaufs.
  • Verkäufer liefert im Laufe der E-Mail Kommunikation umfangreiche Dokumente mit, die auf den ersten Blick Seriosität suggerieren. Standards sind Personalausweis und natürlich Wagenpapiere, aber auch Wertgutachten und Familienfotos wie im Fall Sarenka, untermauern die Seriosität des Verkäufers.
  • Verkäufer bietet an, den Wagen kostenlos oder zum Selbstkostenpreis zur Begutachtung zu liefern.
  • Oft wird eine Spedition genannt, die manchmal sogar über eine – natürlich getürkte – Website verfügt.
  • Verkäufer beschreibt umfangreich die (angeblich) für den Käufer sichere Überweisung des Geldes.
  • Preis: Der Preis des Fahrzeuges liegt bei einem Bruchteil des Marktwertes. Das waren in den mir bekannten Fällen Sarenka und Prof. Iesos etwa 1/5 des Marktwertes.
    Wichtig zu wissen: Das MUSS nicht sein. Der Mitarbeiter eines großen KFZ-Portals hat mich schon bei meiner ersten Recherche zum griechischen 911 S darauf aufmerksam gemacht, dass bei seltenen Fahrzeugen oft sogar der ungefähre Marktwert als Verkaufspreis angesetzt wird. Es handelt sich also nicht IMMER um Schnäppchen.
  • Bezahlung: Die Bezahlung soll angeblich so vonstatten gehen, dass der Kaufpreis oder eine Abstandssumme auf das Konto eines „sicheren“ Drittanbieters überwiesen wird. Der Verkäufer versichert, erst dann wirklich abzubuchen, wenn der Wagen dem Käufer gefällt. In der Realität wird das Geld natürlich sofort nach Überweisung abgebucht und verschwindet in den Untiefen des Internets.
  • Wenn man Interesse bekundet und den Wagen persönlich besichtigen möchte, gibt es immer einen guten Grund dafür, dass eine Besichtigung nicht möglich ist. (Geschäftsreise, Tod der Schwiegermutter, Erdbeben etc.).
  • Die Frage nach weiteren Fotos oder ergänzenden technische Angaben wird vom Verkäufer ignoriert oder aus fadenscheinigen Gründen verweigert. Der Wagen ist z.B. in der Werkstatt zum Check oder Ähnliches.

Neu in der Version 2019 der Betrugsmasche

  • Die Anzeige erscheint nicht im Internet, sondern in einem Printmedium (Zeitung).
    Das suggeriert einen eher uninformierten Verkäufer, der keinen Einblick in die (Online-) Marktsituation für klassische Fahrzeuge hat.
  • Die Kommunikation mit dem Verkäufer läuft auf Deutsch und der Verkäufer ist des Deutschen einigermaßen fließend mächtig. Im Falle des griechischen Professors behalf sich der Betrüger mit schlechtem Englisch.
  • E-Mails scheinen nicht ausschließlich aus Textbausteinen zu bestehen – die Antworten wirken dadurch „echter“.
  • Bezahlung über Amazon statt – wie früher üblich – über als problematisch bekannte Anbieter wie „Western Union“.
  • Im Falle Sarenka: Auffällig plumpe Urkundenfälschungen. Man sollte sich aber nicht drauf verlassen wie der gut gefälschte Ausweis von „Marek Rikerssen“ im Mercedes-Fall zeigt.
  • Im Falle Sarenka ebenfalls neu: Der Verkäufer ist telefonisch erreichbar, hat aber weder einen finnischgen Akzent noch wird er des Finnischen mächtig sein.

Wer steckt dahinter? Nach meinen Kenntnissen handelt es sich – anders als bei den afrikanischen Massenmails der „Nigeria Connection“ – um Täter aus dem osteuropäischen Ausland.

Dafür sprechen sowohl Fach- als auch Sprachkenntnisse sowie die Erfahrungen der KFZ-Portale. Die Betrüger werden übrigens nur selten von Opfern angezeigt. Der Grund ist einfach. Viele Oldtimer werden „bar“ bezahlt und die Herkunft des Geldes ist nicht immer transparent. Aus steuerlichen Gründen und aus Scham verschweigen die Opfer daher wohl häufig ihre Verluste und schreiben sie unter „Portokasse“ als ab.

Fazit

  • Vorsicht beim Oldtimerkauf / Porschekauf – gerade, wenn es sich um Schnäppchen aus dem Ausland handelt.
  • Da die Masche wohl nach wie vor Erfolg hat, kann man davon ausgehen, dass die Drahtzieher dahinter ihre Vorgehensweise weiter verfeinern werden.
  • Für Verkäufer von Oldtimern gilt: Wer massenhaft Fahrzeugpapiere, Gutachten und Ähnliches per Mail verschickt, muss sich nicht wundern, dass sein Fahrzeug irgendwann mal im Zuge einer solchen Betrugsaktion angeboten wird. Vorsicht also bei jeder Weiterleitung digitaler Kopien, die ein Betrüger verwenden kann. Vergewissern Sie sich ob der Interessent wirklich existiert!
  • So lange sich jeder Hans und Franz bei GMX, Google und Co anonym E-Mail Adressen einrichten kann, ohne Gefahr zu laufen, dass er für die über diese Adressen geführten betrügerischen Machenschaften verantwortlich gemacht wird, werden solche und andere Betrugsmaschen auch in Zukunft funktionieren.
    Wenn man mal einen theoretischen Vergleich zieht: Ich verschenke hochwertiges Einbruchswerkzeug und weiß, wo diejenigen, die einen  Satz bekommen haben, wohnen. Wenn mit dem individuellen Werkzeugsatz dann aber eingebrochen wird, verweigere ich mit Hinweis auf den Datenschutz die Herausgabe der Adresse des Werkzeug-Eigners. Spooky.

Herzlichen Dank

  • Christoph für die Zusendung des E-Mail Verkehrs – viel Spaß beim Oldtimer-Grand Prix!
  • „Michael“ für die Infos zum Auto
  • Karl-Heinz Fuchs (www.fuchs-sachverstaendige.de) für das nette Telefonat und seine Zeit!
  • Martin Stromberg (www.classic-data.de) für die Mercedes Pagode Story

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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