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Porsche F-Modell Zubehör – die Top 10 der unsinnigsten Original-Zubehörteile

Written by hansbahnhof

Die Aufpreisliste für den Porsche 911 war in den Sechzigern und frühen Siebzigern eher kurz. Schließlich hatte der Wagen nach damaligem Dafürhalten alles, was ein Gran Turismo Sportwagen brauchte. Vier Räder, einen langlebigen 130 PS-Motor, ein Mahagoni-Lenkrad und Platz für zwei Passagiere, wenn es bequem bleiben sollte.

So sind auch heute noch viele klassische Elfer gemäß Auslieferungszustand sparsam ausgestattet. In Zeiten von Goldfolierung, Swarowskistein-Verzierungen und Chiptuning wird sich so mancher Porsche-Neuling aber fragen, was es denn damals für Sonderzubehör gab und wie sich das sparsam ausgestattete Porsche F-Modell individualisieren lässt.

Ich habe mal zusammengeschrieben, was Ihr auf GAR keinen Fall braucht, wenn Ihr Euch zu Weihnachten ein Porsche F-Modell in die Garage gestellt habt. So könnt Ihr Euer hart erarbeitetes Geld für Sinnvolles ausgeben. Ein paar neue Schuhe, Essen mit der Frau oder eine Anzahlung auf (wirklich sinnvolle) Recaro Sportsitze für Euren boxenden Oldtimer.

Meine – selbstverständlich völlig subjektiv geprägte – Liste reicht von Platz 1 (100% unsinnig) bis Platz 10 (immer noch 80% unsinnig)

Platz 1 – „Zierleisten im Radausschnitt“ (Radlaufchrom) – 100% unsinnig

Radlaufchrom an einem Porsche 911?? Ja, das gab es nicht nur bei den optisch getunten Benzen der Siebziger und Achtziger. Radlaufchrom bot Porsche u.a. im Jahr 1972 als „Zierleisten am Radausschnitt“ an.

Wenn man sich für die M-Nr. 470 (Komfortausstattung) entschied, konnte man die Chromleisten unter der M-Nr. 426 für 95,– DM zusätzlich bestellen. Die gab es aber ausschließlich für die beiden schwächer motorisierten Elfer 911 T und 911 E. Für den S nicht. Warum auch immer.

Radlaufchrom machten den wagen schöner (?), schneller (?) - also für irgendwas muss er gut sein.

Radlaufchrom machten den Wagen schöner (?), schneller (?) – also für irgendwas muss er gut sein. Hier an einem Porsche 911 T Targa.

Die „Zierleisten im Radausschnitt“ habe ich auf Platz 1 meiner subjektiven Liste des unsinnigen Zubehörs gesetzt, weil sie natürlich (1) an einen sportlichen Wagen nicht drangehören, weil sie (2) völlig unnötig sind UND (3) weil sich Rost unter ihnen festsetzt.

Wer einen T oder E sein Eigen nennt, dessen Erstbesitzer für sowas damals knapp 100,– DM übrig hatte, kommt heute natürlich nicht drumherum, seinen Wagen mit den Leisten auszustatten. Hoffentlich sind sie noch verwendar. Denn als Repro sind sie meines Wissens nach nicht zu kriegen.

Platz 2 – „PORSCHE“-Schriftzug auf den Türen – 100% unsinnig

Einem klassischen 911er eine „PORSCHE“-Schriftzug auf die Türen zu kleben ist so, wie Kim Kardashian in ein Tanktop mit der Aufschrift „MÄDCHEN“ zu zwängen. Völlig unsinnig. Außer an den überklebten Stellen befindet sich Rost und es handelt sich um einen Notverkauf.

Der Aufkleber (im Jahr 1972 unter M-Nr. 438 in weiß und M-Nr. 439 in schwarz bei Porsche bestellbar) fand und findet sich trotzdem häufig an Urelfern. Warum auch immer.

Platz 3 – „Schürze unter der hinteren Stoßstange“ („Jägerzaun“ oder „Muffler-Skirt“) – 100% unsinnig

Ebenfalls zu 100% unsinnig ist der in Fachkreisen so genannte „Jägerzaun“ (amerik: „Muffler-Skirt“). Eine breite Aluminium-Zierleiste für das Heck des Elfers, die man u.a. im Jahr 1972 unter der M-Nr. 427 für sagenhafte 158,– DM bestellen konnte.

Das "Muffler Skirt" oder "Jägerzaun", wie die deutsche Szene sagt in Aktion. Hier an einem Porsche 911 T.

Das „Muffler-Skirt“ oder „Jägerzaun“, wie die deutsche Szene sagt in Aktion. Hier an einem Porsche 911 T. (Foto: Wolfram, elferteam.de)

Der Effekt der Leiste ist unbekannt. Der einzige optische Effekt ist, dass die Leiste den Elfer von hinten ein wenig wie den seeligen VW 411/412 aussehen lässt. Keine schmeichelhafte optische Verwandschaft.

Wichtig zu wissen: Steve McQueens grauer Porsche 911 S aus dem Film „LeMans“ hatte ein Muffler-Skirt. Ob der Alu-Grill einer der Gründe dafür war, dass ein Käufer den S für 1,25 Millionen US$ gekauft hat (hier mehr dazu), ist nicht bekannt.

Platz 4 – Die benzinelektrische Zusatzheizung Heizung von Webasto – 95% unsinnig und gefährlich

Was haben sich die Porsches nur dabei gedacht. Die frühen Elfer hatten als einzigen wirklichen Luxus ernsthaft eine „benzinelektrische Zusatzheizung“ von Webasto, die beim Elfer 1965 als Luxusgimmick aufpreisfrei dabei war.

Haupteffekt der Heizung war wohl, dass zahlreiche frühe Porsche 911 F-Modelle mit Hilfe der Heizung benzinelektrisch abgefackelt wurden. Wenn Ihr also Euer Geld sparen wollt, erspart Euch den (Nach-) Kauf von Bestell-Nr. 9229. Sie kostet Euch heute deutlich mehr, als die exorbitanten 650,– DM, die sie Euch 1965 gekostet hätte. Anwerfen werdet Ihr sie aus Sicherheitsgründen eh nie!

Platz 5 – Die originale Porsche Werkzeugtasche – 90% unsinnig weil zu teuer

Häh. Werdet Ihr vielleicht fragen. Werkzeug ist doch wichtig, auch wenn man nur ab und zu mal zur Eisdiele fährt! Ihr habt natürlich Recht. Aber die originale Werkzeugtasche fürs F-Modell kostet samt Inhalt heute bei eBay oder auf Auktionen weit über 1000,– EUR. Wohlgemerkt: Das ist eine Kunstledertasche mit mittelmäßigem Werkzeug, die nach Kauf in Eurem Kofferraum verschwindet und von Euch sicherlich nie benötigt wird. Also spart das Geld und packt Euch einen sinnvollen Werkzeugsatz selbst zusammen, damit Ihr für den Fall der Fälle gewappnet seid. Das Original ist eine Investition, die kaum Sinn macht.

Platz 6 – Talbot-Spiegel – 90% unsinnig

Die tütenförmigen Talbot-Spiegel gab es bereits 1965 für die ersten Elfer zu kaufen. Sie waren unter der Bestellnummer 9131 (Talbot-Spiegel links) bzw. 9132 (Talbot-Spiegel rechts) für 22.50 DM als Zusatzausstattung bestellbar.

Talbot-Spiegel an Porsche 911 SWB: Wirklich was sehen konnte man nix drin.

Talbot-Spiegel an Porsche 911 SWB: Wirklich was sehen konnte man nix drin.

Talbot-Spiegel rechts. Die aerodynamischen Vorteile waren gering.

Talbot-Spiegel rechts. Die aerodynamischen Vorteile sind gering. Selbst Fliegen bleiben dran hängen.

Die aerodynamischen Spiegel sorgten dann für die Optimierung des CW-Wertes am Elfer um (geschätzt) 0,00004%. Genauso wirkungsvoll ist es, fest die Luft anzuhalten und sich davon eine Erhöhung der Spitzengeschwindigkeit zu erhoffen. Da die Spiegel häufig weiter vorn am Kotflügel montiert wurden, hatten sie noch einen zweiten „Effekt“: Der rückwärtige Verkehr war deutlich schlechter zu sehen, als mit den eh schon winzigen runden Standard-Spiegeln.

Auf der anderen Seite waren die Talbots in den Sechzigern der letzte Schrei am Wagen. Wer sie heute als Originalausstattung in seinem Kardex (amerikanische Geburtsurkunde) findet, sollte sie natürlich dranlassen.

Platz 7 – Anhängerkupplung – 85% unsinnig

Kein Scherz. Das gab es. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es wirklich originale Porsche-Anhängerkupplungen gab oder ausschließlich solche von Drittanbietern.

Ich habe selbst einmal mit jemandem gesprochen, der in den Siebzigern ernsthaft mit Porsche F-Modell, zwei Erwachsenen, zwei Kindern, Gepäck und Boot auf Hänger regelmäßig zum Gardasee gefahren ist. Wenn die Eltern dann noch Gauloises auf Kette geraucht haben, müssen das entspannte Fahrten gewesen sein. Vor Allem für die Kinder. Die AHK für den Porsche 911 war so unsinnig, dass Originale für den frühen Elfer so gut wie nie im Markt auftauchen. Wenn Ihr eine habt, freue ich mich über einen Anruf – ich habe da was vor!

Platz 8 – Das Außenthermometer – 80% unsinnig

Mit 60,– DM gehörte das 6 cm große Außenthermometer in den Sechzigern nicht zu den Zubehörschnappern. Das von VDO oder Motometer stammende Instrument wurde beim Elfer (Bestell-Nr. 9169) in einer Version mit 60 mm Durchmesser zur Montage im Armaturenbrett links neben dem Zündschalter angeboten.

Beim Zwölfer gab es eine 80 mm große Version (Bestell-Nr. 9170), die zum sagenhaften Preis von 160,– DM an die Stelle der Zeituhr im Armaturenbrett eingebaut werden konnte. Das Thermometer gab es zunächst mit grünem Ziffernblatt (SWB-Modelle) und später auch in rallye-schwarz für alle Porsche F-Modelle.

VDO Außenthermometer für Porsche Oldtimer. HIer in der Version für den Porsche 912 mit einem Durchmesser von 80 mm (Porsche 911 60 mm).

VDO Außenthermometer für Porsche Oldtimer. HIer in der Version für den Porsche 912 mit einem Durchmesser von 80 mm (Porsche 911 60 mm). Die Version für Porsche 912 kostete sagenhafte 160,– DM!

Natürlich macht ein Außenthermometer Sinn, wenn es 1. funktioniert und 2. es Winter ist. Aber bei Glatteis wird eh kaum ein F-Modell von Porsche mehr bewegt.

Spart Euch also die Investition in das teure Zusatzinstrument (500 – 1200,– EUR je nach nach Zustand und Ausführung). Außer Ihr findet (wie ich), dass ein Elfer gar nicht genug Rundinstrumente haben kann.

Platz 9 – Der Lietz (Dachgepäckträger) – 80% unsinnig

Waren beim Porsche 356 Dach- und Heckgepäckträger noch relativ sinnvoll, so war der Lietz Dachgepäckträger für den Elfer ein Flop.

Gepäck im Porsche 356-Kofferraum: Da passt neben dem Ersatzrad und dem Tank gerade noch so eben eine Kulturtasche mit Zahnbürste und Handtuch rein!

Gepäckträger waren beliebt für den Porsche 356. Hier der Grund. Da passt neben dem Ersatzrad und dem Tank gerade noch so eben eine Kulturtasche mit Zahnbürste und Handtuch rein!

Nicht, weil er nicht gut aussah (für einen Dachgepäckträger), sondern weil der Elfer ein viel durchdachteres Raumkonzept hatte, als sein vierzylindriger Vorgänger.

Der Riesenkofferraum des Urelfers sowie die geräumige Rückbank des 2+2 Konzeptes machten einen zusätzlichen Dachgepäckträger ziemlich unsinnig. Außer man reiste mit der ganzen Familie im Porsche in den Skiurlaub. Dafür gab es dann am Lietz 8 praktische rote Lederschlaufen zur Befestigung von vier Paar Ski!

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Ausnahmsweise einmal mit dem Lietz. Aber auch nur, weil wir größere Mengen von Gepäck dabei hatten (2013 auf dem Weg nach Schottland)

Ausnahmsweise einmal mit dem Lietz. Aber auch nur, weil wir größere Mengen von Gepäck dabei hatten (2013 auf dem Weg nach Schottland)

Heute reist man noch weniger mit einem frühen Elfer in den Urlaub als früher. Nur wenn man so viel Gepäck mit sich schleppen möchte, wie wir vor einiger Zeit auf dem Weg nach Schottland, ist der Lietz super.

Doch Achtung: Ein Original ist unter 1200,– EUR kaum zu kriegen und eine Reproduktion, wie sie in den USA mittlerweile verkauft wird, ist auch nicht viel günstiger.

Außerdem macht der Lietz Geräusche. Und das nicht zu knapp. Der Dachträger sorgt durch seine aufwändige Konstruktion mit zahlreichen verchromten Streben für (noch) mehr Geräuschkulisse im Elfer. Nervtötend!

Platz 10 – Ein Radio von Becker oder Blaupunkt – 75% unsinnig

Ein Radio im Auto ist heute nicht nur Standard, sondern auch etwas, was kaum jemand missen möchte. Aber wie sieht das in einem Oldtimer von Porsche aus?

Originale Autoradios für Porsche F-Modelle sind glücklicherweise ganz gut zu bekommen. Mein Tipp, wenn Ihr wirklich eines haben möchtet: Kauft ein komplett überholtes bei einem Experten, anstatt dubiosen Radioschrott in Online-Auktionshäusern zu ersteigern.

Becker Autoradios - hier bei "Königs Klassik-Radios" in Haan sind am besten generalüberholt beim Experten zu kaufen. Finger weg von eBay-Schnappern!

Klassische Becker Autoradios für den Porsche-Oldtimer – hier bei „Königs Klassik-Radios“ in Haan – sind am besten generalüberholt beim Experten zu kaufen. Finger weg von eBay-Schnappern!

Um aus dem generalüberholten Becker Europa ordentlich Wumms herauszukriegen war 2008 ein erheblicher Aufwand und einiges an Spezialteilen notwendig. Nach dem Einbau habe ich vermutlich vier mal Radio gehört.

Um aus dem generalüberholten Becker Europa ordentlich Wumms herauszukriegen war in meinem 911 S ein erheblicher Aufwand und einiges an Spezialteilen notwendig. Nach dem Einbau habe ich vermutlich vier mal Radio gehört. Total unsinnig.

Becker Europa Radio im Porsche 911 S. Hier ein generalüberholtes - sieht natürlich schick aus!

Becker Europa Radio im Porsche 911 S. Hier mein generalüberholtes – sieht natürlich schick aus!

Trotzdem ist ein Radio im Urelfer natürlich völliger Humbug. Erstmal weil die Akustik im Elfer einfach miserabel ist. Und zwar egal, ob man einen originalen Lautsprecher hat, einen neuen Mono-/Stereolautsprecher an der vorgesehenen Stelle im Armaturenbrett oben einbaut oder ob man Löcher in die Türverkleidungen sägt, um Lautsprecher einzubauen.

Egal was Ihr veranstaltet: Der Klang des Radios im Porsche wird immer weit weg von Hifi sein. Mal ganz abgesehen von der übrigen Geräuschkulisse im Elfer, die es ja zu genießen  gilt. Ab 120 km/h ist in einem klassischen Elfer eh nicht mehr an Musik zu denken. Oder an Gepräche mit der Frau. Jede Investition in Sound ist also überflüssig. Lasst es bleiben.

Wenn Ihr, wie ich, auf die Optik eines alten Radios steht, kauft Euch ein schönes Becker Europa und genießt über einen Lautsprecher aus dem Zubehörhandel den originalen Monosound der Sechziger und Siebziger. Der kommt idealerweise aus dem dafür vorgesehenen Lautsprecherloch im Armaturenbrett. Dann könnt Ihr zum Beispiel Verkehrshinweise hören. Wenn Euer iPhone gerade mal wieder kein Akku hat.

Vielen Dank

  • an die Frau (www.schoenerblog.de) für einige schöne Detailfotos
  • an Wolfram (elferteam.de) für das Foto und einen Tipp zum „Jägerzaun“.

 

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

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