1965 2.0 Coupé - Porschekauf in USA TdM Blog News

Porschekauf in USA – 1965 Porsche 911 – Teil 21: Schraubenstadt Bielefeld

Written by hansbahnhof

Der Fensterheber ist repariert. Gerade noch rechzeitig, denn wir sind verabredet in der Stadt, die es nicht gibt: Bielefeld. Ich habe jetzt auch lange genug auf die erste Tour im 1965er Porsche 911 gewartet.

Der Fensterheber ist repariert. Gerade noch rechzeitig, denn wir sind verabredet in der Stadt, die es nicht gibt: Bielefeld. Klar, mit welchem Auto wir fahren. Ich habe lange genug auf die erste längere Tour im 1965er Porsche 911 gewartet.

Die Wetterprognose ist gut. Jetzt noch schnell den Zigarettenanzünder reparieren. Der ist die Lebensader des neuen Tomtom, das auch mobile Radarfallen kann. Ohne möchte ich gar nicht mehr leben.

Das Zigarettenanzünder-Problem ist schnell erkannt. Der Plus-Draht ist aus der antiken Flachsteckhülse herausgerutscht. Ich mache keine halben Sachen: Ordentliche neue Hülse nehmen. Ordentlich mit der richtigen Quetschzange zusammenquetschen, roten Schrumpfschlauch drüber, den Steinel-Föhn angesetzt und schon ……… funktioniert auch das Radio nicht mehr. Jetzt ist mir warm.

„Sicherung“, schießt es mir durch den Kopf, denn mein Geist ist willig. Aber mein Körper will endlich porschefahren. Schließlich steht der 1965er Porsche 911 seit Monaten entweder in Häfen, auf Schiffen oder in Werkstätten. Wir laden das Tomtom auf bis der Akku raucht und begeben uns auf die Autobahn in Richtung Bielefeld.

Rechte Spur. 100.

Entgegen der WettervorherSAGE (eine Sage ist erfundene Geschichte, in der Drachen und andere Dinge vorkommen, die nichts mit der Realität zu tun haben!) ist es bewölkt und nur 25 Grad warm.

Auf der rechten Spur spielen wir Entschleunigung und haben Spaß an den Leuten, die wissen, was sie da gerade überholen. Hochgereckte Daumen pflastern unseren Weg. Das ist ja nett. Ich grinse und entspanne endlich mal IM Auto.

Der 911 spult die 150 km bis Bielefeld ohne Zwischenfälle ab. Unterbrochen wird die Fahrt nur von einer „ICH BRAUCHE JETZT EIN WEISSES MAGNUM“-Pause – initiiert von – richtig – der anbetungswürdig und gottergeben mit den Kunstledersitzen verschmelzenden Frau. Der 1965er Porsche hat kein Gebläse. Punkt.

Feldweg ins Verderben

Unser Ziel befindet sich am Ende von Bielefeld am Ende einer Privatstraße, die naturbelassen, staubig und schwellenübersät ist. Das heißt Schritttempo für den tiefliegenden SWB-Porsche. Der Auspuff ist beim 65er Porsche 911 SEHR dicht über dem Boden.

Nach zwölf Minuten Feldweg sind wir angekommen. Das schnuckelige Häuschen unserer Freunde hat eine echte Streuobstwiese. Eine mit Streuobst. In der Wiese blüht Klee auf dem Bienen leben, in die man reintritt, sobald man die Wiese betritt. Aber dagegen gibt es Hausmittel – also gegen die Bienen. Kurz: Das Ganze hat einen hohem Bullerbühfaktor. Und es liegt unschuldig in der Bielfelder Abendsonne. Ich liebe das Landleben! Vor Allem weil es frisch gebackenen Zopf gibt. Mit selbstgemachter Marmelade! Doch hinter der Bullerbühkulisse nimmt das Verderben seinen Lauf.

Bates Motel sah auch harmlos aus. Bullerbüh-Haus kurz hinter dem Feldweg ins Verderben.

Bates Motel sah auch harmlos aus. Bullerbüh-Haus kurz hinter dem Feldweg ins Verderben.

Platter Porsche Pneu

Am nächsten Morgen. Nach einem excellenten Abendessen vom gasbefeuerten Luxusgrill, ausgesuchten Weinen und einem Frühstück mit frischen Bielfelder Brötchen packen wir unsere neunhundertelf Sachen in den 911. Es folgt die schon fast traditionelle Inspektionsrunde rund um das Auto. Mal gucken ob was abgefallen ist in der Nacht.

Alles noch dran. Ich bin eben Profi. Aber was ist das? Der rechte hintere Reifen ist so gut wie platt. Na super. Bestimmt nur ein verdrecktes Ventil – schließlich sind die Reifen gerade mal 450 km alt.

Wir fahren los. Zur nächsten Tankstelle. Und dort werden wir schlauer. Eine Holzschraube hat sich pfeilgerade in die Lauffläche gebohrt. Ein kleines Feldwegsouvenir – so vermute ich. Ich hasse das Landleben.

High Noon

Es ist mittlerweile 12.00 Uhr. High Noon. Der Himmel ist wolkenfrei. Die Bielefelder um uns herum fahren ins Freibad. Gefühlte Temperatur: Etwa vierzig bis fünfzig Grad.

Wir entladen den Kofferraum und greifen uns das Ersatzrad. Die gute Nachricht ist, dass die 4,5 Zoll Kronprinz-Felge wohl zur Erstausstattung des 1965ers gehörte. Die Prägung „4 65“ passt jedenfalls blendend zum Auslieferungsmonat Juni 1965. Doch das gilt leider auch für den Ersatzreifen. Ein echter Klassiker der kautschukverarbeitenden Industrie aus den Siebzigern – und eigentlich nicht mehr montierbar. Doch die Show muss weitergehen. Wir montieren den schraubenfreien und leicht porösen Siebzigerjahre-Reifen und beschließen, die Autobahn zu vermeiden.

Optimistisch kommt immer vor pessimistisch. Gut, dass die Frau an den stylischen Hut gedacht hat. Radschrauben abschrauben ging noch einfach...

Optimistisch kommt immer kurz vor pessimistisch. Gut, dass die Frau an den stylischen Hut gedacht hat. Radschrauben abschrauben ging noch einfach…

Der chinesische Zierwagenheber

Ich bin überglücklich, dass ich so schlau war, noch kurz vor Abfahrt Jerrys altes Bordwerkzeug in den Kofferraum zurückgeräumt zu haben. Fein säuberlich liegt dort ein (nicht originaler) Wagenheber neben zahlreichem professionell aussehendem und bleischwerem Werkzeug für den Reifenwechsel. (Danke Jerry!).

„Dauert nur zehn Minuten“, beruhige ich die in der Bielefelder Sonne bratende Frau, „habe ich schon tausend mal gemacht.“ Endlich mal ein Job, der noch den echten Mann erfordert. Reifenwechsel. Die letzte Domäne echter Männlichkeit in Zeiten des Weber-Gasgrills.

Doch Männlichkeit erfordert gutes Werkeug. Und da gibt es ein klitzekleines Problem. Erst nach 45 Minuten habe ich den Wagenheber („MADE IN CHINA“) dazu gebracht, das bißchen Porsche so weit anzuheben, dass ein Radwechsel möglich ist.

Der chinesische Zierwagenheber. Das war knapp.

Der chinesische Zierwagenheber. Das war knapp.

Ganz offensichtlich handelt es sich um einen der seltenen chinesischen Zierwagenheber. Die werden von unseren fleundlichen asiatischen Fleunden nur deswegen verkauft, um Bordwerkzeug vollständig aussehen zu lassen. Vielleicht haben sie auch irgendeine religiöse Bedeutung. Wagenheben kann man damit jedenfalls nicht.

Das poröse muss auf das rostige. Reifenwechsel beim Porsche 911 von 1965 - bei gefühlten 40 Grad.

Das poröse muss auf das rostige. Reifenwechsel beim Porsche 911 von 1965 – bei gefühlten 40 Grad.

Eine Stunde später steht der 911er endlich wieder auf vier Rädern. Um ganz genau zu sein: Auf drei 5,5er Kronprinzfelgen mit 195er Reifen und einer 4,5er Kronprinzfelge mit einem originalen 165er Pneu.

Die Frau reicht mir das zehnte Feuchttuch. Ich habe vier Kilo verloren und einen viel zu starken Sonnenbrand. Wir fahren los. Das Ortsausgangsschild von Bielefeld wird im Rückspiegel immer kleiner.

Die Rückfahrt führt uns durch Dörfer, in denen fleißige mittelständische Betriebe im Auftrag von Bielefeld-Marketing und der internationalen Reifenlobby Streuschrauben für den Feldwegeinsatz herstellen. Gibt es da eine Konvention gegen? Ich unterschreibe.

Nachtrag

Vielen Dank an A und J (Namen geändert)  für den sehr hinreißenden Abend, die hinreißende Ruhe und die spannenden Einblicke ins Landleben sowie die Demonstration der Ergebnisse erfolgreicher Kinderaufzucht. Wir freuen uns, Euch in Edinburgh zu sehen!

 

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

3 Comments

Leave a Comment