1965 2.0 Coupé - Porschekauf in USA TdM Blog News

Porschekauf in USA – 1965 Porsche 911 – Teil 7: Der Porsche aus dem Spam

Written by hansbahnhof

In den ersten sechs Teilen dieser Artikelserie habe ich berichtet, wie ich erst langsam und dann immer schneller Gefallen an einem 1965er Porsche fand.

Meine letzte Aktivität war ein ausführliches Mail in die USA. Dort stand ein frühes Porsche 911 Coupé von 1965 zum Verkauf. Der Verkäufer hatte aber – wie so viele vor ihm – nie geantwortet.

Prioritäten setzen und der 911er im Spam

Ich habe die Nase voll von der Sucherei und verlagere meine Prioritäten.
Zu viel Schrott, zu viele Spinner und zu wenig Zeit. Irgendwann muss man ja zwischendurch noch Geld verdienen.

Also kümmere ich mich um andere wichtige Sachen, wie das Aufräumen meines Spam-Ordners.

Weg mit dem Werbemüll – aber STOPP – was ist das? Ein Mail mit dem Betreff „Porsche“ ist im Spam gelandet. Was macht das hier?

Die Anwort ist leicht zu finden: Die unbestechliche Spamfilter-Technik von 1&1 hatte die Antwort auf meine Anfrage zum 65er aus den USA in den Viagra-Orkus befördert.

Jerry

Jerry freut sich über meine Anfrage. Teil der Maschine und einige Videos hat er sich ebenfalls schon angeguckt. Am besten gefällt ihm das Video mit der Fahrt über die Route des Grandes Alpes. Ach so – und der Wagen ist noch da.

Doch die Antwort im Spam-Ordner ist zu diesem Zeitpunkt bereits einige Wochen alt. Also schnell zurückschreiben, alles auf die Technik schieben und fragen ob der Wagen noch da ist.

Die Antwort kommt postwendend aus der Nähe von Chicago: Der Wagen ist noch da. Ich glaube es nicht.

Ich bitte Jerry um Fotos. Denn bislang kenne ich nur ein einziges. Jerry schickt Fotos. Nicht wirklich viele, denn er hat PC-Probleme, was ich nachvollziehen kann. Aber man bekommt einen Eindruck.

engine-lid-grill-jerry

Jerrys 65er Porsche 911 – Lüftungsgitter – alles in Ordnung?

 

Jerrys Auto ist ein weißes Coupé mit allen Merkmalen der frühen Porsche 911: Schräger Schriftzug am Heck, Vierschraubenhupengitter, Chromfelgen, Holzlenkrad und so weiter.

Ruhig Brauner

Die Fotos zeigen ein auf den ersten Blick sehr schönes Auto. Doch Achtung: Bei genauem Hinsehen ist einiges nicht korrekt: Der 130 PS-Motor vom 1968er Porsche 911 E. Das 5-Gang 901er Getriebe vom 68er. Die Reifen zu breit, die Farbe nicht original. Und überhaupt – die Farbe! Der Erstbesitzer hatte den Wagen in den Sechzigern in „Togobraun“ bestellt. Eine Farbe, die – sagen wir „selten“ – ist. Nur mit Mühe finde ich überhaupt Fotos davon im Internet. Am besten lässt sich „Togobraun“ als „schokoladenspringbrunnenbraun“ umschreiben. Und um die braune Orgie komplett zu machen, bestellte der Braunfan eine passende braune Innenausstattung dazu.

rear-view-teilansicht-jerry

Jerrys 65er Porsche 911 – Schriftzug auf dem Heckdeckel – die Experten entdecken was….

 

Man stelle sich vor, wie er den Wagen 1965 abholte: Gekleidet in einen braunen Polyesteranzug – wahrscheinlich sportlich breit kariert, eine (braune) Zigarre rauchend, eine braungebrannte Blondine im Arm. Nun ja – jedenfalls sieht man auf sowas keine Schokoladenflecken (also auf der Innenausstattung).

Zurück zur Originalität: Auch die braune Innenausstattung ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Das nun schwarze Interieur sieht aber extrem gut aus. Bei genauerem Hinschauen entdecke ich einige weitere „nicht originale“ Details.

Für und wider

Trotz zahlreicher nicht originaler oder „frei interpretierter“ Teile sehe ich keine gravierenden Mängel.

Jerry hat den Wagen über die Jahre ausgiebig gepflegt und viel selber gemacht. Und er geht ehrlich mit den Stärken und Schwächen des Wagens um. Die Beschreibung ist höchst-detailliert und die Fotos bestätigen die Story.

Hier verkauft jemand, weil er in ein Alter kommt, in dem Porschefahren nicht mehr erste Priorität hat. Und er verkauft nicht gern. Das spürt man in jeder Zeile und in jedem E-Mail. Jerry verkauft nicht irgendeinen Porsche. Er verkauft „sein“ Auto und damit einen kleinen Teil seines Lebens.

ignition-brass-jerry

Jerrys 65er Porsche 911 – amerikanischer Lichtschalter (gut dass ich noch einen europäischen in der Garage liegen habe) und Zündung mit Messingmanschette. Die ist typisch für die frühen 65er Porsche 911 und sehr selten. Das Messingteil wurde von Porsche noch im Modelljahr 1965 durch eine günstigere Lösung ersetzt.

Was nicht original ist, lässt sich außerdem mittelfristig rückrüsten. Zum Beispiel die verchromten Luftfilter von K&N, das rote Lüfterrad und andere Kleinigkeiten, wie der nur für den Experten sichtbare S-Trim (breitere Zierleisten des 66er/67er Posche 911 S).

Kaufen? Und alle möglichen Fehler machen?

Soll ich kaufen? Ein Auto von einem Verkäufer in den USA, den ich nicht kenne? Ein Auto von dem ich 15 Fotos habe? Ein Auto, das im Worst Case zu einem Großteil aus Bondo und eingeschweißten Coladosen besteht? Ein Auto von jemanden, der womöglich gar nicht existiert? Schließlich habe ich bereits einmal gerade noch rechtzeitig einen Deal abgebrochen. Ihr erinnert Euch vielleicht an meine Erlebnisse mit dem „griechischen Professor“ Iesos und seinem 911 S 2.4 Coupé.

Kurz: Bin ich wirklich so wahnsinnig, einen Geldbetrag, für den man eine nette Eigentumswohnung anzahlt, auf ein fremdes Konto zu überweisen, ohne Sicherheiten dafür zu haben?

Ich schlafe schlecht. Und die Frau wirkt nachdenklich. Schließlich liegt das Geld bei uns nicht einfach so rum und wir haben ziemlich hart dafür geackert.

Mache ich alle möglichen Fehler? Hat die Suche ein Ende? Falle ich auf einen Blender rein?

Ich weiß auch nicht so genau…

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

10 Comments

  • @Ralf: Hat der „911“ Schriftzug den korrekten Winkel? Oder müsste er stärker angestellt sein? Hier müssen Experten her. Mein Eindruck ist, dass der Schriftzug zu flach montiert ist… – Expertenmeinungen? Anyone?

  • Hallo Ansgar,

    wenn ich auf S.139 in Das grosse Buch der Porsche Typen schaue, steht es steiler.
    Ist aber auch nochmal eine andere Perspektive.

    Gruß Andreas

    • Hallo Andreas, ich geh auch mal davon aus, dass das mal frei Schn… gemacht wurde. Wenn das das Einzige bleibt, hätte ich ziemliches Glück! Grüße zu Hause – auch von der Frau!

  • Oh, wie ich den Bericht nachvollziehen kann. Vor ein paar Jahren bei ebay USA einen 911 von 04/1965 entdeckt, von privat, innerhalb einer Woche zig emails hin und her mit über 100 Fotos und dann (damals beim Dollarkurs von knapp 1,65/Euro) zugeschlagen. Spedition organisiert, die den Wagen in LA zum Hafen gebracht haben, und dann (im Winter) warten, warten, warten aufs Schiff. Über Rotterdamm eingeführt (keine Mwst. 7% Zoll) und mir auf dem Hänger vor die Haustür bringen lassen. Das monatelange verdammt flaue Gefühl im Bauch hat erst nachgelassen, nachdem er ohne einen Kratzer vom Seetransport vom Trockeneisstrahlen ohne ein Rostloch und ohne die kleinste Schweissstelle zurückkam. Weiss nicht, ob ich das nochmal so machen würde, vielleicht soll man sein Glück nicht zu oft herausfordern, aber wie oben erwähnt lebt man schliesslich nur einmal.

    • Hallo Mark,
      das macht mir definitiv Hoffnung! – 04/1965 dürfte sehr sehr dicht dem hier diskutierten dransein!

      Gruß aus Essen von

      hansbahnhof

  • mehr Ruhe in die Welt der Gefühle bekommst Du nur wenn Du in die USA reist und den Verkäufer mit seinem Auto kennlernst. Aber das dürfte eine Frage von Geld und vor Allem Zeit sein.
    Mein 911er kommt auch aus USA, aber diese Sorgen hat mir ein Händler zuvor abgenommen.

    • Gute Idee und ich habe das wirklich überlegt – aber die Zeit und der Jetlag und die potentiell im Nacken sitzenden Mitbewerber beim Kauf standen dem im Weg. Der Wagen steht immerhin in einem der großen amerikanischen Porsche-Foren zum Verkauf und es wäre deutlich einfacher für den Verkäufer, die Kiste an einen Fellow American um die Ecke zu verschachern statt an einen im Worst Case dummschwätzenden Typen aus dem Internet (mich). In den letzten Jahren musste ich lernen, dass lange nachdenken typisch deutsch ist. Es hat aber auch dazu geführt, dass die Japaner jetzt den Wankelmotor bauen und die Amerikaner uns das Patent fürs Faxgerät weggekauft haben. Was also tun? „Auf deutsche Art“ oder „à l’Américaine“ … ?

Leave a Comment