Werkstatt

Projekt #Porschewerkstatt (4) – 300 Kilo Werkbank

Written by hansbahnhof

Eine anständige Werkbank aus den Sechzigern. Zum schleifen, abkanten, löten, schweißen, feilen und so weiter. Aber bitte kein chinesischer Baumarkt-Schrott. Da habe ich mir was eingebrockt.

Ich suche eine Werkbank aus der Zeit, in der man in West-Deutschland noch türkische Hilfsarbeiter freudig mit einem neuen Moped begrüßte und Sylvio Wutbürger in Dresden fröhlich glucksend an einem volkseigenen Pneumant-Sauger nuckelte. Bessere Zeiten.
Doch jetzt werde ich schon wieder politisch. Wo war ich? Achso. Werkbänke.

Das Angebot an klassischen Werkbänken ist bemerkenswert dünn. Baumarktbänke aus asiatischem Dünnblech, verlebte 80iger Relikte und megateuer aufgearbeitete dreißiger Jahre „Rowac“ Sammelstücke zu 2000,– das Stück prägen das Bild der Gebrauchtwerkbankmarktes.

Und dann noch der Hipster…

Und dann noch der Hipster. Denn der surft just 2016 auf der „Industrial“-Trendwelle. Schon in den Anzeigentiteln werde ich auf eBay-Deutsch angeschrien: „ALTE WERKBANK – INDUSTRIAL, VINTAGE, SHABBY CHIC, RAR“!!! Selbst die größten Rostlauben werden als „wohnfertig“ für Berliner Lofts angepriesen. Espressomaschine drauf und fertig ist die Industrial-Kitchen. Eine anständige Werkbank aus den Sechzigern zum Bohren, Feilen, Nageln? Fehlanzeige. Doch ich habe Ausdauer.

Nach zwei Monaten finde ich eine Anzeige von Michael, der eine Werkbank bei TDMs um die Ecke anpreist. Der zwei Meter lange Metallbrocken hat opulente sechs Schubladen plus zwei Schranktüren. Baujahr? Vermutlich fünfziger Jahre. Das jedenfalls schließe ich aus Verarbeitung und Design der Schubladengriffe.

Ich vereinbare einen Besichtigungstermin mit Michaels Frau und Carlos, dem vierbeinigen Werkbank-Sicherheitsdienst.

Die Objekt der Schrauberbegierde steht ungeschützt hinter einem Bruchsteinhäuschen im Herbstregen und sieht etwas verlebt aus. Doch das Aufziehen der Schubladen funktioniert problemlos obwohl innen Regenwasser schwappt. Die 60 Jahre alten Auszüge sind auf eine Lebensdauer von 200 – 300 Jahren ausgelegt. Der Rest scheinbar auch.

Schubladenauszüge. Gebaut für die Ewigkeit.

Schubladenauszüge. Gebaut für die Ewigkeit.

Trotz nicht artgerechter Freilandhaltung hält sich der Rost in Grenzen. Außerdem finde ich Originallack! Innen, an den Seiten und hinten ist der Brocken werkstattgrün lackiert. Das ist meine Farbe – super.

Ich hole tief Luft, drücke Carlos 10 Euro Anzahlung in die Pfote und schnappe das gute Stück dem Holländer weg, der am Wochenende kommen wollte. Jetzt muss das Ding nur noch in die Porschewerkstatt. Kein Problem. Ich kenne Leute mit Transportern.

Rein in den Bully

Christian, 911 Jubi-Fahrer und nebenbei der beste Bäcker von Essen mit eigenem Transporterfuhrpark, ist entsetzt. „Hast Du die GEKAUFT??? Ich meine jetzt – für GELD???“ Ich nenne den Preis und Christian verliert vollends den Glauben an meinen Verstand. Noch immer mit dem Kopf schüttelnd will er die lästige Transportaufgabe schnell hinter sich bringen. „Rein in den Bully mit dem häßlichen Ding“. Doch so sehr er auch zerrt. Das Ding bewegt sich kein Stück. Man könnte genauso gut kräftig gegen den Kölner Dom treten.

Jetzt nur noch kurz einladen. Doch das war eine Fehleinschätzung.

Jetzt nur noch kurz einladen. Doch das war eine Fehleinschätzung.

„Was wiegt die?“, fragt Christian. Keine Ahnung. Wir zerren also gemeinsam. Doch das Geläuf besteht aus murmelgroßen Granitsteinen, die 15 Zentimeter hoch auf den Weg gestreut wurden. Zehn Zentimeter Strecke am Stück sind drin, bevor wir erschöpft eine Pause einlegen. Nach dreißig Minuten sind 8 Meter Gelände überwunden und die Werkbank steht am Heck des Transporters.

Die ersten Meter bis zum Bully sind geschafft. Doch das ist nur der Anfang.

Die ersten Meter bis zum Bully sind geschafft. Doch das ist nur der Anfang.

Mit dem Wagenheber wuchten wir eine Seite des weißen Brockens auf Ladeniveau. Jeder Zentimeter kostet Nerven. Nicht auszudenken, wenn einem sowas auf die Füße fällt.

Langsam wird es dunkel. Regen setzt ein, während wir mal wieder erschöpft Pause machen. Inzwischen ist Carlos samt Frauchen aufgetaucht, um die Verladung zu überwachen. Ich stecke ihm heimlich den Restkaufpreis zu, als Christian nicht guckt. Frauchen erhellt mit dem Smartphone die Dunkelheit. „Und was machen sie, wenn sie den ersten Teil drin haben?“, höre ich es hinter dem Telefon grinsen. Keine Ahnung. Soweit haben wir nicht gedacht. Wir sind Männer.

Eine Stunde später

Eine Stunde später haben wir es geschafft. Wir sind nass, dreckig und völlig durchgefroren. Endlich sitzen und Heizung. Christian startet den Diesel und tritt aufs Gas. „WUWUWUWUWU“ machen die Vorderreifen und greifen qualmend ins Leere. Statt vorwärts zu fahren rutschen wir rückwärts die steile Straße herunter. Christian reißt die Handbremse bis zur Kabinendecke. Die Fuhre stoppt knirschend. „Wasn los?“, frage ich atemlos. „Straße nass“, meint Christian. „Vorderradantrieb“, meint Christian.

Nächster Versuch. Laut pfeifend reißen die Reifen Split aus der Straßendecke. „FIEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIKRSCH“. Die Handbremse rettet uns ein zweites Mal, doch wir haben weitere 20 cm Richtung Tal verloren. Hinter uns ist jetzt nur noch dornige Hecke und feuchtkalte Dunkelheit. Wir schauen uns an. Entweder es geht beim nächsten Mal vorwärts oder wir sind ein Fall für die Bergwacht. „Ich schiebe“, sage ich kurzentschlossen und steige aus ins nasse Kalte. Immerhin, der Bully ist jetzt 90 Kilo leichter.

Christian gibt Gas. Ich stemme meine 90 Kilo irgendwo gegen. Die Reifen rotieren, meine Schuhe verlieren den Grip, Nieselregeln und Straßensplit wirbeln um mich herum und ich falle dicht neben den Hinterreifen auf die Knie als die Pneus doch noch ein Stück festen Grund finden. Der Bully schießt bergauf. „FAAAAHR“ schreie ich, damit Christian nicht etwa stehenbleibt, um mich einsteigen zu lassen. Der ist immer so höflich.

Kurze Zeit später steht der Transporter vor der Porschewerkstatt. Mit der Hubameise ist der weiße Metallklotz schnell aus dem Bully gehievt. „Mein Frau bringt mich um“, meint Christian und blickt auf die Uhr. Den Rest schaffe ich selber, versichere ich ihm und bedanke mich ein letztes Mal.

Als der Bully am Horizont verschwindet, schauen wir uns an. Die Werkbank und ich. „Glaub bloß nicht, dass Du jemals wieder an einem Stück aus dieser Werkstatt rauskommst“, sage ich vorwurfsvoll und trete meinem Neuerwerb kräftig in die Seite. Die Werkbank grinst hämisch und ich humpele mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Auto zurück. Wer is eigentlich auf die Idee gekommen, eine Porsche-Werkstatt im Stil der Sechziger aufzubauen. Ich bin da echt zu alt für.

In der Blog-Serie Projekt #Porschewerkstatt berichtet Teil der Maschine vom Aufbau einer KFZ-Werkstatt im Stil der sechziger Jahre. Mehr Infos über das Projekt findet Ihr in Teil 1.

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

8 Comments

  • Danke Ansgar, sehr schöner Post, insbesondere der Teil mit der Hipster-Konkurrenz. Ich habe Gleiches auf der Suche nach einem Hazet Werkstattwagen erlebt, den der geneigte Hipster wohl auch gerne als Ablage für Bartöl u.ä. nutzt.

    Guido

    • Ich bin genau aus dem Grund bei einer aus dem Schraubergedächtnis zu Unrecht fast gelöschten Marke für Werkstattwagen und anderes gelandet: Dowidat. Dazu mehr demnächst in dieser unendlichen Serie über die #Porschewerkstatt. Grüße!

  • …einen Dowidat „Trabant“ in Erstlack, alle Gummis dran, in liebenswertem Erhaltungszustand (= leichte Patina) und einen von verschiedenen Hazet Assistent in unterschiedlichen Zuständen stelle ich gegen fairen!!! Preis für das Projekt „Porschewerkstatt“ gerne zur Verfügung…die Dinger stehen allerdings in Bayern….

    Wolfgang

    • Oh! Das hört sich gut an. Bayern ist natürlich eine Ecke… – Auch wenn ich umzugsbedingt gerade wirklich schlecht erreichbar bin würde ich mich über ein zwei Fotos an hansbahnhof@teil-der-maschine.de freuen! Ich melde mich sobald ich in der kommenden Woche wieder „richtig“ online bin… Grüße aus dem Pott und vorab herzlichen Dank!

  • pics kommen….in schwarzweiss und meine porschewerkstatt im Winterschlaf „baccoseleven/Instagram“ zum Einstimmen
    PS: der Boxer ist fanatischer Boxermotor(mit)fahrer

  • Passiert auf dieser Webseite nochmal was? Der letzte Bericht ist nun „three month ago“…. Schade war mal richtig unterhaltsam….

    • Hallo Peter, Du kannst Dir vielleicht vorstellen, dass es manchmal im Leben ein paar andere Prioritäten geben muss.
      Aber – ja – hier wird wieder was passieren. Das „richtig unterhaltsam“ nehme ich mal als Kompliment. Und ich bin immer offen für Gast-Posts von begeisterten Porsche-Treibern! In diesem Sinne…

Leave a Comment