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Ulf Poschardt: Porsche 911 – Buchkritik

Written by hansbahnhof

Porsche-Bücher sind entweder technisch oder historisch. Sie sind aber so gut wie nie intellektuell anspruchsvoll und unterhaltend. Ulf Poschardt hat diese Marktlücke mit „Porsche 911“ gefüllt.

Porsche-Bücher sind entweder technisch oder historisch. Sie sind aber so gut wie nie intellektuell anspruchsvoll und unterhaltend. Ulf Poschardt hat diese Marktlücke mit „Porsche 911“ gefüllt. Und vorab: Diese Buchkritik hat nicht den Anspruch, dem Anspruch des Buches gerecht zu werden.

Lesebändchen

„Schreib, dass es ein Lesebändchen hat!“ Die Frau ist bücherabhängig und absorbiert wöchentlich mindestens ein Buch. Da zählt neben den Inhalten auch die Usability. Also fangen wir damit an. Poschardt hat ein Buch mit Lesebändchen geschrieben. Das ist sehr retro. Und sehr benutzbar, wenn man zwischendurch mal eine Pause machen möchte – z.B. um ein schwieriges Wort nachzuschlagen.

Außerdem hat Poschardt ein kleines Buch geschrieben. Ich spreche vom Format. Nicht vom Inhalt. „Porsche 911“ hat ungefähr DinA5 Format und ist damit genau das Gegenteil von Coffetable-tauglichen Publikationen à la „Porsche Rennplakate“. Das kleine Format macht  „911“ übrigens sehr badewannentauglich. Ich bin Badewannenleser und präferiere leichte und handliche Bücher, weil sie im häuslichen Feuchtraumumfeld besser zu handhaben sind. Außerdem ist es in Leinen eingebunden, so wie man es in den Fünfzigern gemacht hätte. Damit ist es nachhaltig, haltbar und ein Statement in Zeiten von E-Books und Facebooks.

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Lesebändchen: Ulf Poschardts „Porsche 911“

An der Gestaltung des Einbandes scheiden sich die Geister. Die Frau – sonst eher für „bunt und lebendig“ zu haben – findet den schwarzen Deckel mit weißem „911“-Schriftzug genial. Ich – sonst eher Bauhaus – glaube, dass Poschardt sich hiermit keinen Gefallen tut. Denn das hier „Porsche“ und oder „911“ drin ist, ist dem Buch von außen kaum anzusehen. Ein typischer Gelegenheits-Porschebuch-Käufer wird beim Buchhändler seines Vertrauens schnell an Porschards Werk vorbeirauschen.

Poschardts Porsche-Psychogramme

Aber was steht denn eigentlich drin? Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie ein Porschebuch gekauft, dessen Inhalt mir im Vorfeld so unklar war. Dass Poschardt kein Werkstatthandbuch und auch keine Porsche-Historie geschrieben hatte, war mir klar – aber was dann?

Poschardt schreibt über das Phänomen Porsche und hinterfragt die Gründe für den Erfolg von Unternehmen und Konzept. Dabei schreibt er dann doch und natürlich über die Geschichte des Hauses Porsche und über die Geschichte der verschiedenen Modellreihen mit Schwerpunkt Porsche 911. Aber nicht ausschließlich. Er schreibt über deutsche Geschichte, Philosophie, Psychologie, die Gesellschaft sowie über Emanzipation (genau – das mit den Frauen). Er schreibt auch und insbesondere über Leute, die mit Porsche zu tun haben und von denen man das nicht immer weiß: Udo Lindenberg, Martin Heidegger, der vielleicht mal Porsche-Beifahrer war, und über Leute, die in den späten 80er Jahren ihren Porsche vor dem P1 in München parkten.

Er schreibt über Filme und Fernsehserien, in denen Porsches vorkommen und er setzt deren Protagonisten schonungslos auf die Couch – die Freud´sche. Außerdem nimmt er den Leser auf Zeitreisen und Weltreisen mit. Denn Porsche ist ein globales Phänomen, das globalisierte Blüten treibt: Das geht von Ingo Rübener (Porschetreffen Dinslaken) über Rauh Welt (Japan) bis Jerry Seinfeld (USA).

Die Macht des geschriebenen Wortes: Ein paar Fotos sind aber drin.

Die Macht des geschriebenen Wortes: Ein paar Fotos sind aber drin.

Die Reise durch Zeit und Raum ist  Kopfkino für Leute, die ihren Kopf nicht nur zum Helmaufsetzen haben. Dafür braucht man ein Abitur vor 1990 oder einen vergleichbaren Bildungsabschluss. „Sic!“, würde Poschardt jetzt möglicherweise kommentieren. Zusätzlich benötigt man Vorkenntnisse der Porsche-Geschichte und -Modellgeschichte. Denn auf Bildmaterial verzichtet Poschardt fast ganz. So wird es für den absoluten Porsche-Anfänger an einigen Stellen schwer mit dem Kopfkino.

Fazit

Ich mag intelligente Leute, weil sie mich mit ihrem Wissen und ihrer Logik beeindrucken. Ich mag aber nicht zwangsläufig auch ihre Bücher lesen. Poschardts Buch habe ich mit Vergnügen gelesen. Weil es anders ist, als die üblichen Publikationen zum Thema und weil es schlau unterhält UND informiert. Poschardt hat eine Nische in der Masse der Porschebücher gefunden und sie elegant, eloquent, humorvoll und fachlich fundiert ausgefüllt. Das tut der promovierte Philosoph auf Grundlage umfangreicher Recherchen, mit viel Spaß am Erzählen und in geschliffenen Formulierungen. Ich musste einzelne Wörter nachschlagen – zugegeben.  „911“ ist kein Buch für dumme Leute. Es ist auch kein Buch für absolute Porsche Anfänger – bei denen wird das Porsche-Kopfkino mangels visueller Unterstützung nicht immer  funktionieren. Es ist aber ein wunderbares Buch für Porsche-Intellektuelle, die sich als Fazit über einen Freibrief ihrer Obsession freuen können. Zitat:  „Ein gesunder Narzissmus sei wichtig für ein unneurotisches Selbstwertgefühl“.

Das Fazit der anderen

Die Szene hat Spaß mit dem Buch – so höre ich es von denen, die meinen, dazuzugehören. Poschardt erhält für sein Buch bei Amazon durchgehend fünf Sterne. Lediglich ein Rezensent zieht zwei Sterne ab: Weil die „911“ auf dem Einband weiß abfärbt. Ich habe es getestet und der Mann hat nicht völlig unrecht. Jedenfalls, wenn man sich draufsetzt oder das Buch mit großem Druck an einem schwarzen Anzug reibt. Wer Bücher nach ihrer Abriebfestigkeit beurteilt, sollte also zu einem anderen Buch greifen. Dem örtlichen Telefonbuch zum Beispiel.

Autor: Ulf Poschardt
Verlag: Klett Cotta
Titel: 911
Sprachen: deutsch
Eignet sich für: Menschen mit einem Abitur vor 1990, ehemalige P1-Gänger, Angehörige der „Generation Golf“, Geschichtsinteressierte, Philosophen. Eignet sich außerdem für Intellektuelle und gleichzeitig porschebegeisterte Menschen, die Humor besitzen oder jemanden kennen, der Humor hat, Lesekundige, denen eine gute Schreibe für großes Kopfkino ausreicht.  Kein Schrauberbuch. Kein Coffeetable-Buch. Empfehlung von Teil der Maschine!

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

7 Comments

  • Hallo Hansbahnhof!

    Habe die Buchkritik mit Genuss gelesen und das Buch bestellt.
    Im Gegensatz zu meinem Targa werde ich dieses Jahr noch öfter ein Bad
    nehmen und dabei das Buch in Ruhe lesen.

    Grüsse aus dem Münsterland !
    Andreas

  • Das Buch ist klasse, tolles Format.
    Lässt sich in der Badewanne aber auch im Strandkorb vorzüglich lesen.

    Grüße aus dem Münsterland!

    Andreas

  • Hallo Hansbahnhof,

    du hast die Essenz dieses Buches sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich habe es ebenfalls mit großer Freude gelesen. Es steht wirklich in großem Kontrast zu Allem, was ich bisher zum Thema Porsche gelesen habe. In einem Punkt muss ich dir jedoch widersprechen: auch mit einem Abitur weit nach 1990 ist es möglich, Poschardts Reflexionen und Brückenschlägen zu folgen.
    Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei dir gleich noch für die vielen weiteren interessanten Beiträge auf dieser Seite bedanken.
    Weiter so & Glückwunsch zum 65er, ein Traum!

    Grüße
    Coco

  • Schade, besitze zwar 8 Porsche und lese gerne in der Wanne habe aber kein Abitur.
    Gut das ich das Buch nicht gekauft habe, am Ende hätte mir der Intellektuelle Zugang gefehlt. Hurz

    • Ich rechtfertige mich (nicht) damit, sondern weise darauf hin, dass ich das Buch für (Zitat) „Menschen mit einem Abitur vor 1990, ehemalige P1-Gänger, Angehörige der „Generation Golf“, Geschichtsinteressierte, Philosophen, Intellektuelle und gleichzeitig porschebegeisterte Menschen, die Humor besitzen oder jemanden kennen, der Humor hat und für Lesekundige, denen eine gute Schreibe für großes Kopfkino ausreicht“ geeignet empfunden habe. Wie wäre es mit einer Zuordnung zur Gruppe „Philosophen“ oder „Menschen, die Humor besitzen“. Das dürfte doch passen. Stünde sonst gegen Ende des Kommentares doch wohl nicht das Hape´sche „Hurz“?

  • Achtung hier schreibt eine Frau!!!!!!! – Und die verstehen ja bekanntlich nicht viel von Autos – sagt man jedenfalls. Dennoch habe ich die Taschenbuchausgabe von „911“ gelesen. Zwar nicht in der Badewanne, war aber dennoch total begeistert, was man in Poschards Buch so alles lernen kann.

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