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Warum heute schon morgen ist – am Beispiel von reifen.com

Written by hansbahnhof

Was Schlaggewichte auf Porsche-Chromfelgen, lustlose freie Porsche-Werkstätten und die Gesetze der “neuen” elektronischen Wirtschaft miteinander zu tun haben.

Zu Beginn eine kurze Erklärung zu diesem Post: reifen.com ist ein Reifendiscounter mit Sitz im Internet und an zahlreichen Standorten in Deutschland. Unter anderem befindet sich eine Filiale quasi vor meiner Haustür an der Gladbecker Straße in Essen. Die Reifen kann man online oder im Laden bestellen. Und man kann sie in einer der zahlreichen Filialen montieren lassen. reifen.com gehört damit zu den Geschäftsmodellen, die virtuelles und Vor-Ort Geschäft scheinbar erfolgreich verbinden.

Der nachfolgende Text spannt einen ganz weiten Bogen: Von der Verwendung von Schlaggewichten auf Porsche-Chromfelgen über die oft lustlose Dienstleistung alteingesessener kleiner und mittelständischer „Fach“-Betriebe bis hin zu den Gesetzen der „neuen“ elektronischen Wirtschaft. Eine Wirtschaft, die von vielen Klein- und Mittelständlern noch als Zukunftsmusik abgetan wird obwohl sie schon längst Realität ist.  Das ist teilweise pseudophilosophisch – ich weiß. Aber es ist nicht langweilig. Versprochen.

Wer macht den sowatt???

„WER MACHT DENN SOWATT???“, mein Lieblingsreifenexperte von reifen.com stemmt entrüstet die Arme in die Hüften. „Was?“, frage ich besorgt. „NA SOWATT!“, er deutet entsetzt auf die schicken verchromten 5,5er Kronprinzfelgen am 1965er Porsche 911. „SCHLAGGEWICHTE AUF CHROMFELGE!!“

Die Schlaggewichte auf den originalverchromten 67er KPZ-Felgen hatte die freie Porsche Fachwerkstatt erst vor wenigen Wochen montiert. „Wo ist das Problem?“, frage ich vorsichtig, denn ich habe keine Ahnung – ich bin Kunde und leiste mir den Luxus umfassender Ignoranz. „SIEHT SCHEI … AUS UND ROSTET!!!“, grinst der Experte. Achso.

Sieht scheisse aus und rostet: Schlaggewichte auf Kronprinz-Chromfelge beim Porsche 911 Coupé von 1965

Sieht schei … aus und rostet – man muss es nur wissen: Schlaggewichte auf Kronprinz-Chromfelge beim Porsche 911 Coupé von 1965

Es gibt sie noch im Pott. Die Typen, die ein Berliner oder Münchener unpassenderweise und leicht von oben herab „Ruhrie“ nennt: Leute mit dem Herzen auf der Zunge, einer ganzen Menge Ahnung von dem, was sie tun und einer Portion Bauernschläue knapp obendrüber. Gepaart mit Ehrlichkeit. Tugenden, die ich gerade beim schraubenschlüsselschwingenden Handwerk viel zu häufig vermisse. Doch kommen wir zurück zu dem Mann, der mit den Händen in den Hüften entrüstet vor meine Porsche 911 2.0 Coupé von 1965 steht.

Wo sollen wir den Heber ansetzen?

„Wo sollen wir den Heber ansetzen?“, ist die erste Frage. Wohlgemerkt vom einem Mitarbeiter eines der vielgeschmähten Online-Discounter im KFZ-Gewerbe. Der Rangierwagenheber wird hier nicht mal eben irgendwo druntergeschoben. Er wird nach meinen Anweisungen vorsichtig unter dem angejahrten Porsche platziert und hebt dort, wo nichts beschädigt wird. (Für alle, die noch nie einen Porsche mit dem Wagenheber hochgelupft haben: Porscheheben ist eine Kunst, wenn man nichts kaputtmachen will).

Dann kümmert sich der reifen.com-Mann um den von mir am vergangenen Wochenende zwangsweise montierten Ersatzreifen. „GUCK MAL –  von wann ist denn der?“ Die beiden Reifenexperten haben einen so alten Ersatzreifen schon lange nicht mehr gesehen. Ein anderer Experte hilft aus. „Achtziger oder vielleicht sogar siebziger Jahre – wollen Sie einen neuen?“ Während der dritte Mann ins Büro verschwindet, um zu schauen ob ein 165er Vredestein für die 65er Lemmerz-Ersatzfelge am Lager ist, kümmern sich zwei Kollegen um den Rest.

War aber auch nötig. Dieser Reifen hat uns als letzte Aktion von Bielefeld zurück nach Essen gebracht. Den Großteil der Strecke aber über Land...

War aber auch nötig. Dieser Reifen hat uns als letzte Aktion von Bielefeld zurück nach Essen gebracht. Den Großteil der Strecke aber über Land…

„Sollen wir die Schlaggewichte bei allen Felgen abmachen? Wir machen dann innen Klebegewichte rein. Sieht besser aus, hält die Luft besser und schont die Felgen.“

Ich diskutiere nicht lange rum. Die Jungs machen das schließlich jeden Tag: „So´n Auto muss man mit SAMTHANDSCHUHEN anfassen!“ – Kopfschüttelnd demontieren die beiden Reifenspezis meine Räder und entfernen vorsichtig die Schlaggewichte. Keine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei. Der Pfusch (darf ich das so krass nennen?) der Fachwerkstatt ist beseitigt, ein zukünftiger Schaden an den schönen und seltenen KPZ-Felgen des Porsche verhindert. Abgesehen davon, dass es nicht mehr schei… aussieht.

Außerdem ist für eine neue Reifenpanne mit einem passenden Reifen vorgesorgt. Als Kunde fühle ich mich hier – nach langer Zeit mal wieder – anständig beraten und gut rundumversorgt. Und dafür gebe ich dann auch gern Geld aus.

"Sieht scheisse aus und rostet." Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Gute Arbeit!

Bei reifen.com an der Gladbecker Straße in Essen –  Gute Arbeit!

Das Internet macht die kleinen Händler kaputt. Oder?

Noch vor Kurzem hatte ich eine Diskussion mit einem Einzelhändler zum Thema Internet. „Die machen uns alle kaputt mit dem Internet und den billigen Preisen – WIR machen die Beratung und dann gehnse woanders einkaufen.“ Ich stimme dem nur teilweise zu und verachte Kunden, die Beratung schnorren. Ich bin auch Berater und werde dafür in der Regel anständig bezahlt.

Dass der Erfolg der gescholtenen Internetanbieter und Discounter aber ausschließlich den kleinen Preisen zuzuschreiben ist,  halte ich für ein ausgemachtes Gerücht. Das kürzliche Ableben einer großen Baumarktkette, bei der alles aus Tiernahrung immer 20% billiger war, hat uns das plakativ vor Augen geführt. Denen müsste es doch nach dieser Theorie ganz blendend gehen – oder?

Reifen, Schnuller oder Magerquark

Erfolg heißt in Zeiten von Facebook, Vernetzung und globalem Geschäft zwangsläufig auch, dass man mehr bieten muss, als die Alteingesessenen. Konkurrenzfähige Preise genügen da eben nur in Kombination mit anderen Qualitäten. Gute und freundliche Beratung, schnelle Reaktionszeiten, Kulanz und eine anständige Präsenz im Internet sind das Minimum, das Kunden heute zu Recht verlangen. Und es wird in Zukunft das Minimum sein, das zu leisten ist, wenn man in einer globalisierten E-Wirtschaft überleben will. Ganz unabhängig davon ob man Reifen, Schnuller oder Magerquark verkaufen will.

Einige Unternehmen kriegen das ganz offensichtlich hin. Andere – kleine und große – werden schon in naher Zukunft spüren, wie entscheidend sich der Wind bereits gedreht hat. Die Zeiten von „Draußen nur Kännchen“ und „das haben wir immer so gemacht“ sind – zum Glück – auch in Deutschland schon heute vorbei. Der Kunde König sitzt mit seinen Bewertungsportalen und den Rückkanälen Facebook, Twitter, Youtube, Pinterest etc. nämlich (endlich?) mal am längeren Hebel. Im schlimmsten (oder besten Fall) hat er einen eigenen Blog. (Hallo!)

Entschleunigungsoption – ja bitte. Rückfahrkarte nicht erhältlich.

Das heißt für mich nicht, dass ich die neue Wirtschaft und ihre immer höhere Geschwindigkeit kritiiklos als Königsweg bezeichnen möchte. Manchmal wünsche ich mir bei der Onlinebestellung einen „hat Zeit“ Button. Ich muss nicht immer schon am nächsten Tag mein Amazon-Paket haben. Echt nicht. Und schon gar nicht, wenn ich mir überlege, dass da auf der anderen Seite immer noch Menschen für Mindestlöhne Pakete packen, schleppen müssen und dann auch noch blöd angemacht werden, wenn es dann doch mal was länger gedauert hat. Auf diese Effekte von Globalisierung und elektronischem Handel kann ich gut verzichten. An die anderen und positiven habe ich mich gewöhnt und möchte sie nicht missen.

Und – da ich weiß, dass der Einwand kommt: Natürlich gibt es unsubstantiierte Kritik und gefälschte Bewertungen im Internet. Sind ja alles nur Menschen – nette und bekloppte – ein Spiegelbild der Gesellschaft, die in Deutschland ja fast vollständig im Internet unterwegs ist. Doch wer aus Angst vor dem sicheren Shitstorm ignoriert, dass sich Wirtschaft UND Gesellschaft gewandelt haben, macht einen tödlichen Fehler. Zumal natürlich auch der Wettbewerb sich gleichberechtigt mit den nicht so schönen Auswirkungen der neuen elektronischen Wirktlichkeit auseinandersetzen muss.

Mein Fazit

Wenn ein reifen.com die Grätsche aus Online-Präsenz, Fachkompetenz, Preis, Service, Kulanz und netter Behandlung hinbekommt, sollte sich so mancher Mitbewerber Gedanken über das eigene Konzept machen. Vor Allem, wenn er sich selber als „Meisterbetrieb“ und Fachwerkstatt bezeichnet. Und vor Allem dann, wenn er zu gesalzenen Preisen mittelmäßige Arbeit abliefert. Ich gucke hier keine besonderen an – aber ich habe sie mir alle gut gemerkt.

Hinweis

Für den obigen Blogpost, der in Teilen das Gefühl aufkommen lassen könnte, dass er gesponsert wurde, habe ich weder Vergünstigungen noch sonstige geldwerte Vorteile erhalten. Mein Besuch war außerdem spontan und nicht angekündigt. Das nur zur Klarstellung: Ich habe keinerlei geschäftliche oder private Beziehungen zum genannten Dienstleister! Nur mehrere gute Erfahrungen…

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hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

2 Comments

  • Dem kann ich nur beipflichten. Sogar bei Porsche selbst im Werk (!) achtet man nicht auf solche Details. Letztes Jahr im Juni einen neuen 911 Carrera S Cabrio (Modellreihe 991) in Zuffenhausen abgeholt. Felgen komplett schwarz lackiert, aber nicht wie sonst mit dem silbernen Rand, sondern komplett schwarz, auch die Innenseite (als verdeckte Option CXX bestellbar). Kostet ein Heidengeld (2.500,- Euro). Und was macht Porsche? Klebt silberfarbene Ausgleichsgewichte rein. Sieht sch… aus und ist vor allem eine unglaubliche Ignoranz gegenüber dem (viel) zahlenden Kunden. Habe die Gewichte dann hier im Porsche Zentrum gegen schwarze Gewichte austauschen lassen, die es übrigens problemlos gibt. Nur halt nicht bei Porsche in Zuffenhausen, da sind schwarze Gewichte nicht vorgesehen. Kann Dir gern ein Foto davon mailen.

    • Mail mal – würde mich auch interessieren. Fakt ist, das (überall) Zeit Geld ist, man aber in Werkstäten (egal welcher Marke und egal ob frei oder markengebunden) für gutes Geld ganz offensichtlich weder mehr Zeit noch mehr Sensibilität gegenüber dem vierrädrigen Kulturgut kaufen kann. Meine Erfahrung ist, dass „schnellschnell“ die Regel ist und nicht die Ausnahme. Und happige Rechnungen sowieso. Da die Branche / Szene aber ständig miteinander im Kontakt ist, funktioniert auch lässliche Arbeit natürlich mittel- oder langfristig nicht mehr. Denn alle unterhalten sich mit allen. Und wer mittelmäßige Arbeit abliefert landet in Blogs, Foren oder – wie bei Dir jetzt – in einem negativen Kommentar in einem Blog. Eigentlich fast schade, dass anständiger Service wie hier im Falle des Reifendiscounters schon so auffällig ist, das man (ich) einen Blogbeitrag drüber schreibt…

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