1965 2.0 Coupé - Porschekauf in USA TdM Blog News

You´ve come a very long way – Jerry wird 50

Written by hansbahnhof

In diesem Blogpost geht es um vermenschlichte Autos, „Jerry“, den 1965er Porsche 911 und T1-Busse in Holland. Das passt schon irgendwie zusammen.

„Unser Auto ist 50 geworden“. Wie bescheuert hört sich denn das an? Stehe ich damit etwa in einer Reihe mit Leuten, die ihrem Schiwawa zu Weihnachten eine Nikolausmütze aufsetzen und beschenken?

Natürlich.

Der 65er Porsche ist für mich bzw. uns mehr, als nur eine Metallkiste auf vier Rädern. Er ist Familienmitglied und wir haben ihn getauft. Auf den Namen des Vorbesitzers „Jerry“.

Je länger drüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass ich mein Auto vermenschliche. Na, dann können wir ja auch seinen Geburtstag feiern.

Der 66er Porsche, der zum 65er Porsche wurde

„…. der 911er wurde am 04. Juni 1965 ausgeliefert. Dieses Datum wird Ihnen auch in der Geburtsurkunde bestätigt.“

Es war ein kurzes aber wichtiges Mail, was da von Porsche auf meinen Tisch flatterte, als ich „Jerry“ vor etwas mehr als zwei Jahren zuließ. Denn das aus den USA importierte Porsche 911 2.0 Coupé „Modell 1965“ war zeitlebens mit der Erstzulassung „1966“ in den Staaten unterwegs.

Selbst Vorbesitzer Jerry war jahrelang mit einem Kennzeichen herumgefahren auf dem das falsche Geburtsdatum des Elfers stand.

66 PRSH - Jerry mit seinem alten Nummernschild. 65er Porsche 911 wurden in den Staaten immer als 1966er Fahrzeuge zugelassen.

66 PRSH – Jerry mit seinem alten Nummernschild. 65er Porsche 911 wurden in den Staaten immer als 1966er Fahrzeuge zugelassen.

Seit seiner Rückkehr nach Deutschland trägt Jerry (das Auto) nun stolz das passende Kennzeichen mit dem richtigen Baujahr: 1965. Eine lange Zeit.

Geburtstag in Holland

Eigentlich wollen wir ja zum Feiern mit Jerry zurück zum Werk in Zuffenhausen. Zurück in die Vergangenheit quasi. Doch ausgerechnet an dem Wochenende ist in Stuttgart Kirchentag und alle Hotels sind ausgebucht.

Als Alternative bietet sich eine Ausfahrt ins nahegelegene Holland an. Spontanes Ziel „Busse gucken“ bei Kieft en Klok in Renkum. Da wollte ich immer schon mal hin. „Aber einen Kuchen backe ich noch“, meint die Frau, die glücklicherweise immer einen Grund zum Kochen findet und verschwindet hinter der KitchenAid. Süß.

WUWUWU

Ich wische derweil den Staub des Winters von Jerry. „Sind wir wirklich zuletzt 2014 mit Dir gefahren?“, denke ich und stelle fest, dass ich schon wieder mit meinem Auto rede. Psycho.

Schlüssel drehen. Benzinpumpe läuft. Zündung. WUWUWU. Acht Monate ohne Bewegung sind auch für einen Sechszylinder aus Zuffenhausen eine lange Zeit. WUWUCHKRCHKRCHRKWUWUWU. Jerry bockt rum, bis er irgendwann unwillig anspringt. Mit Fünfzig kann man sich das leisten. Viele seines Baujahres wurden schließlich schon in den Siebzigern weggeschmissen oder gequadert.

Missmutig vor sich hin sprotzelnd steht er dann irgendwann vor der Garage und sieht jetzt schon ein bißchen nach Geburtstag aus. Natürlich ist er nicht perfekt mit seinen fünfzig Jahren. Er ist etwas zu tiefgelegt und etwas zu breit an den hinteren Kotflügeln. Alles Überbleibsel aus der Zeit, in der man ihn auf „911 S“ getrimmt hatte. Doch wem fällt das schon auf?

Klok macht ein Foto

Nach fast zwei Stunden im LangesWochenendeStau vor Holland treffen wir in Renkum ein.

Das Dörfchen ist Hollands VW-Bus-Hauptstadt. Grund dafür ist unter anderem Maurice Klok. Er ist das „Klok“ in „Kieft en Klok“. Klok und Kieft verkaufen seit einer gefühlten Ewigkeit alte VW-Busse in die ganze Welt und schrauben auch dran rum.

VOLKSWAGEN - bei Kieft en Klok in Holland werden Busse en gros und en masse verkauft

VOLKSWAGEN – bei Kieft en Klok in Holland werden Busse en gros und en masse verkauft

Doch jetzt macht Klok erst einmal ein Jerry-Foto für Facebook. Er freut sich, dass wir ausgerechnet am 50. Geburtstag bei ihm Busse gucken.

Kaum hatten wir Jerry geparkt, hatte Herr Klok das Geburtskind auch schon auf Facebook verewigt.

Kaum hatten wir Jerry geparkt, hatte Herr Klok das Geburtskind auch schon auf Facebook verewigt.

Während Geburtstagskind Jerry auf Facebook die ersten Likes der Busgemeinde einfährt (https://www.facebook.com/kieftenklok/photos/a.494957407253201.1073741826.494946237254318/840603899355215/?type=1&theater) beschäftigen wir uns mit den feinen Unterschieden zwischen VW T1, T2a und T2b. Wer soll da durchsteigen.

Käfer, Busse und sonstiger Kleinkram vom Samba Bus zum Preis einger Eigentumswohnung bis hin zu Schwinn-Fahrrad: Kreatives Chaos bei Kieft en Klok in Renkum.

Käfer, Busse und sonstiger Kleinkram vom Samba Bus zum Preis einer Eigentumswohnung bis hin zu Schwinn-Fahrrad: Kreatives Chaos bei Kieft en Klok in Renkum.

Die Frau kauft einen Surf-Bus

Die Frau kann das. Sie entscheidet sich schnell für einen total unoriginalen und tiefergelegten VW T1 Surf-Bus mit Hawaiianischer Blümchenmuster-Innenverkleidung. „Hang-Loose“, denke ich, denn den blauen Schönling können wir uns natürlich nicht leisten. Jedenfalls müssen wir mal intensiv drüber nachdenken.

Die Frau will den hier. Basta. T1 Bus bei Kieft en Klok in Renkum.

Die Frau will den hier. Basta: T1 Bus bei Kieft en Klok in Renkum.

Mindestens 5 Kinder und größerer Hund passen hier rein. Ein Argument, auch wenn man weder das Eine noch das Andere hat.

Mindestens 5 Kinder und größerer Hund passen hier rein. Ein Argument, auch wenn man weder das Eine noch das Andere hat.

Blümchenmuster Hawaii. Keine Standardausstattung von Volkswagen in den Fünfzigern. Aber sehr hang loose.

Blümchenmuster Hawaii. Keine Standardausstattung von Volkswagen in den Fünfzigern. Aber sehr hang loose.

Heißen die Dinger "Banjo-Lenkrad" - keine Ahnung. Ich kenne mich nicht aus. Hat aber offensichtlich Trucker-Maß.

Heißen die Dinger „Banjo-Lenkrad“? Keine Ahnung.  Hat aber offensichtlich Trucker-Ausmaße.

Wir diskutieren über die eklatante Diskrepanz zwischen Haushaltskasse und Buspreis.

Klok bietet uneigennützig an, den 911 S 2.4 Targa gegen den T1 einzutauschen und grinst. Wir grinsen ebenfalls, versprechen, dass wir das mal durchdenken. Aber erst trinken wir einen Koffie, der in Holland immer klaar ist und wir werden Kieft vorgestellt („Dat is Kieft!“). Kieft macht Telefondienst und einen sehr entspannten Eindruck. Das ist sympathisch.

Der patinierte 65er sieht neben einem endpatinierten T1-Surfbus aus wie "Zustand 1". Beides gefällt mir gut.

Der patinierte 65er sieht neben einem endpatinierten T1-Surfbus aus wie „Zustand 1“. Beides gefällt mir gut.

Nach dem Koffie ist es Zeit, sich von den Bussen zu verabschieden und Zeit, sich ernsthaft zu unterhalten. Über die Fürs und Widers von T1- und  T2-Bussen, über Originalität und die theoretischen Vorzüge von Porsche-Motoren im T1. Den Autogeburtstag hätten wir darüber fast vergessen. Aber nur fast.

Die Kerze geht aus

Zeit zum Kuchenessen. Wir brauchen einen passenden Deich und finden ihn am Fluss Waal, der eigentlich der Rhein ist, aber hier schon einen holländischen Akzent hat. Die Waal fließt. Träge und breit unter weißen Brücken entlang. Das entschleunigt nicht nur uns.

Ein Geburtstagsdeich für Jerry den Porsche. Menschen, die Autos vermenschlichen, sind schrecklich romantisch.

Ein Geburtstagsdeich für Jerry den Porsche. Menschen, die Autos vermenschlichen, sind schrecklich romantisch.

Kühe baden am Strand (Kein Scherz!). Ein Kuckuck ruft auf holländisch. Das Gras bewegt sich im Wind. 26 Grad. Geburtstagswetter. Die Frau hat natürlich an eine Geburtstagskerze gedacht. Nur nicht daran, dass in Holland meist steife Brisen wehen. Also gibt es Kuchen mit Kerze im „Off-Modus“ und wir machen Erinnerungsfotos vom 50 Jahre alten Jerry und uns.

Geburtstagskerze für ein Auto im "Off-Modus" Dank holländischer Brise. Der gute Wille zählt.

Geburtstagskerze für ein Auto im „Off-Modus“ Dank holländischer Brise. Der gute Wille zählt.

Der Geburtstagsporsche steht unschuldig in der Abendsonne und tut, als wäre nichts gewesen. Dabei hat er ein biblisches Alter erreicht. Wurde von vier Vorbesitzern geliebt, modifiziert, gefahren, verflucht, repariert, weiterverkauft und – vielleicht – vermenschlicht.

Blick zurück und nach vorn

Vielleicht denkt er jetzt an seinen letzten Besitzer Jerry in Geneva bei Chicago zurück, der ihn aufopferungsvoll gepflegt hat. Oder an die Jahre bei Bob in Arizona, der ihn in einer Lagerhalle bei rosthemmenden Wüstentemperaturen untergebracht hatte. Vielleicht sinniert er aber auch über die tolle Zeit mit Billie und Lonny, die in den Siebzigern ein akribisches Servicebuch über jede einzelne Reparatur führten.

Jerry (Vorbesitzer Nr. 4) mit Jerry (dem Porsche) im April 2013 in Geneva bei Chicago

Jerry (Vorbesitzer Nr. 4) mit Jerry (dem Porsche) im April 2013 in Geneva bei Chicago

Vielleicht denkt er aber auch gar nicht. Das ist wahrscheinlich. Denn er ist ein Auto. Das vergessen wir dauernd.

Wir denken jedenfalls nach. Über die kommenden Jahre. Jahre, in denen Jerry immer seltener auf der Straße zu sehen sein wird, weil er plötzlich kein Auto mehr ist, sondern eine „Investition in Sachwerte“.

Mich stimmt das traurig und ich wünsche mir die Zeiten zurück, in denen sich keiner für eine solche alte Karre interessiert hat. Zeiten, in denen man mit einem alten Porsche mal eben drei Wochen Urlaub machen konnte, ohne ihn Nachts anketten zu müssen.

Blick zurück nach vorn - wird Jerry in den kommenden Jahren immer seltener solche Fahrten machen?

Blick zurück nach vorn – wird Jerry in den kommenden Jahren immer seltener solche Fahrten machen?

... auch wenn die Frau dann ihren Surf-Bus fährt...

… auch wenn die Frau dann ihren Surf-Bus fährt…

Und was ist in fünfzig Jahren? Wird Jerry noch fahren, wenn er 100 wird? Oder steht er dann in einem chinesischen Automuseum hinter Panzerglas?

Egal. Wir werden in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass er weiterhin nach Draußen kommt. Denn Jerry gehört auf die Straße und wir trauen ihm noch Einiges zu. Zumal er nun- nach 200 Kilometern durch Holland – wieder anspringt wie ein Junger. ROARR macht der Sechszylinder. So ist brav. You´ve come a very long way, Jerry. Das verdient Respekt, auch wenn Du „nur“ ein Auto bist.

Happy Birthday.

 

About the author

hansbahnhof

Unheilbarer Petrolhead seit 1966. Hat begonnen mit Vespa-Motorrollern und dann irgendwann mit Porsche weitergemacht.

11 Comments

  • What a delight to see my old car celebrating his 50th birthday among others who speak his native language and who love and care for him as I did. I did not know the actual date of his birth but will now celebrate it every June 4th, raising a glass of proper vintage in his honor. He gave me a lot of happy hours and I hope he continues to bring joy to Ansgar and Sandra, along with all those who see and admire his timeless beauty.
    Jerry Weiland

    • Jerry – thank you for your comment and for being not only part of the car´s history but a special friend! Ansgar and Sandra

  • Schöne Schreibse. Meine Lady wird dieses Jahr im September 40. und ich hoffe, dass ich niemals der Sachwertinvestitions Welle folgen werde und noch viel Spaß auf der Straße habe. „find an open road“….

    • Danke Rüdiger. Das Finden von Open Roads dürfte uns auch in Zukunft nicht schwer fallen. Das Auffinden von Secure Parkings auf zweiwöchigen Urlaubsreisen durch Europa wird aber immer komplexer…

  • Lieber Ansgar,

    einfach herllich und wie immer ein kleines „Highlight“ die Geburtstagsgeschichte von Ihrem Jerry. Es ist klasse, dass es Menschen wie Sie gibt, die diese Dinge so schön auf den Punkt bringen können. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau noch ganz viele tolle Jahre mit Jerry. Genießen Sie jeden Augenblick mit dem wunderbaren alten Porsche. Irgendwie ist es mit den alten Elfern wie mit einer guten Flasche Rotwein. Je älter sie werden desto besser und wertvoller werden sie. In diesem Sinne, alles Gute und weiterhin so viel Lebensfreude mit dem guten alten Jerry.

    Bin gespannt wie es mit der Frau und dem Bus weitergeht 😉

    Mit besten Grüßen und eine guten Start in die neue Woche wünscht Ihnen

    Joachim Gampp

    • Hallo Joachim, vielen Dank! Und wir werden berichten, wie es mit dem Bus weitergeht… – wenn es denn einer wird!

    • Es soll ja sogar noch Ältere geben, die dringend mal wieder auf die Straße wollen! Glückwünsche richte ich aus. Demnächst berichten wir dann mal über 924er Restaurationen in Bochum..

  • Eine spannende und richtig unterhaltsame Geschichte, die mir für meine Recherche in puncto Originalität meines 911 wichtige Erkenntnisse geliefert hat. Übrigens kennen sich Jerry und mein noch namenloser Urelfer (am 01. Juni 1965 ausgeliefert) vermutlich aus der Produktion.
    Über ein Kennenlernen würden sie sich bestimmt freuen, zum Beispiel im Rahmen der nächsten Techno Classica.
    Viele Grüße und vor allem Spaß mit Jerry
    Dominik

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